Auf der Packung steht eine Zahl – und was davon beim Pferd ankommt, steht nirgends. Dass die chemische Form dabei mitspielt, stimmt. Nur fällt der Unterschied kleiner aus, als die Werbung behauptet, und an einer Stelle führt das ganze Denken in die falsche Richtung.
Auf einen Blick
- Die Form beeinflusst die Aufnahme – deutlich, aber nicht um ein Vielfaches
- Bei Eisen ist mehr Verfügbarkeit kein Vorteil, sondern ein Risiko
- Beim Vitamin E ist der Unterschied am größten und steht auf dem Etikett
- Kräuter sind keine Mineralstoffquelle – auch unsere nicht
- Was fehlt, zeigt die Rationsberechnung, nicht die Produktbroschüre
Was Bioverfügbarkeit bedeutet
Der Anteil, der ankommt
Mineralstoffe liegen im Futter nie als reines Element vor, sondern als Verbindung – und diese Verbindungen unterscheiden sich darin, wie gut sie sich im Verdauungstrakt lösen, die Darmwand passieren und sich dabei gegen konkurrierende Stoffe behaupten.
Deshalb sagt die Zahl auf der Packung nur die Hälfte. Sie nennt den Gehalt, nicht den Anteil, der verwertet wird.
Und warum die Zahlen dazu mit Vorsicht zu lesen sind
Viele kursierende Prozentangaben stammen aus der Humanernährung oder aus anderen Tierarten. Beim Pferd ist die Datenlage dünner, und die Werte schwanken je nach Versuchsaufbau erheblich. Die Richtung stimmt meist, die Größenordnung nicht immer – wer mit einem Faktor von dreieinhalb wirbt, geht über das hinaus, was sich belegen lässt.
Organisch und anorganisch
Anorganisch
Oxide, Sulfate, Carbonate – günstig und stabil, in der Aufnahme meist etwas schlechter und anfälliger für Wechselwirkungen.
Organisch
An Aminosäuren oder organische Säuren gebunden – Chelate, Glycinate, Hefeprodukte. Teurer, meist besser aufgenommen.
Der Grund
Gebundene Formen sind im Darm weniger angreifbar für Konkurrenz und können teilweise über andere Wege aufgenommen werden.
Und die Einschränkung
Der Vorteil ist real, aber moderat – er rechtfertigt keinen Aufpreis in beliebiger Höhe, und er ersetzt keine Bedarfsrechnung.
Zink und Kupfer
Hier lohnt der Blick
Zink und Kupfer sind die Spurenelemente, bei denen in hiesigen Rationen am ehesten etwas fehlt – sie zählen zu den Größen, die Haut und Horn aufbauen. Organische Formen werden besser aufgenommen als Oxide; das ist in Untersuchungen reproduzierbar.
Wichtiger als die Form ist aber das Verhältnis. Zink und Kupfer konkurrieren untereinander und mit Eisen und Mangan um dieselben Aufnahmewege. Wer einseitig auffüllt, schafft an anderer Stelle einen Mangel – und das fällt erst Monate später am Horn auf.
Eisen – der umgekehrte Fall
Hier ist bessere Verfügbarkeit kein Vorteil
Ein fütterungsbedingter Eisenmangel kommt beim Pferd praktisch nicht vor. Raufutter, anhaftende Erde und häufig auch das Tränkwasser liefern ein Vielfaches des Bedarfs – Eisen ist das häufigste Element in der Erdkruste und entsprechend überall.
Das Problem liegt auf der anderen Seite: Ein Überangebot an Eisen behindert die Aufnahme von Zink und Kupfer – also ausgerechnet der beiden Elemente, die häufig knapp sind. Wer Eisen zufüttert, verschiebt das Verhältnis in die falsche Richtung.
Woran man sich stößt
Eisen ist in vielen Mineralfuttern enthalten, und es gilt als Zeichen von Hochwertigkeit, viel davon zu deklarieren. Bei dieser Tierart ist es eher ein Grund, genauer hinzusehen – ebenso wie Eisenoxid, das als Färbemittel eingesetzt wird und ernährungsphysiologisch nichts beiträgt.
Magnesium
Ein Beispiel für übertragene Zahlen
Magnesiumoxid gilt im Internet als kaum verwertbar – diese Einschätzung stammt aus der Humandiskussion und wird dort selbst kritisch gesehen. Beim Pferd ist Magnesiumoxid eine gebräuchliche und brauchbare Quelle, und die Aufnahme von Magnesium liegt insgesamt höher, als die kursierenden Zahlen nahelegen.
Der wichtigere Punkt bei Magnesium ist ein anderer: Eine Zufuhr darüber hinaus macht ein Pferd nicht ruhiger. Relevant ist Magnesium, wenn tatsächlich ein Mangel besteht – sonst nicht.
Selen
Organische Formen werden besser gespeichert
Selen aus Hefe wird im Körper anders verarbeitet als Natriumselenit – es kann in Eiweiße eingebaut und damit gespeichert werden, während die anorganische Form unmittelbar verwertet oder ausgeschieden wird. Das spricht für die organische Form, wenn ergänzt wird.
Mit einer Einschränkung, die hier besonders gilt
Bessere Verfügbarkeit bedeutet bei Selen auch: schneller zu viel. Der Abstand zwischen Bedarf und schädlicher Menge ist eng wie bei kaum einem anderen Nährstoff, und eine Überversorgung schädigt Haare und Hufe. Ergänzt wird deshalb nach Messung und Rationsberechnung, nicht nach Produktversprechen (Selen beim Pferd).
Vitamine
Vitamin E – hier ist der Unterschied am größten
Natürliches Vitamin E wird deutlich besser verwertet als synthetisches, und das lässt sich auf dem Etikett ablesen: Die natürliche Form trägt ein vorangestelltes RRR oder d-, die synthetische all-rac oder dl-. Dieselbe Zahl bedeutet also nicht dasselbe im Pferd.
Das zählt besonders über den Winter, weil Heu kaum Vitamin E liefert (Vitamin E beim Pferd).
Vitamin A und Beta-Carotin
Vitamin A ist fettlöslich und speicherbar – eine Überversorgung ist damit möglich. Beta-Carotin ist die pflanzliche Vorstufe; der Körper wandelt davon um, was er braucht. Frisches Grün ist die natürliche Quelle, und auch hier gilt: Im Heu sinkt der Gehalt mit der Lagerzeit.
Und Vitamin C
Pferde bilden Vitamin C selbst – anders als der Mensch. Eine Zufuhr über das Futter ist deshalb im Normalfall nicht erforderlich, und Aussagen zur besseren Verfügbarkeit aus pflanzlichen Quellen laufen beim Pferd ins Leere.
Was auf dem Etikett steht
| Nährstoff | Anorganisch | Organisch |
|---|---|---|
| Zink | Zinkoxid, Zinksulfat | Zinkchelat, Zinkglycinat, Zink-Methionin |
| Kupfer | Kupfersulfat | Kupferchelat, Kupferglycinat |
| Mangan | Mangansulfat, Manganoxid | Manganchelat |
| Selen | Natriumselenit | Selenhefe, Selenomethionin |
| Vitamin E | all-rac- oder dl-alpha-Tocopherol | RRR- oder d-alpha-Tocopherol |
Die nützlichere Prüfung
Wichtiger als die Form ist, was zusammenkommt. Mineralfutter, Müsli und Ergänzungsmittel enthalten häufig dieselben Stoffe – jedes für sich korrekt dosiert, addiert ein Vielfaches. Alle Etiketten nebeneinanderlegen und zusammenzählen kostet zehn Minuten (Etiketten richtig lesen).
Und der Ausgangspunkt
Was tatsächlich fehlt, zeigt die Heuanalyse mit einer Rationsberechnung – nicht die Produktbeschreibung. Ohne diese Grundlage bleibt jede Ergänzung eine Schätzung (Heuanalyse beim Pferd).
Und was Kräuter leisten
Hier bleiben wir bei der Wahrheit
Kräuter sind in den gefütterten Mengen keine nennenswerte Mineralstoffquelle – auch unsere nicht. Ein nachgewiesener Mangel an Zink, Kupfer oder Selen wird über ein Mineralfutter ausgeglichen, nicht über eine Kräutermischung.
Wir sagen das, obwohl wir Kräuter verkaufen, weil der umgekehrte Fall Schaden anrichtet: Wer auf eine Mischung setzt, wo ein Spurenelement fehlt, verliert Monate – und am Horn sieht man das erst, wenn es herausgewachsen ist.
Wofür sie da sind
Arzneidrogen bringen etwas anderes mit als Nährstoffe: Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, ätherische Öle – Substanzgruppen mit eigener Geschichte in der Phytotherapie. Dafür werden sie ausgewählt, und daran wird ihre Qualität gemessen (Arzneibuchqualität bei Kräutern).
Häufige Fragen
Sind organische Mineralien wirklich besser?
In der Regel ja – aber moderat. Sie werden etwas besser aufgenommen und sind weniger anfällig für Wechselwirkungen im Darm.
Vorsicht bei Werbeaussagen mit großen Faktoren: Viele kursierende Prozentzahlen stammen aus der Humanernährung oder von anderen Tierarten. Die Richtung stimmt, die Größenordnung oft nicht.
Soll ich auf gut verfügbares Eisen achten?
Nein – hier ist es umgekehrt. Ein fütterungsbedingter Eisenmangel kommt beim Pferd praktisch nicht vor; Raufutter, Erde und Tränkwasser liefern ein Vielfaches des Bedarfs.
Zu viel Eisen behindert die Aufnahme von Zink und Kupfer – also ausgerechnet der Elemente, die häufig knapp sind.
Ist Magnesiumoxid schlecht?
Beim Pferd nicht. Die verbreitete Einschätzung stammt aus der Humandiskussion; Magnesiumoxid ist hier eine gebräuchliche und brauchbare Quelle.
Der wichtigere Punkt: Magnesium macht ein Pferd nicht ruhiger, wenn kein Mangel besteht.
Woran erkenne ich gutes Vitamin E?
Am Namen auf dem Etikett: ein vorangestelltes RRR oder d- steht für die natürliche Form, all-rac oder dl- für die synthetische.
Die natürliche wird deutlich besser verwertet – dieselbe Zahl bedeutet nicht dasselbe im Pferd. Das zählt vor allem über den Winter, weil Heu kaum Vitamin E liefert.
Reichen Kräuter als Mineralstoffquelle?
Nein. In den gefütterten Mengen sind Kräuter keine nennenswerte Quelle für Zink, Kupfer oder Selen – auch unsere nicht.
Ein nachgewiesener Mangel wird über ein Mineralfutter ausgeglichen. Kräuter bringen etwas anderes mit: Bitterstoffe, Gerbstoffe, Schleimstoffe, ätherische Öle.
Was ist wichtiger als die chemische Form?
Das Verhältnis und die Summe. Zink, Kupfer, Eisen und Mangan konkurrieren um dieselben Aufnahmewege – wer einseitig auffüllt, schafft woanders einen Mangel.
Und mehrere Quellen addieren sich: Alle Etiketten nebeneinanderlegen und zusammenzählen. Was tatsächlich fehlt, zeigt die Heuanalyse mit Rationsberechnung.
Braucht mein Pferd Vitamin C?
Im Normalfall nicht – Pferde bilden es selbst, anders als der Mensch.
Aussagen darüber, dass pflanzliches Vitamin C besser verfügbar sei als synthetisches, laufen beim Pferd deshalb ins Leere.
Lohnt sich der Aufpreis für organische Formen?
Bei Selen und Vitamin E am ehesten, bei Zink und Kupfer in geringerem Maße, bei Eisen gar nicht – dort will man ohnehin nicht mehr.
Die größere Ersparnis liegt woanders: in dem, was man weglassen kann, wenn die Ration einmal durchgerechnet ist.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden
- National Research Council: Nutrient Requirements of Horses
- Coenen, M. & Vervuert, I.: Pferdefütterung. Stuttgart: Thieme
- Kienzle, E. et al.: Arbeiten zur Spurenelementversorgung beim Pferd
- Geor, R. J., Harris, P. A. & Coenen, M. (Hrsg.): Equine Applied and Clinical Nutrition. Saunders Elsevier