„Das Immunsystem stärken“ ist einer der meistverwendeten Sätze im Pferdestall – und einer der unklarsten. Dahinter steht kein Organ, das sich anschalten lässt, sondern ein Zusammenspiel, das vor allem von Bedingungen abhängt: Luft, Ration, Bewegung, Ruhe.
Das Wichtigste in Kürze
- Es gibt keinen Schalter – was wirkt, sind die Bedingungen, unter denen das Pferd lebt
- Die Stallluft ist der größte einzelne Hebel, und sie kostet nichts
- Nach intensiver Belastung gilt eine Phase erhöhter Anfälligkeit als beschrieben
- Immundrogen sind Kuren mit Anwendungsgrenzen, keine Dauerbegleiter
- Bei Fieber ist nicht die Fütterung die Frage, sondern die Praxis
Wie die Abwehr arbeitet
Zwei Systeme greifen ineinander – das eine schnell und unspezifisch, das andere langsam und zielgenau.
Die erste Linie
Haut und Schleimhäute halten ab, was gar nicht erst hineinsoll; Fresszellen nehmen auf, was durchkommt. Diese Linie entscheidet, ob ein Erreger überhaupt ankommt – und sie ist der Grund, warum geschädigte Atemwegsschleimhaut so viel ausmacht.
Die zweite Linie
Spezialisierte Zellen erkennen einen bestimmten Erreger, bilden Antikörper und merken sich ihn. Genau darauf beruhen Impfungen.
Der Darm dazu
Der Darm ist die größte Kontaktfläche zur Außenwelt und eng mit der Abwehrlage verbunden. Was ihm hilft, ist Raufutter und Ruhe in der Ration (Darmflora beim Pferd).
Was folgt daraus
Ein System, das aus Schleimhäuten, Zellen und Stoffwechsel besteht, lässt sich nicht mit einem Zusatz anschalten. Es lässt sich entlasten oder belasten – darum geht es hier.
Was sie schwächt
| Bereich | Konkret |
|---|---|
| Luft | Ammoniak, Staub, Schimmelpilzsporen – die Dauerbelastung der Atemwegsschleimhaut |
| Ortswechsel | Transport, Stallwechsel, neue Herde – neue Keime treffen auf ein gestresstes Pferd |
| Soziales | Unruhe in der Gruppe, zu wenig Fressplätze, ständige Umstellungen |
| Belastung | Zu viel Training ohne Erholung – nach intensiver Belastung gilt eine Phase erhöhter Anfälligkeit als beschrieben |
| Versorgung | Lücken bei Eiweiß, Zink, Selen oder Vitamin E |
| Grunderkrankungen | Vor allem PPID beim älteren Pferd (EMS und Cushing) |
Die vier Grundlagen
Erstens: Luft
Pferde vertragen Kälte gut, schlechte Luft nicht. Der geschlossene Stall, der sich für Menschen behaglich anfühlt, ist das Problem. Fenster auf, Heu vom Boden statt aus hoch hängenden Netzen, nicht misten, während die Pferde drinstehen (Stallluft und Heu).
Zweitens: Ration
Raufutter über den Tag, Eiweiß in ausreichender Qualität, Mineralversorgung geprüft statt geraten. Zink ist häufig knapp, Selen lässt sich überdosieren – beides spricht dafür, die Ration rechnen zu lassen, statt zu ergänzen.
Drittens: Bewegung
Regelmäßig und angepasst – täglich raus schlägt dreimal die Woche Training. Und umgekehrt: Wer ein Pferd über Wochen fordert, ohne Erholung einzuplanen, arbeitet gegen die Abwehr.
Viertens: Ruhe
Stabile Gruppe, feste Abläufe, Ruhephasen, die nicht ständig unterbrochen werden. Dauerstress wirkt auf die Abwehrlage, und anders als Luft oder Ration fällt er selten auf, weil man sich daran gewöhnt (Stress beim Pferd).
Über das Jahr
| Zeit | Was zusammenkommt | Was jetzt sinnvoll ist |
|---|---|---|
| September bis November | Fellwechsel, Futterumstellung, Beginn der Stallsaison | Heu prüfen, Ration rechnen, Impfstatus besprechen, Kotprobe (Herbstkur) |
| Dezember bis Februar | Wenig Bewegung, viel Stallzeit, höchster Infektionsdruck | Lüften, Wasser anwärmen, Bewegung erhalten (Pferd fit durch den Winter) |
| März bis Mai | Fellwechsel, Anweiden, oft Entwurmung | Langsam umstellen, nicht alles gleichzeitig ändern (Anweiden) |
Die Drogen und ihre Grenzen
| Droge | Einordnung | Grenze |
|---|---|---|
| Sonnenhutkraut | Die bekannteste Droge dieses Felds | Höchstens acht Wochen am Stück, und karenzrelevant |
| Taigawurzel | Den anpassungsfördernden Drogen zugeordnet | Höchstens drei Monate am Stück, danach Pause |
| Zistrose | Polyphenolreich | Kurweise |
| Hagebutte | Früchte, traditionell in der kalten Jahreszeit | Unproblematisch – aber Pferde bilden Vitamin C selbst |
| Thymian | Ätherischölhaltig, den Atemwegen zugeordnet | Kurweise |
Kein Mittel für den ganzen Winter
Auch die anpassungsfördernden Drogen sind nicht für die Dauergabe gedacht – das wird häufig anders dargestellt. Wer im Oktober beginnt und die Grenzen einhält, ist im Dezember durch. Diese Drogen gehören auf die Wochen gelegt, in denen es darauf ankommt: vor Stallwechsel oder Transport, in der Zeit, in der erfahrungsgemäß etwas umgeht, oder nach einem überstandenen Infekt.
Aus unserem Sortiment
IMMUNSTARK ist genau als solche Kur gedacht – mit Anfang und Ende. Vor Turnierstarts gehören die Karenzhinweise beachtet (ADMR beim Pferd).
Wenn es doch passiert
Fieber ist die Grenze
Ab etwa 38,5 Grad spricht man von Fieber – und dann gehört angerufen. Das gilt besonders, wenn mehrere Pferde im Bestand betroffen sind: Dann ist die Frage, was umgeht, und die beantwortet nur eine Untersuchung. Erkrankte Pferde werden getrennt, soweit der Betrieb es zulässt.
Woran gedacht wird
Hinter Fieber mit Atemwegszeichen können unter anderem Druse, Herpes oder eine Virusgrippe stecken, im Sommer auch das West-Nil-Virus. Diese Erkrankungen lassen sich nicht am Stallgang auseinanderhalten – und bei mehreren betreffen sie den ganzen Bestand.
Zu den Impfungen
Impfungen trainieren genau die zweite Abwehrlinie, die sich Erreger merkt. Welche Impfungen wann anstehen, legt die tierärztliche Praxis fest – im Turniersport zusätzlich die Vorgaben des Verbands. Der Impfpass ist die Quelle, nicht ein Intervall aus dem Internet.
Und danach
Die Schonzeit entscheidet darüber, ob aus einem Infekt ein chronisches Problem wird. Als Faustregel gilt pro Fiebertag etwa eine Woche, gerechnet ab dem letzten Fiebertag (Pferd nach Infekt aufbauen).
Häufige Fragen
Wie stärke ich das Immunsystem meines Pferdes?
Über die Bedingungen, nicht über ein Mittel: frische Luft im Stall, Raufutter über den Tag, geprüfte Mineralversorgung, tägliche Bewegung und Ruhe in Gruppe und Ablauf.
Kräuter können kurweise begleiten – sie ersetzen keine dieser Grundlagen.
Was bringt am meisten?
Die Stallluft. Ammoniak, Staub und Schimmelpilzsporen schädigen die Schleimhaut, die Erreger abwehren soll – und genau dort beginnt fast jeder Infekt.
Fenster auf, Heu vom Boden, nicht misten, während die Pferde in der Box stehen. Das kostet nichts außer Konsequenz.
Braucht mein Pferd zusätzlich Vitamin C?
Nein. Pferde bilden Vitamin C selbst – anders als der Mensch. Die Vorstellung, damit Erkältungen abzuwenden, stammt aus der Humanmedizin.
Hagebutten haben ihren Platz in Mischungen, aber nicht aus diesem Grund.
Schwächt Training das Immunsystem?
Regelmäßige, angepasste Bewegung gehört zu den Grundlagen. Nach intensiver Belastung gilt allerdings eine Phase erhöhter Anfälligkeit als beschrieben – weshalb Erholung zum Trainingsplan gehört.
Praktisch heißt das: nach großer Anstrengung kein Transport in einen fremden Stall am nächsten Tag.
Mein Pferd wird ständig krank – was nun?
Abklären, bevor gefüttert wird: Blutbild, beim älteren Pferd der ACTH-Wert, Kotprobe, Zahnkontrolle.
Danach Luft, Ration und Ruhe ansehen – und erst zuletzt die Frage nach Kräutern stellen (Infektanfälliges Pferd).
Ab wann ist es Fieber?
Ab etwa 38,5 Grad – und dann gehört angerufen, nicht abgewartet.
Sind mehrere Pferde betroffen, geht es um den ganzen Bestand: Was umgeht, beantwortet nur eine Untersuchung.
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