Die wichtigsten Kräuter der Phytotherapie – Inhaltsstoffe, Qualität und Fütterungsempfehlungen
Welche Kräuter helfen bei nervösen Pferden? Die wichtigsten Kräuter in der Phytotherapie sind Baldrian (Valeriana officinalis), Hopfen (Humulus lupulus), Lavendel (Lavandula angustifolia) und Melisse (Melissa officinalis). Alle vier haben positive Monographien der Kommission E und sind wissenschaftlich gut dokumentiert. Entscheidend für die Qualität: Arzneibuchqualität nach Ph.Eur. mit definierten Mindestgehalten an charakteristischen Inhaltsstoffen wie Valerensäure, Bitterstoffen, Linalool oder Rosmarinsäure.
⚠️ Wichtig
Bei anhaltender Nervosität oder plötzlichen Verhaltensänderungen sollte immer eine tierärztliche Untersuchung erfolgen. Schmerzen, Magenprobleme oder andere körperliche Ursachen müssen ausgeschlossen werden. Kräuter sind Ergänzungsfuttermittel und ersetzen nicht die tierärztliche Diagnose und Behandlung.
Qualität macht den Unterschied
Kräuter in Arzneibuchqualität nach Ph.Eur. (Europäisches Arzneibuch) oder DAB (Deutsches Arzneibuch) -
Was das bedeutet:
- Definierter Mindestgehalt an charakteristischen Inhaltsstoffen
- Geprüfte Reinheit – frei von Schadstoffen und Verunreinigungen
- Standardisierte Qualität – jede Charge erfüllt die gleichen Anforderungen
Der Unterschied: Arzneibuchqualität garantiert, dass die in der wissenschaftlichen Literatur beschriebenen Inhaltsstoffe auch tatsächlich in ausreichender Menge enthalten sind.
1. Tradition in der Phytotherapie
Die Verwendung von Baldrian, Hopfen, Lavendel und Melisse bei nervösen Zuständen hat eine jahrhundertealte Tradition in der europäischen Pflanzenheilkunde. Diese Kräuter gehören zu den am besten dokumentierten Arzneipflanzen überhaupt.
Wissenschaftliche Dokumentation
Kommission E Monographien
Die Kommission E war eine Sachverständigenkommission des Bundesinstituts für Arzneimittel (BfArM), die von 1978-1994 über 380 Pflanzen wissenschaftlich bewertet hat. Ihre Monographien gelten bis heute als wichtige Referenz in der Phytotherapie.
Alle vier Hauptkräuter haben positive Monographien:
- Baldrian (Valerianae radix): Kommission E positiv
- Hopfen (Lupuli strobulus): Kommission E positiv
- Lavendel (Lavandulae flos): Kommission E positiv
- Melisse (Melissae folium): Kommission E positiv
ESCOP und HMPC
Die European Scientific Cooperative on Phytotherapy (ESCOP) und das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der EMA haben diese Bewertungen auf europäischer Ebene bestätigt und aktualisiert.
Historische Verwendung
- Baldrian: Bereits Hippokrates und Dioskurides beschrieben die Pflanze. Der Name leitet sich vom lateinischen "valere" (gesund sein, stark sein) ab.
- Hopfen: Seit dem frühen Mittelalter in Klostergärten kultiviert. Die beruhigenden Eigenschaften wurden bei Hopfenpflückern beobachtet.
- Lavendel: Von den Römern als Badezusatz geschätzt (lateinisch "lavare" = waschen). Hildegard von Bingen empfahl Lavendel bereits im 12. Jahrhundert.
- Melisse: Paracelsus bezeichnete sie als "beste Pflanze für das Herz". Der botanische Name Melissa stammt vom griechischen Wort für Honigbiene.
2. Die wichtigsten Kräuter im Portrait
Baldrian (Valeriana officinalis)
Valerianae radix – Die Baldrianwurzel
Botanik
Baldrian ist eine ausdauernde Staude aus der Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae), die in Europa und Asien heimisch ist. Die Pflanze wird 50-150 cm hoch. Verwendet wird die Wurzel (Radix), die im Herbst des zweiten Jahres geerntet wird.
Inhaltsstoffe (nach Ph.Eur.)
- Sesquiterpene: Valerensäure, Acetoxyvalerensäure (mind. 0,17% nach Ph.Eur.)
- Iridoide: Valepotriate (instabil, zerfallen bei Lagerung)
- Ätherisches Öl: 0,3-0,7%, mit Bornylacetat, Borneol
- Lignane: Olivil und Derivate
Wissenschaftliche Dokumentation: Kommission E positiv, ESCOP Monographie, HMPC Traditional Use und Well-Established Use
→ Ausführlich: Baldrian beim Pferd
Hopfen (Humulus lupulus)
Lupuli strobulus – Die Hopfenzapfen
Hopfen ist eine mehrjährige Kletterpflanze aus der Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae). Verwendet werden die weiblichen Blütenstände (Zapfen), die das charakteristische gelbe Lupulin Pulver enthalten.
Inhaltsstoffe (nach Ph.Eur.):
- Bitterstoffe: Humulon, Lupulon (α- und β-Säuren), mind. 25% nach Ph.Eur.
- Ätherisches Öl: 0,3-1%, mit Myrcen, Humulen, Caryophyllen
- Flavonoide: Xanthohumol, 8-Prenylnaringenin
Wissenschaftliche Dokumentation: Kommission E positiv, ESCOP Monographie
→ Ausführlich: Hopfen beim Pferd
Lavendel (Lavandula angustifolia)
Lavandulae flos – Die Lavendelblüten
Der Echte Lavendel ist ein aromatischer Halbstrauch aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae), beheimatet im westlichen Mittelmeerraum.
Inhaltsstoffe (nach Ph.Eur.):
- Ätherisches Öl: Mind. 1,5%
- Hauptkomponenten: Linalool (25-45%), Linalylacetat (25-46%)
- Gerbstoffe: Rosmarinsäure
Wissenschaftliche Dokumentation: Kommission E positiv, HMPC Well-Established Use
→ Ausführlich: Lavendel beim Pferd
Melisse (Melissa officinalis)
Melissae folium – Die Melissenblätter
Die Zitronenmelisse ist eine ausdauernde Staude aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Der charakteristische Zitronenduft macht sie unverwechselbar.
Inhaltsstoffe (nach Ph.Eur.):
- Hydroxyzimtsäuren: Rosmarinsäure (mind. 1% nach Ph.Eur.)
- Ätherisches Öl: 0,05-0,3%, mit Citral, Citronellal, Geraniol
- Flavonoide: Luteolin-7-O-glucosid
Wissenschaftliche Dokumentation: Kommission E positiv, ESCOP Monographie
Weitere Kräuter in der Phytotherapie
Eisenkraut (Verbena officinalis)
Verbenae herba
Enthält Iridoidglykoside (Verbenalin, Hastatosid), Flavonoide und Phenylpropanoide.
Kommission E: Monographie vorhanden
Weißdorn (Crataegus)
Crataegi folium cum flore
Reich an Flavonoiden (Hyperosid, Vitexin) und oligomeren Procyanidinen (OPC).
Kommission E: Positive Monographie
Passionsblume (Passiflora incarnata)
Passiflorae herba
Enthält Flavonoide (Chrysin, Vitexin), Alkaloide und Cumarine.
Kommission E: Positive Monographie
3. Inhaltsstoffe im Überblick
Jedes Kraut bringt ein eigenes, charakteristisches Inhaltsstoffprofil mit. In der Phytotherapie sind die definierten Leitsubstanzen wichtige Qualitätsmarker.
| Kraut | Leitsubstanz | Mindestgehalt (Ph.Eur.) |
|---|---|---|
| Baldrian | Sesquiterpensäuren (Valerensäure) | 0,17% |
| Hopfen | Bittersäuren (Humulon/Lupulon) | 25% |
| Lavendel | Ätherisches Öl (Linalool) | 1,5% ätherisches Öl |
| Melisse | Rosmarinsäure | 1,0% |
| Weißdorn | Flavonoide | 1,5% |
Warum Mindestgehalte wichtig sind
Die in der phytotherapeutischen Literatur beschriebenen Eigenschaften beziehen sich auf Kräuter mit definierten Inhaltsstoffgehalten. Minderwertige Kräuter können diese Gehalte deutlich unterschreiten. Arzneibuchqualität garantiert die definierten Mindestgehalte.
Stoffgruppen im Detail
Sesquiterpene
Vorkommen: Baldrian
Valerensäure und verwandte Verbindungen sind die charakteristischen Inhaltsstoffe der Baldrianwurzel.
Bitterstoffe
Vorkommen: Hopfen
Die α- und β-Bittersäuren (Humulon, Lupulon) sind für den charakteristischen bitteren Geschmack verantwortlich.
Monoterpene
Vorkommen: Lavendel, Melisse
Linalool, Linalylacetat und Citral sind flüchtige Verbindungen in den ätherischen Ölen.
Hydroxyzimtsäuren
Vorkommen: Melisse, Lavendel
Rosmarinsäure ist ein wichtiger phenolischer Inhaltsstoff mit antioxidativen Eigenschaften.
4. Phytotherapeutische Rezeptur vs. Einzelkraut
In der Phytotherapie werden Kräuter oft kombiniert. Eine durchdachte Rezeptur ist dabei mehr als eine zufällige Mischung.
❌ Zufallsmischung
- Kräuter nach "Bauchgefühl" kombiniert
- Keine definierten Mengenverhältnisse
- Unbekannte Qualität der Rohstoffe
- Oft zu viele Komponenten ohne Konzept
✅ Phytotherapeutische Rezeptur
- Basierend auf wissenschaftlicher Literatur
- Definierte Mengenverhältnisse
- Arzneibuchqualität der Rohstoffe
- Fokussierte Zusammensetzung
Die klassische Kombination: Baldrian + Hopfen
Die Kombination von Baldrian und Hopfen ist in der Phytotherapie seit langem etabliert. Beide Kräuter haben positive Kommission E Monographien und werden in der wissenschaftlichen Literatur häufig gemeinsam genannt.
5. Fütterungsempfehlungen
Empfohlener Ablauf
Eingewöhnung (Woche 1): Mit halber Menge beginnen, langsam steigern
Aufbauphase (2-3 Wochen): Volle Tagesmenge
Hauptphase (6-8 Wochen): Regelmäßige Fütterung
Danach: Reduzierte Erhaltungsmenge oder Pause, bei Bedarf wiederholen
Bedarfsfütterung vs. Kurfütterung
Bedarfsfütterung
Wann: Vor absehbaren Stresssituationen
- Transport
- Tierarzt-/Schmiedtermine
- Turnier (Karenzzeit beachten!)
- Stallwechsel
Timing: 1-2 Stunden vor der Situation
Kurfütterung
Wann: Bei anhaltender Nervosität
- Generell nervöse Pferde
- Stressige Phasen (Fellwechsel, Wetter)
- Nach Stallwechsel
- Bei Veränderungen in der Herde
Dauer: 6-8 Wochen, dann Pause oder Erhaltung
6. Wichtige Hinweise
🚫 Nicht füttern bei:
- Tragende Stuten: Besonders im letzten Trimester – einige Kräuter meiden
- Bekannte Allergien: Bei Unverträglichkeit sofort absetzen
- Gleichzeitige Medikamentengabe: Tierarzt informieren
⚠️ Turnierpferde – ADMR beachten
Baldrian ist auf der ADMR Liste der FN und erfordert eine Karenzzeit von 48 Stunden vor dem Wettkampf.
Empfehlung: Kräutermischungen generell 48-72 Stunden vor Turnieren absetzen (Sicherheitspuffer).
Wichtig zu wissen
Bei plötzlichen Verhaltensänderungen, anhaltender Nervosität oder wenn das Pferd "anders" ist als sonst: Immer zuerst tierärztlich untersuchen lassen!
Mögliche Ursachen können sein: Magenprobleme, Schmerzen im Bewegungsapparat, Zahnprobleme, Stoffwechselstörungen oder andere körperliche Ursachen.
7. Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet "Arzneibuchqualität"?
Das Europäische Arzneibuch (Ph.Eur.) und das Deutsche Arzneibuch (DAB) definieren verbindliche Qualitätsstandards für pflanzliche Rohstoffe. Dazu gehören: Mindestgehalt an Inhaltsstoffen (z.B. mind. 0,17% Sesquiterpensäuren bei Baldrian), Reinheitsprüfungen (Schwermetalle, Pestizide, mikrobielle Belastung), Identitätsprüfungen und Dokumentation der Herkunft. Arzneibuchqualität garantiert, dass die in der wissenschaftlichen Literatur beschriebenen Inhaltsstoffe auch tatsächlich in definierter Menge enthalten sind.
Was ist eine Kommission E Monographie?
Die Kommission E war eine Sachverständigenkommission des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), die von 1978 bis 1994 über 380 Arzneipflanzen wissenschaftlich bewertet hat. Eine positive Monographie bedeutet, dass die Kommission nach Prüfung der verfügbaren Literatur zu dem Schluss kam, dass für die dokumentierten Anwendungsgebiete ausreichende Belege vorliegen. Diese Monographien gelten bis heute als wichtige Referenz in der Phytotherapie.
Wie lange sollte ich Kräuter füttern?
Für eine aussagekräftige Beurteilung wird eine Fütterungsdauer von mindestens 6-8 Wochen empfohlen. Die ersten Tage mit halber Menge beginnen. Nach der Hauptphase kann die Menge reduziert oder eine Pause eingelegt werden. Bei akutem Bedarf (z.B. vor Transport) kann auch kurzfristig gefüttert werden – dann etwa 1-2 Stunden vor der Situation.
Sind Kräuter dopingrelevant?
Baldrian ist auf der ADMR-Liste der FN aufgeführt und erfordert eine Karenzzeit von 48 Stunden vor Turnieren. Bei Turnierpferden empfiehlt es sich, Kräutermischungen generell 48-72 Stunden vor dem Wettkampf abzusetzen (Sicherheitspuffer). Im Training können Kräuter problemlos gefüttert werden.
Kann ich Kräuter mit Medikamenten kombinieren?
Bei gleichzeitiger Medikamentengabe sollten Sie immer den Tierarzt informieren. Bei einigen Medikamenten können Wechselwirkungen auftreten. Medikamente niemals eigenständig absetzen oder die Dosierung ändern!
Warum Kräutermischung statt Einzelkraut?
In der Phytotherapie werden Kräuter traditionell kombiniert. Die Idee: Verschiedene Kräuter bringen unterschiedliche Inhaltsstoffprofile ein, die sich ergänzen können. Die klassische Kombination Baldrian + Hopfen zum Beispiel ist in der phytotherapeutischen Literatur gut dokumentiert. Bei einer fertig konzipierten Mischung sind zudem die Mengenverhältnisse bereits aufeinander abgestimmt und alle Kräuter erfüllen die gleichen Qualitätsstandards.
Woran erkenne ich Qualitätsunterschiede bei Kräutern?
Hochwertige Kräuter erkennt man an: Intensiver Farbe (sattgrün bei Blättern, nicht grau oder bräunlich), charakteristischem Geruch (Baldrian riecht intensiv, Lavendel aromatisch), wenig Fremdbestandteilen (Stängel, andere Pflanzen), dokumentierter Herkunft und idealerweise einem Analysezertifikat. Arzneibuchqualität garantiert definierte Mindestgehalte an den charakteristischen Inhaltsstoffen.