Die Brennnessel kennt jeder, und kaum jemand weiß, dass sie eine geprüfte Arzneipflanze ist. Beim Pferd setzen wir Brennnesselblätter in fünf Mischungen ein – in mehr als jede andere Pflanze unseres Sortiments. Verwendet wird ausschließlich das Blatt: Blatt, Kraut und Wurzel sind drei verschiedene Dinge mit drei verschiedenen Anwendungsgebieten.
Auf einen Blick
- Die Droge sind die Blätter – Urticae folium, nicht das ganze Kraut und nicht die Wurzel
- Zwei Anwendungsbereiche: Durchspülung der Harnwege und unterstützend bei rheumatischen Beschwerden
- Mineralstoffe und Kieselsäure, dazu Flavonoide und viel Chlorophyll
- Die am häufigsten verwendete Droge unserer Palette – in fünf Mischungen
- Ein Stickstoffzeiger – sie sagt selbst, wo man sie nicht sammeln sollte
- Zu beachten: Bei einer harntreibenden Droge muss die Tränke stimmen
Steckbrief
| Drogenbezeichnung | Urticae folium – die Blätter |
|---|---|
| Familie | Brennnesselgewächse (Urticaceae) |
| Weitere Namen | Donnernessel, Hanfnessel, Saunessel, Senznessel |
| Charakteristisch | Mineralstoffe, Kieselsäure, Flavonoide, Chlorophyll |
| Arzneibuchprüfung | Über Identität und Reinheit – hier wird kein Leitstoffgehalt gefordert |
| Bewertungen | Beim HMPC geführt; von der Kommission E positiv bewertet |
| Standort | Stickstoffzeiger: Zaunränder, Mistplätze, Waldränder, Schuttflächen |
| Blütezeit | Mai bis November – unscheinbar, windblütig |
Die Brennnessel und ihr Standort
Die Brennnessel bemerkt man zuerst an der Hand und dann mit den Augen. Die Brennhaare sind feine Kieselkapillaren mit einem abgerundeten Köpfchen: Bei Berührung bricht das Köpfchen ab, die Spitze wirkt wie eine Injektionsnadel, und was dann einsticht, ist eine Mischung, die sofort für rote Quaddeln sorgt.
Arzneilich verwendet werden zwei Arten – die Große Brennnessel (Urtica dioica), mehrjährig und bis zu zwei Meter hoch, und die Kleine (Urtica urens), einjährig, zierlicher und erfahrungsgemäß die unangenehmere von beiden. Die Blüten sind grünlich-weiß, unscheinbar und in hängenden Ähren angeordnet: Die Brennnessel braucht keine Insekten, der Wind genügt ihr.
Sie zeigt an, wo sie steht
Die Brennnessel ist ein Stickstoffzeiger – sie wächst dicht und üppig dort, wo der Boden reich ist: an Mistplätzen, Zaunrändern, auf gedüngten Flächen. Das macht sie zu einer der wenigen Pflanzen, die den eigenen Standort verraten – und es ist der Grund, warum bei dieser Droge die Herkunft zählt. Ware von gedüngten Flächen oder vom Straßenrand bringt mehr mit als Blätter, und deshalb wird auf Schwermetalle, Nitrat und Pestizide geprüft (Arzneibuchqualität).
Und die Schmetterlinge
Von Kleinem Fuchs, Tagpfauenauge und Admiral fressen die Raupen nahezu ausschließlich Brennnesselblätter. Wer eine Nesselecke an der Koppel stehen lässt, statt sie zu mähen, tut damit mehr für die drei bekanntesten Tagfalter als mit jeder Blühenmischung.
Nesselgewebe und die erste Suppe des Jahres
Warum sie Nessel heißt
Urtica heißt die Brennende, das ist der leichte Teil. Der Wortteil „Nessel“ kommt von einem alten Wort für nähen – und das führt dorthin, wo die Pflanze jahrhundertelang wirklich gebraucht wurde: Vor der Baumwolle wurde aus Brennnesselfasern Nesselgewebe gemacht.
Dieselbe Wurzel steckt im englischen nettle und im niederländischen netel. Die Festigkeit der Fasern kommt aus dem Kieselgehalt der Stengel – demselben Kiesel, der auch die Brennhaare so wirksam macht.
Die erste Suppe des Jahres
Die ersten Brennnesseltriebe im Frühjahr waren fester Bestandteil der Neunkräutersuppe, in manchen Gegenden bis heute als Gründonnerstagssuppe bekannt. Gegessen wurde sie gegen die Winterschwäche und gegen den Scharbock – den Skorbut.
Von all den alten Begründungen ist das die, die bis heute trägt: Nach einem Winter ohne frisches Grün war das erste Kraut des Jahres die erste Vitamin-C-Quelle. Die Frühjahrskur hat hier ihren Ursprung – und sie ist einer der ältesten Bräuche, die bis heute geblieben sind.
Brennnesselblatt, Kraut und Wurzel sind drei verschiedene Dinge
Von der Brennnessel beschreibt das Arzneibuch mehrere Drogen, und sie sind nicht dasselbe: das Blatt, das ganze Kraut und die Wurzel.
Wir verwenden ausschließlich das Blatt
Urticae folium – das ist die Droge, auf die sich die Anwendung bei Harnwegen und rheumatischen Beschwerden bezieht, und die mit dem höchsten Anteil an Mineralstoffen und Kieselsäure.
Die Wurzel ist eine ganz andere Geschichte: Sie wird in der Humanmedizin für ein völlig anderes Gebiet verwendet und hat im Pferdefutter nichts zu suchen. Und „ganzes Kraut“ heißt: Blätter mit Stengeln – billiger in der Ernte, ärmer an dem, worauf es ankommt (Arzneibuchqualität).
Was die Brennnesselblätter mitbringen
Mineralstoffe, darunter Calcium und Kieselsäure, dazu Flavonoide und viel Chlorophyll – dem die Droge ihr tiefes Grün verdankt. Bei dieser Droge prüft das Arzneibuch Identität und Reinheit, aber keinen Leitstoffgehalt: Es gibt hier nicht den einen Stoff, auf den es ankommt.
Was dagegen oft als Argument auftritt, ist das Eisen – und das ist keines: Heu deckt den Eisenbedarf eines Pferdes bereits mehrfach. Die Brennnessel steht nicht wegen eines Nährstoffs in einer Mischung, sondern wegen ihrer Anwendungsgebiete.
Wofür Brennnessel beim Pferd verwendet wird
Die Brennnessel ist eine der wenigen Drogen mit zwei verschiedenen, jeweils bewerteten Anwendungsbereichen – und das erklärt, warum sie in so vielen Mischungen steht.
Durchspülung und rheumatische Beschwerden
Die Veterinärphytotherapie nennt als medizinische Anwendung die Durchspülungstherapie der ableitenden Harnwege, dazu die Vorbeugung und Behandlung von Nierengrieß – und die unterstützende Behandlung rheumatischer Beschwerden.
Der zweite Punkt ist der, auf den es beim Pferd ankommt. Harnsteine sind beim Pferd selten; steife, schwergehende Pferde sind der Alltag. Genau deshalb steht die Brennnessel in unseren Gelenk- und Sehnenmischungen und nicht nur in einer Nierenkur.
Und was die Volksheilkunde dazu führt
Deutlich mehr: Frühjahrskuren, Verschleimung der Brust, äußerlich die Wundbehandlung, und eine lange Reihe weiterer Anwendungen. Das ist Überlieferung und keine Bewertung – aber es zeigt, wie breit diese Pflanze im Gebrauch war, als sie noch an jedem Hof stand (was Belege in der Phytotherapie bedeuten).
Brennnessel in fünf Mischungen
ARTHRO-PLUS
Für Pferde mit dauerhaft erhöhtem Bedarf an den Gelenken – mit Brennnesselblättern neben Schachtelhalmkraut.
GELENKAKTIV
Für die Beweglichkeit, mit Brennnesselblättern, Weidenrinde und Teufelskralle.
SEHNENSTARK
Für Sehnen und Bänder – mit Brennnesselblättern und siliciumreichen Drogen.
HAUTFEIN
Sieben Kräuter für Haut und Fell, mit Brennnesselblättern und Stiefmütterchenkraut.
SENIORAKTIV
Für das ältere Pferd, mit Brennnesselblättern als einer von mehreren Drogen.
Und in zwei Bundles
Über HAUTFEIN steht die Brennnessel im HAUT & FELL BUNDLE, über SEHNENSTARK im BOXENRUHE-BUNDLE. In beiden deckt sie je eine der zwei Richtungen ab, für die diese Droge bewertet ist – die Haut im einen, Sehnen und Bänder im anderen.
Und deshalb nicht mehrere davon gleichzeitig
Wer zwei unserer Mischungen nebeneinander füttert, füttert die Brennnessel zweimal. Dasselbe gilt für Produkte anderer Hersteller: Die Brennnessel steht in beinahe jeder Gelenk-, Haut- und Stoffwechselmischung am Markt – was sich addiert, ist die Menge und nicht die Wirkung (mehrere Ergänzungsfutter kombinieren).
Brennnessel für Pferde: Dosierung und Dauer
Zur Dosierung: Für ein Großpferd werden üblicherweise 20 bis 40 Gramm getrocknete Brennnesselblätter pro Tag angesetzt, bei Ponys entsprechend weniger. Begonnen wird mit der halben Menge. Bei Mischungen gelten die Angaben des jeweiligen Produkts, nicht diese Zahlen.
Kurweise, und in der Regel über Wochen
Angelegt ist die Gabe als Kur – bei Gelenkthemen über mehrere Wochen bis Monate, bei Haut und Fell über die Saison. Vier Wochen sind kein Zeitraum, in dem man etwas beurteilen kann, weder an der Beweglichkeit noch am Fell.
Zur Akzeptanz
Getrocknete Brennnesselblätter brennen nicht mehr – die Brennhaare sind dann wirkungslos, und der Geschmack ist mild und heuartig. Sie gehören zu den unproblematischsten Drogen im Trog, und das ist mit ein Grund, warum sie in so vielen Mischungen steht.
Was bei Brennnessel zu beachten ist
Die Tränke ist hier keine Nebensache
Bei einer harntreibenden Droge ist die Wasseraufnahme die Grundbedingung, nicht ein Hinweis am Rand. Frisches Wasser rund um die Uhr, und im Winter nicht eiskalt – Pferde trinken bei kaltem Wasser deutlich weniger, und dann arbeitet eine Durchspülungsdroge gegen sich selbst.
Nicht bei Neigung zu Ödemen durch Herz- oder Niereninsuffizienz
Diese Gegenanzeige nennt die Veterinärphytotherapie ausdrücklich fürs Pferd, nicht nur für den Menschen – und sie ist der Grund, warum angelaufene Beine kein Anwendungsgebiet für diese Droge sind.
Eine Schwellung nach einer Standnacht ist etwas anderes als eine, die bleibt oder wiederkehrt. Letztere ist das Zeichen, mit dem Herz- und Nierenerkrankungen beim Pferd auffällig werden. Erst untersuchen lassen, dann entscheiden.
Und bei Verdacht auf Harnsteine nicht geben
Vergeblicher Harndrang und Koliksymptome sind die Zeichen, die dabei genannt werden – und sie sind ein Fall für die Praxis, sofort. Eine Droge, die die Harnmenge erhöht, ist genau dann nicht das Richtige, wenn der Abfluss das Problem sein könnte.
Weitere Punkte
- Nicht frisch verfüttern – nur vollständig getrocknet
- Nicht mehrere brennnesselhaltige Mischungen nebeneinander, auch nicht von verschiedenen Herstellern
- Tragende und laktierende Stuten – nur nach Rücksprache
Zum Turniersport
Wir behandeln Kräutermischungen grundsätzlich als dopingrelevant, unabhängig davon, ob ein Bestandteil namentlich in einer Liste geführt wird: Die ADMR-Liste ist nicht abschließend. Unsere Empfehlung lautet: in der turnierfreien Zeit füttern. Karenzzeiten können wir nicht angeben; die Prüfung der Bestimmungen obliegt der verantwortlichen Person (ADMR-Regeln).
Häufige Fragen zu Brennnessel beim Pferd
Wofür wird Brennnessel beim Pferd eingesetzt?
Für zwei Bereiche. Die Veterinärphytotherapie nennt die Durchspülung der ableitenden Harnwege – und die unterstützende Behandlung rheumatischer Beschwerden.
Beim Pferd ist der zweite Punkt der wichtigere, und deshalb steht die Brennnessel bei uns in den Gelenk- und Sehnenmischungen, nicht nur in Stoffwechselkuren. Dazu bringt sie Mineralstoffe und Kieselsäure mit, was sie auch für Haut und Fell interessant macht.
Blatt, Kraut oder Wurzel – was ist die richtige Droge?
Das Blatt. Urticae folium ist die Droge, auf die sich die Anwendung bezieht, und die mit dem höchsten Gehalt an Mineralstoffen und Kieselsäure.
„Ganzes Kraut“ heißt Blätter mit Stengeln – billiger zu ernten und ärmer an dem, worauf es ankommt. Die Wurzel ist eine eigene Droge aus einem ganz anderen Anwendungsgebiet und gehört nicht ins Pferdefutter.
Hilft Brennnessel bei angelaufenen Beinen?
Davon raten wir ab. Die Veterinärphytotherapie nennt als Gegenanzeige ausdrücklich die Neigung zu Ödemen infolge einer Herz- oder Niereninsuffizienz – und wiederkehrende oder beidseitige Schwellungen sind genau das Zeichen, mit dem diese Erkrankungen auffällig werden.
Eine Schwellung nach einer Standnacht ist etwas anderes als eine, die bleibt. Dicke Beine gehören angesehen, bevor etwas in den Trog kommt.
Ist Brennnessel eine gute Eisenquelle fürs Pferd?
Das ist kein sinnvolles Argument. Heu deckt den Eisenbedarf eines Pferdes bereits mehrfach – ein Mangel ist beim Pferd die Ausnahme, nicht die Regel.
Was die Blätter tatsächlich mitbringen, sind Mineralstoffe und Kieselsäure, dazu Flavonoide und Chlorophyll. Und die beiden Anwendungsgebiete, um die es eigentlich geht.
Warum muss das Pferd dabei mehr trinken?
Weil die Droge die Harnmenge erhöht. Bei einer Durchspülungsdroge ist die Wasseraufnahme die Grundbedingung und nicht ein Hinweis am Rand.
Im Winter lohnt der Blick auf die Wassertemperatur: Pferde trinken bei eiskaltem Wasser deutlich weniger – und dann arbeitet eine durchspülende Droge gegen sich selbst.
Brennt getrocknete Brennnessel im Maul?
Nein. Die Brennhaare verlieren ihre Wirkung beim Trocknen vollständig. Getrocknete Brennnesselblätter schmecken mild und heuartig.
Frisch oder angewelkt gehört die Brennnessel dagegen nicht in den Trog – auf der Weide gehen Pferde von selbst darum herum, solange die Pflanze steht. Und unvollständig getrocknetes Kraut schimmelt, weshalb wir vom Selbertrocknen abraten.
Kann ich Brennnessel dauerhaft füttern?
Angelegt ist sie als Kur – bei Gelenkthemen über Wochen bis Monate, bei Haut und Fell über die Saison, mit Pausen dazwischen.
Wichtiger als die Dauer ist dabei, nicht mehrere Produkte zu stapeln: Die Brennnessel steht in beinahe jeder Gelenk-, Haut- und Stoffwechselmischung am Markt, und zwei davon nebeneinander verdoppeln dieselbe Droge.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Brendieck-Worm, C. & Melzig, M. F. (2021): Phytotherapie in der Tiermedizin. 2. Auflage. Stuttgart: Thieme – Anwendungsgebiete und Gegenanzeigen für Pferd, Rind, Schaf, Ziege, Schwein, Hund und Geflügel
- Kommission E des Bundesgesundheitsamtes: Monographie Urticae folium/herba – positiv bewertet
- HMPC/EMA: Monographie Urtica dioica L., folium
- Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.): Urticae folium
- Wichtl, M.: Teedrogen und Phytopharmaka. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
- Deutsche Reiterliche Vereinigung: Allgemeine Bestimmungen zu Doping und Medikation (ADMR)