Das Pferd frisst Gras und Heu – verdauen kann es beides nicht selbst. Die Arbeit erledigen Mikroorganismen in seinem Dickdarm, und sie liefern dem Pferd einen Großteil seiner Energie. Dieser Artikel erklärt, wie dieses System funktioniert, was es stört und was man darüber weiß, ohne dabei Zahlen aus der Humanmedizin auf das Pferd zu übertragen.
Das Wichtigste in Kürze
- Das Pferd ist ein Dickdarmfermentierer – die Rohfaserverdauung findet hinten statt, nicht im Magen
- Kurzkettige Fettsäuren aus dieser Gärung decken einen Großteil des Energiebedarfs
- Raufutter ist die Grundlage, nicht die Beilage
- „Dysbiose“ ist ein unscharfer Begriff – es gibt kein definiertes Normalmikrobiom beim Pferd
- Was stört, ist bekannt: zu wenig Raufutter, zu viel Stärke auf einmal, abrupte Wechsel, Antibiotika
Wo die Verdauung stattfindet
Der Verdauungstrakt des Pferdes ist in zwei Abschnitte mit völlig verschiedenen Aufgaben geteilt.
Vorn: körpereigene Verdauung
Im Magen und Dünndarm arbeiten körpereigene Enzyme. Hier werden Stärke, Zucker, Eiweiß und Fett aufgeschlossen. Die Verweildauer ist kurz, die Kapazität begrenzt.
Hinten: mikrobielle Gärung
Blinddarm und Grimmdarm sind die Gärkammern. Dort zerlegen Mikroorganismen die Rohfaser, die vorn unberührt geblieben ist. Der Inhalt bleibt hier viele Stunden bis über einen Tag.
Was daraus entsteht
Bei der Gärung entstehen kurzkettige Fettsäuren – im Wesentlichen Essigsäure, Propionsäure und Buttersäure. Sie werden über die Darmwand aufgenommen und decken einen Großteil des Energiebedarfs.
Und was schiefgeht
Kommt viel Stärke oder Zucker hinten an, weil vorn die Kapazität überschritten war, verschiebt sich die Gärung: schneller, säurebildend, mit anderer Zusammensetzung der Mikroorganismen.
Warum das die wichtigste Regel der Pferdefütterung begründet
Raufutter ist die Grundlage, nicht die Beilage. Die Mikroorganismen leben von Rohfaser; fällt sie weg, fällt ihnen die Lebensgrundlage weg. Und große Kraftfutterportionen überfordern den Dünndarm, sodass der Überschuss im Dickdarm landet – dort, wo er nicht hingehört.
| Abschnitt | Fassungsvermögen | Aufgabe |
|---|---|---|
| Magen | etwa 8 bis 15 Liter | Klein im Verhältnis zum Tier; bildet ununterbrochen Säure |
| Dünndarm | etwa 40 bis 50 Liter, rund 20 Meter | Körpereigene Verdauung von Stärke, Zucker, Eiweiß, Fett; kurze Passage |
| Blinddarm | etwa 25 bis 35 Liter | Erste Gärkammer |
| Grimmdarm | etwa 80 bis 100 Liter | Hauptgärkammer; hier entsteht der größte Teil der Energie |
Die Zahlen erklären zwei Regeln der Pferdefütterung. Der Magen ist klein und braucht ständig etwas zu tun – lange Fresspausen sind deshalb ungünstig. Und der Dünndarm ist im Verhältnis zu den Gärkammern kurz: Was er nicht schafft, landet hinten. Deshalb gilt für stärkereiches Kraftfutter eine Obergrenze je Mahlzeit, die sich am Gewicht bemisst – und deshalb sind mehrere kleine Portionen besser als eine große.
Was die Mikroorganismen leisten
Energie
Die kurzkettigen Fettsäuren aus der Rohfasergärung sind eine Hauptenergiequelle des Pferdes. Ein Pferd lebt im Wesentlichen von dem, was seine Mikroorganismen ihm liefern.
Versorgung der Darmzellen
Buttersäure dient den Zellen der Darmschleimhaut selbst als Brennstoff. Der Darm ernährt sich also zum Teil aus seiner eigenen Gärung.
Vitamine
Mikroorganismen bilden B-Vitamine und Vitamin K. Deshalb ist ein gesundes Pferd bei diesen Vitaminen nicht auf Zufuhr angewiesen.
Besiedlungsschutz
Eine dicht besiedelte Darmflora lässt wenig Raum für andere Keime. Dieser Schutz geht verloren, wenn die Gemeinschaft aus dem Gleichgewicht gerät.
Was das System stört
Die gute Nachricht: Die Störfaktoren sind bekannt, und die meisten liegen in der Hand des Halters.
| Faktor | Was passiert | Was hilft |
|---|---|---|
| Zu wenig Raufutter | Den Mikroorganismen fehlt die Grundlage | Raufutter über den Tag verteilt, lange Fresspausen vermeiden |
| Große Kraftfutterportionen | Stärkeüberschuss gelangt in den Dickdarm | Mehrere kleine Mahlzeiten, Menge prüfen lassen |
| Abrupter Futterwechsel | Die Zusammensetzung kann nicht mitziehen | Über ein bis zwei Wochen umstellen |
| Weidebeginn im Frühjahr | Gras ist zucker- und eiweißreicher, strukturärmer | Anweiden über drei bis vier Wochen |
| Antibiotika | Wirken auch auf die erwünschten Bakterien | Nur wenn nötig; danach Ruhe in die Ration bringen |
| Stress | Verändert Durchblutung und Bewegung des Darms | Abläufe stabil halten, Sozialkontakt sichern |
Wie eine Umstellung praktisch abläuft, steht im Artikel Futterumstellung beim Pferd, für das Frühjahr unter Pferde richtig anweiden.
Zum Begriff Dysbiose
Was das Wort verspricht und was es hält
Dysbiose bedeutet wörtlich ein gestörtes Gleichgewicht der Darmflora. Der Begriff wird viel verwendet, hat aber eine Schwäche: Es gibt beim Pferd kein definiertes Normalmikrobiom, gegen das man messen könnte. Die Zusammensetzung unterscheidet sich von Pferd zu Pferd, von Betrieb zu Betrieb, mit Ration und Jahreszeit.
Das heißt nicht, dass es Veränderungen nicht gäbe – nach Antibiotika etwa sind sie gut beschrieben. Es heißt, dass sich aus dem Wort allein keine Diagnose und keine Therapie ableiten lässt.
Und was das für Mikrobiomtests bedeutet
Kommerzielle Tests bestimmen, welche Bakteriengruppen in einer Kotprobe vorkommen. Was daraus für die Fütterung folgen soll, ist die eigentliche Frage – und die beantwortet der Test nicht: Ohne Referenz für „normal“ bleibt die Einordnung Auslegung. Bei einem Pferd mit Symptomen sind Kotprobe, Blutbild und ein Blick auf Ration und Zähne die belastbareren Schritte.
Darm und Gehirn
Dass Verdauung und Verhalten zusammenhängen, beobachtet jeder, der ein Pferd zum Turnier gefahren hat. Die Erklärung dafür wird allerdings häufig mit Zahlen unterfüttert, die vom Menschen stammen.
Was sich sagen lässt
Im Darm liegt ein eigenes Nervengeflecht, das die Darmbewegung weitgehend selbst steuert, und über den Vagusnerv tauscht es Signale mit dem Gehirn aus, in beide Richtungen. Die akute Stressreaktion läuft dagegen über den Sympathikus und fährt die Durchblutung des Verdauungstrakts zurück.
Was man häufig liest und was nicht belegt ist: Angaben wie „95 Prozent des Serotonins entstehen im Darm“, „80 Prozent des Immunsystems sitzen im Darm“ oder „100 Millionen Nervenzellen“ stammen aus der Humanmedizin. Sie werden auf Pferdeseiten weitergereicht, ohne dass es dafür Pferdedaten gäbe.
Praktisch bleibt der Zusammenhang trotzdem nützlich: Wenn ein Pferd in unruhigen Phasen mit der Verdauung reagiert, lohnt der Blick auf beides – auf die Umstände und auf die Ration, die sich in solchen Phasen fast immer mitändert.
Was die Darmflora tatsächlich stützt
Fünf Dinge, in dieser Reihenfolge
- Empfehlung: Raufutter in Menge und Qualität – über den Tag verteilt, ohne lange Fresspausen
- Empfehlung: Kraftfutter klein halten – lieber mehrere kleine Mahlzeiten als eine große
- Empfehlung: Jeden Wechsel strecken, auch den der Heucharge
- Empfehlung: Bewegung – sie hält die Darmpassage in Gang
- Empfehlung: Entwurmung nach Kotprobe statt nach Kalender
Was man sich sparen kann
Präparate mit lebenden Kulturen werden häufig als „Aufbau“ verkauft. Ob diese Keime den Pferdedarm überhaupt erreichen und dort etwas bewirken, ist offen, und ein Nutzen ist beim Pferd nicht belegt. Wer stattdessen die fünf Punkte oben umsetzt, tut nachweislich mehr.
Kräuter für den Darm
In der Phytotherapie werden bei Verdauungsthemen drei Gruppen verwendet. Kontrollierte Untersuchungen am Pferd gibt es für keine davon – was folgt, ist Anwendungstradition.
Bitterstoffe
Marrubii herbaEtwa im Andornkraut, dessen wertgebender Bitterstoff das Marrubiin ist. Bitterstoffdrogen werden traditionell im Zusammenhang mit der Verdauung verwendet.
Gerbstoffe
Agrimoniae herbaEtwa im Odermennigkraut, einer der gerbstoffreichsten heimischen Drogen. Gerbstoffe wirken zusammenziehend auf Schleimhäute.
Inulin
Cichorii radixAus der Wegwartenwurzel. Inulin wird im Dünndarm nicht aufgenommen und erreicht den Dickdarm unverändert, wo es den Mikroorganismen zur Verfügung steht.
Wenn Kräuter, dann so
- Als eine Veränderung unter mehreren, nicht gleichzeitig mit dem Futterwechsel
- Über mehrere Wochen, sonst lässt sich nichts beurteilen
- Mit Pflanzenteil und Gehalt deklariert – sonst weißt Du nicht, was Du fütterst (Kräuter in Arzneibuchqualität)
- Nicht als Ersatz für Raufutter und Management – die tragen den größeren Teil
Eine Mischung aus diesen Gruppen ist DARMWOHL; für die Anweidezeit zusammen mit MAGENWOHL im ANWEIDE-BUNDLE.
Häufige Fragen
Was ist die Darmflora beim Pferd?
Die Gesamtheit der Mikroorganismen im Verdauungstrakt, vor allem im Dickdarm. Sie zerlegen die Rohfaser aus Heu und Gras, die das Pferd mit eigenen Enzymen nicht aufschließen kann.
Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die über die Darmwand aufgenommen werden und einen Großteil des Energiebedarfs decken. Außerdem bilden die Mikroorganismen B-Vitamine und Vitamin K.
Was bedeutet Dysbiose?
Wörtlich ein gestörtes Gleichgewicht der Darmflora. Der Begriff ist unschärfer, als er klingt, weil es beim Pferd kein definiertes Normalmikrobiom gibt, gegen das man messen könnte.
Beschrieben sind Veränderungen nach Antibiotikagabe und bei abrupten Futterwechseln. Aus dem Wort allein lässt sich aber weder eine Diagnose noch eine Behandlung ableiten.
Lohnt sich ein Mikrobiomtest?
Solche Tests zeigen, welche Bakteriengruppen in einer Kotprobe vorkommen. Es fehlt aber die Referenz, was normal wäre – und damit die Grundlage, um daraus Fütterungsempfehlungen abzuleiten.
Bei einem Pferd mit Symptomen bringen Kotprobe auf Parasiten, Blutbild und ein Blick auf Ration und Zähne mehr.
Wie lange braucht der Darm nach einer Wurmkur oder Antibiotikagabe?
Nach einer Antibiotikabehandlung ist beschrieben, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora verändert und diese Veränderung länger anhält als die Behandlung selbst. Genaue Zeitangaben in Wochen sind dabei nicht belastbar, auch wenn sie häufig genannt werden.
Praktisch: in dieser Zeit keine weiteren Umstellungen, Raufutter in gleichbleibender Qualität, und dem Darm Wochen Zeit geben.
Helfen Probiotika beim Pferd?
Ein Nutzen ist beim Pferd nicht belegt. Offen ist schon, ob die zugeführten Keime den Dickdarm lebend erreichen und sich dort halten können.
Deutlich besser belegt ist der Einfluss von Raufuttermenge, Portionsgröße beim Kraftfutter und Tempo bei Futterwechseln.
Woran merke ich, dass mit dem Darm etwas nicht stimmt?
Häufige Zeichen sind Kotwasser, weicher Kot, Blähungen oder ein gespannter Bauch. Auch schlechte Futterverwertung trotz ausreichender Ration gehört dazu.
Tierärztlich abklären gehören Durchfall, Koliksymptome, Fieber und Gewichtsverlust – das sind keine Fütterungsfragen. Zum Unterschied zwischen Kotwasser und Durchfall siehe Kotwasser beim Pferd und Durchfall beim Pferd.