Warum Biotin beim Fellwechsel am Thema vorbei ist – und was deinem Pferd tatsächlich hilft. Ein evidenzbasierter Ratgeber.
Braucht mein Pferd Biotin im Fellwechsel? Nein. Biotin (Vitamin B7) ist am Aufbau von Keratin beteiligt, hat aber keinen nachgewiesenen Effekt auf den Fellwechsel. Alle peer-reviewed Studien zeigen: Biotin-Supplementierung wirkt frühestens nach 9–15 Monaten – und ausschließlich auf die Hufhornqualität, nicht auf das Fell. Der Fellwechsel dauert 4–8 Wochen und wird über Tageslichtlänge und Melatonin gesteuert – nicht über Biotin. Die GfE (Gesellschaft für Ernährungsphysiologie) hat 2014 die Biotin-Bedarfsempfehlung für Pferde ersatzlos gestrichen. Es gibt keinen dokumentierten Biotinmangel bei Pferden (Kentucky Equine Research).
1. Was ist Biotin? Vitamin B7 kurz erklärt
Biotin – auch bekannt als Vitamin B7 oder früher Vitamin H – ist ein wasserlösliches Vitamin aus der Gruppe der B-Vitamine. Es ist als Coenzym an zahlreichen Stoffwechselprozessen beteiligt: Kohlenhydrat-, Fett- und Proteinstoffwechsel, Zellproliferation und die Bildung von Keratin – dem Strukturprotein in Hufen, Haaren und Haut.
Genau diese Verbindung zu Keratin hat Biotin in der Pferdewelt zum Synonym für „gutes Fell" und „starke Hufe" gemacht. Der Denkfehler: Weil Biotin am Aufbau von Keratin beteiligt ist, wird geschlossen, dass mehr Biotin automatisch besseres Fell bedeutet. Die Studienlage erzählt eine andere Geschichte.
Biotin auf einen Blick
Chemischer Name: Vitamin B7 (D-Biotin)
Typ: Wasserlösliches B-Vitamin
Funktion: Coenzym für Carboxylasen – beteiligt an Fettsäuresynthese, Gluconeogenese, Aminosäureabbau und Keratinbildung
Natürliche Quellen: Heu, Gras, Hafer, Luzerne, Sojaschrot – plus mikrobielle Synthese im Dickdarm
GfE-Status (2014): Keine Bedarfsempfehlung mehr für Pferde – Versorgung über Futter und Eigensynthese gilt als ausreichend
2. Was den Fellwechsel tatsächlich steuert
Bevor wir über Biotin sprechen, muss klar sein, was der Fellwechsel überhaupt ist – denn er ist kein Fellproblem. Er ist ein Gesamtstoffwechsel-Ereignis, das hormonell gesteuert wird und an dem fast jedes Organ beteiligt ist.
Der photoperiodische Mechanismus
Der Fellwechsel wird über die Tageslichtlänge (Photoperiode) gesteuert – nicht, wie oft angenommen, über die Temperatur. Spezielle Lichtrezeptoren in den Augen des Pferdes – sogenannte intrinsisch photosensitive retinale Ganglienzellen – leiten die Information über die Tageslänge über den retino-hypothalamischen Trakt an den suprachiasmatischen Nucleus (SCN) im Hypothalamus weiter. Von dort geht das Signal an die Zirbeldrüse (Pinealdrüse).
Die Zirbeldrüse reguliert die Melatonin-Produktion: Je kürzer die Tage, desto mehr Melatonin wird produziert – und umgekehrt. Im Frühjahr, wenn die Tage länger werden, sinkt die Melatonin-Produktion. Das hebt die Hemmung von Prolaktin auf – einem Hormon, das direkt an der Aktivierung des Fellwechsels beteiligt ist.
Temperatur ist sekundär
Die Studie von O'Brien, Darcy-Dunne & Murphy (PLOS ONE, 2020) bestätigt: Photoperiode ist der dominante Umweltreiz für den Fellwechsel. Temperatur spielt eine modulierende Rolle, ist aber nicht der Auslöser. Deshalb beginnt der Fellwechsel oft schon im Februar – mitten in der Kälte –, weil die Tageslichtlänge bereits zunimmt.
Was im Pferdekörper passiert
Die sinkende Melatonin-Produktion löst eine hormonelle Kaskade aus: Schilddrüse, Nebennierenrinde und Sexualhormone fahren hoch, der gesamte Stoffwechsel beschleunigt sich. Was dann folgt, ist metabolischer Hochbetrieb:
Millionen alter Haare werden abgestoßen und durch neue ersetzt. Jeder einzelne neue Haarfollikel durchläuft aktiv die Anagenphase (Wachstumsphase) und braucht dafür Aminosäuren – vor allem schwefelhaltige wie Methionin und Cystein –, Zink, Kupfer, B-Vitamine und Energie. Die Leber entgiftet Stoffwechselprodukte aus dem Haarabbau, der Darm muss die erhöhte Nährstoffmenge resorbieren, die Haut als größtes Organ fährt Durchblutung und Talgproduktion hoch.
Dieser Gesamtprozess dauert 4 bis 8 Wochen. Das ist entscheidend für alles, was jetzt kommt.
3. Vier wissenschaftliche Fakten gegen Biotin im Fellwechsel
Die folgenden vier Punkte basieren ausschließlich auf peer-reviewed Studien und offiziellen wissenschaftlichen Institutionen – keine Herstellerangaben, keine Erfahrungsberichte, keine Marketing-Aussagen.
4. Was die Biotin-Studien wirklich zeigen
Die wissenschaftliche Literatur zu Biotin beim Pferd ist überschaubar – aber klar in ihren Aussagen. Hier die wichtigsten Studien im Überblick:
Josseck, Zenker & Geyer (1995) – Die Lipizzaner-Studie
Design: Doppelblind, placebokontrolliert – der Goldstandard klinischer Studien. 42 Lipizzanerhengste, 20 mg Biotin täglich über 3 Jahre.
Gemessen: Makroskopische Hufhornqualität, Hufhorndefekte, Zugfestigkeit.
Geyer & Schulze (1994) – Die Langzeitstudie
Design: Langzeitstudie, 1–6 Jahre. 97 Pferde mit brüchigem Hufhorn, 5 mg Biotin pro 100–150 kg Körpergewicht. Kontrollgruppe: 11 Pferde ohne Supplementierung.
Gemessen: Makroskopische, histologische und physikalische Hufhornparameter.
Buffa, Van Den Berg, Verstraete & Swart (1992)
Design: 24 zufällig ausgewählte Reitpferde, verschiedene Biotin-Dosierungen, 10 Monate.
Gemessen: Hufwachstumsrate und Hufhärte.
Comben, Clark & Sutherland (1984) – Die erste Fallserie
Design: Fallserie, über 40 Pferde mit Hufhorndefekten, 10–30 mg Biotin täglich.
Das Muster ist eindeutig
Alle Studien untersuchten Hufe. Alle Studien zeigten Ergebnisse nach Monaten, nicht Wochen. Alle positiven Effekte betrafen Hufhornqualität. Keine einzige Studie hat einen positiven Effekt von Biotin auf den Fellwechsel oder die Fellqualität beim Pferd nachgewiesen. Die Übertragung „Biotin = gut für Hufe, also auch gut für Fell" ist ein Marketing-Narrativ, kein wissenschaftliches Ergebnis.
5. Das anatomische Paradox: Synthese im Dickdarm, Resorption im Dünndarm
Ein weiterer Aspekt, der selten erklärt wird: Wie Biotin im Pferdekörper überhaupt verarbeitet wird.
Pferde produzieren tatsächlich Biotin – durch mikrobielle Synthese im Dickdarm (Caecum und Colon). Die Darmbakterien, die Raufaser fermentieren, produzieren Biotin als Nebenprodukt. So weit, so gut.
Das Problem: Biotin wird hauptsächlich im vorderen Dünndarm resorbiert – also anatomisch vor dem Dickdarm. Im Dickdarm selbst findet kaum Nährstoffaufnahme statt – dort wird im Wesentlichen nur Wasser absorbiert, wie das Kentucky Equine Research Institute feststellt. Das endogen produzierte Biotin geht also größtenteils über den Kot verloren.
Warum trotzdem kein Mangel?
Weil bei artgerechter Fütterung genug Biotin über das Futter – Heu, Gras, Hafer, Luzerne – in den Dünndarm gelangt und dort resorbiert wird. Die Biotinversorgung des Pferdes läuft primär über die Futter-Aufnahme im Dünndarm, nicht über die Eigensynthese im Dickdarm. Genau deshalb hat die GfE keine gesonderte Supplementierungsempfehlung – bei bedarfsgerechter Fütterung ist die Versorgung gedeckt.
Was bedeutet das praktisch? Wenn ein Pferd genug Raufaser und eine ausgewogene Ration bekommt, ist seine Biotinversorgung gedeckt – ganz ohne Supplement. Und wenn die Darmgesundheit gestört ist (z.B. durch hohe Kraftfuttergaben, nach Antibiotika-Therapie), dann ist das Problem nicht „zu wenig Biotin", sondern „gestörte Darmflora" – und dann muss der Darm unterstützt werden, nicht das Einzelvitamin.
6. Was beim Fellwechsel tatsächlich hilft
Wenn Biotin beim Fellwechsel am Thema vorbei ist – was zählt dann?
Der Fellwechsel ist ein Gesamtstoffwechsel-Ereignis. Er gelingt, wenn drei Systeme gut funktionieren:
Biotin-Ansatz ❌
Fokus: Einzelnes Vitamin für Keratin
Wirkungseintritt: 9–15 Monate
Belegt für: Hufhornqualität
Belegt für Fell: Nein
Fazit: Zeitlich und funktional am Fellwechsel vorbei
Ganzheitlicher Ansatz ✅
Fokus: Leber, Darm, Haut – der gesamte Stoffwechsel
Ziel: Die Organe unterstützen, die den Fellwechsel ermöglichen
Tradition: Frühjahrskuren in der Phytotherapie seit Jahrhunderten
Fazit: Adressiert den Fellwechsel dort, wo er stattfindet
Die drei Schlüsselorgane im Fellwechsel
Die Leber
Die Leber ist das zentrale Stoffwechselorgan und im Fellwechsel massiv gefordert. Alte Haare werden abgebaut, Stoffwechselprodukte müssen entgiftet werden, gleichzeitig steigt der Nährstoffumsatz. Eine Leber, die ohnehin belastet ist – durch Medikamente, Wurmkuren im Winter, Mykotoxine im Heu – kann im Fellwechsel zum Flaschenhals werden. Die Folge: schleppender Fellwechsel, stumpfes Fell, Appetitlosigkeit, Müdigkeit.
Der Darm
Die ganzen Nährstoffe, die der Körper jetzt braucht, müssen erst resorbiert werden. Ein Darm, der durch die Winterfütterung (wenig Gras, viel Heu, wenig Bewegung) nicht optimal arbeitet, kann auch das beste Mineralfutter nicht verwerten. Und: Genau dieser Darm entscheidet auch darüber, ob das Biotin aus dem Futter überhaupt aufgenommen wird – ein Grund mehr, den Fokus auf die Darmgesundheit zu legen statt auf ein Einzelvitamin.
Die Haut
Als größtes Organ des Pferdes ist die Haut nicht nur „Fellträger", sondern immunologisch aktiv. Hautstoffwechsel, Talgproduktion, Durchblutung – all das muss im Fellwechsel hochfahren.
Was du praktisch tun kannst
Checkliste Fellwechsel
- Heuqualität prüfen – schimmlige oder staubige Chargen belasten Leber und Atemwege, gerade jetzt der falsche Zeitpunkt.
- Mineralfutter kritisch hinterfragen – deckt es wirklich den erhöhten Bedarf an Zink, Kupfer und Selen ab, oder ist es seit dem Herbst das gleiche Maß?
- Bewegung – klingt banal, aber Bewegung fördert die Durchblutung der Haut und den Lymphfluss, beides wichtig für den Fellwechsel.
- Regelmäßig putzen – nicht nur fürs Auge. Bürsten stimuliert die Hautdurchblutung und hilft, lose Haare zu entfernen, die sonst den Follikel blockieren.
- Auf ausreichend Protein achten – schwefelhaltige Aminosäuren (Methionin, Cystein) sind essentielle Bausteine für neues Haar.
Die Rolle der Phytotherapie
In der traditionellen Kräuterkunde gibt es eine lange Tradition der sogenannten Frühjahrskuren – und die zielten nie auf ein einzelnes Organ oder ein einzelnes Vitamin. Die Idee: Im Frühjahr den gesamten Stoffwechsel ankurbeln, die Entgiftungsorgane unterstützen und den Körper bei der Umstellung begleiten.
Traditionell eingesetzte Kräuter haben deshalb ein breites Profil: Leberkräuter wie Mariendistel oder Artischocke, Bitterkräuter wie Löwenzahn oder Wegwarte für Verdauung und Gallefluss, und Kräuter für den Hautstoffwechsel wie Brennnessel oder Birkenblätter. Der entscheidende Punkt: Diese Kräuter wirken nicht isoliert auf „das Fell", sondern unterstützen die Prozesse, die den Fellwechsel überhaupt erst ermöglichen.
Qualität entscheidet
Ob Kräuter wirken, hängt vom Wirkstoffgehalt ab – nicht vom Etikett. Beispiel Mariendistel: Das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur.) fordert mindestens 1,5 % Silymarin. Eine Mariendistel in Futtermittelqualität kann 0,3 % oder 2 % enthalten – niemand prüft es. Mehr dazu in unserem Ratgeber: Was bedeutet Arzneibuchqualität?
7. Wann Biotin-Supplementierung beim Pferd sinnvoll sein kann
Die Aussage ist nicht „Biotin ist nutzlos" – die Aussage ist „Biotin ist beim Fellwechsel am Thema vorbei." Für Hufprobleme kann Biotin durchaus eine Rolle spielen.
Biotin kann sinnvoll sein bei:
- Pferden mit bestehenden Hufproblemen – brüchiges Hufhorn, Risse, schlechte Hornqualität, Verlust von Hufeisen
- Gestörter Darmflora – nach Antibiotika-Therapie, bei chronischem Durchfall, bei kraftfutterreicher Fütterung mit wenig Raufaser
- Älteren Pferden – mit eingeschränkter Dickdarmfunktion und dadurch reduzierter mikrobieller Biotin-Synthese
- Pferden nach Hufrehe – zur Unterstützung des Nachwachsens von geschädigtem Hufhorn
Wenn du Biotin supplementierst – richtig machen
- Dosierung: 15–20 mg täglich für ein 500 kg Pferd (Studienlage)
- Dauer: Mindestens 9 Monate, besser 12 – erst dann lässt sich ein Effekt beurteilen
- Kontinuität: Nicht intermittierend füttern – die Geyer-Studie zeigt: nach Absetzen verschlechtert sich die Hufqualität wieder
- Erwartung: Biotin verbessert nur neu wachsendes Hufhorn. Bestehendes Horn bleibt unverändert
- Kombination: Biotin allein reicht selten – Zink, Kupfer, Methionin und ausgewogene Grundfütterung sind mindestens ebenso wichtig
Häufig gestellte Fragen
Braucht mein Pferd Biotin im Fellwechsel?
Nein. Der Fellwechsel dauert 4–8 Wochen, aber Biotin-Supplementierung zeigt frühestens nach 9 Monaten Wirkung – und ausschließlich auf die Hufhornqualität, nicht auf das Fell. Die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) hat 2014 die Biotin-Bedarfsempfehlung für Pferde ersatzlos gestrichen, da die Versorgung über Futter und mikrobielle Eigensynthese als ausreichend gilt. Für den Fellwechsel ist es sinnvoller, den Gesamtstoffwechsel zu unterstützen: Leber, Darm und Haut.
Gibt es einen nachgewiesenen Biotinmangel bei Pferden?
Nein. Laut dem Kentucky Equine Research Institute (KER) gibt es keinen dokumentierten Nachweis eines Biotinmangels bei Pferden. Die Mikroben im Dickdarm synthetisieren Biotin, und über die Futteraufnahme im Dünndarm wird zusätzlich Biotin resorbiert. Selbst bei Pferden mit schlechter Hufhornqualität wurden normale Biotin-Blutspiegel gemessen – was darauf hindeutet, dass die Hufprobleme andere Ursachen haben als einen Biotinmangel.
Wie lange dauert es, bis Biotin beim Pferd wirkt?
Mindestens 9 bis 15 Monate – nicht Wochen. Die doppelblinde Studie von Josseck, Zenker & Geyer (1995) an der Spanischen Hofreitschule Wien zeigte Verbesserungen der Hufhornqualität nach 9 Monaten. Die Langzeitstudie von Geyer & Schulze (1994) an der Universität Zürich bestätigte 8 bis 15 Monate. Das liegt daran, dass Biotin nur neu wachsendes Hufhorn beeinflusst – und das gesamte Hufhorn braucht diese Zeit, um sich einmal komplett zu erneuern.
Wirkt Biotin auf das Fell oder nur auf die Hufe?
Alle wissenschaftlich belegten Effekte von Biotin-Supplementierung beim Pferd beziehen sich ausschließlich auf die Hufhornqualität. Die Studien von Josseck et al. (1995), Geyer & Schulze (1994), Buffa et al. (1992) und Comben et al. (1984) untersuchten sämtlich Hufparameter – Hufhärte, Zugfestigkeit, Hufwachstumsrate, makroskopische Hornqualität. Keine dieser Studien hat Fellparameter gemessen oder einen Effekt auf den Fellwechsel oder die Fellqualität nachgewiesen.
Warum hat die GfE die Biotin-Empfehlung für Pferde gestrichen?
Die Gesellschaft für Ernährungsphysiologie hat 2014 die Empfehlungen zur Nährstoffversorgung von Pferden umfassend aktualisiert. Dabei wurde die bis dahin bestehende Bedarfsempfehlung für Biotin nicht erneuert. Der Grund: Bei bedarfsgerechter Fütterung – also einer Ration mit ausreichend Raufaser und einer artgerechten Grundfütterung – ist die Biotinversorgung über die Futteraufnahme und die mikrobielle Eigensynthese im Dickdarm gedeckt. Eine generelle Supplementierung ist daher nicht nötig.
Was steuert den Fellwechsel beim Pferd?
Der Fellwechsel wird primär über die Tageslichtlänge (Photoperiode) gesteuert, nicht über die Temperatur. Lichtrezeptoren in den Augen des Pferdes übermitteln die Information an die Zirbeldrüse, die daraufhin die Melatonin-Produktion reguliert. Im Frühjahr sinkt das Melatonin, was die Prolaktin-Hemmung aufhebt und den Fellwechsel aktiviert. Gleichzeitig beschleunigt sich der gesamte Stoffwechsel – Schilddrüse, Nebennierenrinde und Sexualhormone fahren hoch. Die Studie von O'Brien et al. (PLOS ONE, 2020) bestätigt diesen Mechanismus experimentell.
Was hilft meinem Pferd tatsächlich beim Fellwechsel?
Der Fellwechsel ist ein Gesamtstoffwechsel-Ereignis. Entscheidend sind: Gute Heuqualität (keine Schimmelbelastung, die die Leber fordert), ausreichende Mineralstoffversorgung – insbesondere Zink, Kupfer und Selen, die im Fellwechsel erhöht benötigt werden –, genug schwefelhaltige Aminosäuren (Methionin, Cystein) als Bausteine für neues Haar, regelmäßige Bewegung zur Förderung der Hautdurchblutung und Putzen, um lose Haare zu entfernen und die Durchblutung der Haut zu stimulieren. In der traditionellen Phytotherapie werden zudem Frühjahrskuren eingesetzt, die Leber, Darm und Hautstoffwechsel unterstützen.
Mein Pferd hat stumpfes Fell – ist das ein Biotinmangel?
Sehr wahrscheinlich nicht. Ein Biotinmangel ist bei Pferden nicht dokumentiert. Stumpfes Fell deutet eher auf andere Ursachen hin: unzureichende Mineralstoffversorgung (Zink und Kupfer sind besonders wichtig für die Fellqualität), belastete Leber, gestörte Darmgesundheit, Parasitenbefall, Proteinmangel oder mangelnde Hautpflege und Bewegung. Eine Blutuntersuchung, Kotprobe und Rationsberechnung durch den Tierarzt sind sinnvoller als die pauschale Gabe von Biotin.
Kann Biotin beim Pferd überdosiert werden?
Biotin ist ein wasserlösliches Vitamin – Überschüsse werden über den Urin ausgeschieden. Es sind keine Fälle von Biotin-Toxizität beim Pferd dokumentiert. Das Risiko einer Überdosierung ist also gering. Das eigentliche Thema ist ein anderes: Biotin für den Fellwechsel zu kaufen kostet Geld, bringt aber für diesen Zweck nachweislich keinen Nutzen. Das Budget ist bei einer ausgewogenen Mineralfutterversorgung oder hochwertigen Kräutern besser investiert.
Wann ist Biotin-Supplementierung beim Pferd wirklich sinnvoll?
Biotin kann sinnvoll sein bei Pferden mit bestehenden Hufproblemen (brüchiges Horn, Risse, Hufeisenverlust), bei Pferden mit gestörter Darmflora (nach Antibiotika, bei kraftfutterreicher Fütterung), bei älteren Pferden mit eingeschränkter Dickdarmfunktion oder bei Pferden, die sich von Hufrehe erholen. Wichtig: 15–20 mg täglich, mindestens 9 Monate konsequent, und in Kombination mit einer ausgewogenen Grundfütterung (Zink, Kupfer, Methionin). Biotin allein löst selten ein Hufproblem.
Welche Studien gibt es zu Biotin beim Pferd?
Die wichtigsten peer-reviewed Studien sind: Josseck, Zenker & Geyer (1995, Equine Veterinary Journal) – doppelblinde Studie an 42 Lipizzanern der Spanischen Hofreitschule, Verbesserung der Hufhornqualität nach 9 Monaten. Geyer & Schulze (1994, Schweizer Archiv für Tierheilkunde) – Langzeitstudie an 97 Pferden über 1–6 Jahre, Verbesserung nach 8–15 Monaten. Buffa et al. (1992, Equine Veterinary Journal) – 24 Pferde über 10 Monate, verbesserte Hufhärte bei 15 mg/Tag. Comben, Clark & Sutherland (1984, Veterinary Record) – erste dokumentierte Fallserie mit über 40 Pferden. Reilly et al. (1998, Equine Veterinary Journal Supplement) – kontrollierte Studie an Ponies, erhöhtes Hufwachstum bei Biotin-Supplementierung. Alle Studien zeigen: Biotin wirkt auf Hufe, nicht auf Fell – und erst nach vielen Monaten.
Warum empfehlen so viele Hersteller Biotin im Fellwechsel?
Die Assoziation Biotin = Fell/Haut/Hufe ist tief verankert und lässt sich gut vermarkten. Biotin ist am Aufbau von Keratin beteiligt, das in Hufen, Haaren und Haut vorkommt – das stimmt. Der Fehlschluss ist: Daraus wird abgeleitet, dass mehr Biotin automatisch besseres Fell bedeutet. Die Studienlage stützt das nicht. Für Hersteller ist Biotin ein einfaches, günstiges und risikoarmes Produkt mit hohem Wiedererkennungswert. Das macht es zum idealen Marketing-Produkt – unabhängig davon, ob es für den beworbenen Zweck wirkt.
Welche Rolle spielt die Leber beim Fellwechsel?
Eine zentrale Rolle. Die Leber ist das zentrale Stoffwechsel- und Entgiftungsorgan. Im Fellwechsel muss sie alte Haare abbauen, Stoffwechselprodukte entgiften und den erhöhten Nährstoffumsatz bewältigen. Eine Leber, die durch Medikamente, Wurmkuren im Winter oder Mykotoxine im Heu vorbelastet ist, wird im Fellwechsel zum Flaschenhals. Typische Anzeichen: schleppender Fellwechsel, stumpfes Fell, Appetitlosigkeit, Müdigkeit. In der Phytotherapie werden traditionell Leberkräuter wie Mariendistel (Wirkstoff Silymarin) oder Artischocke eingesetzt, um den Leberstoffwechsel zu unterstützen.
Ist Biotin das Gleiche wie Vitamin B7?
Ja. Biotin ist der gebräuchliche Name für Vitamin B7. Es wurde früher auch als Vitamin H bezeichnet (von „Haut"). Es gehört zur Gruppe der B-Vitamine und ist ein wasserlösliches Coenzym, das an Carboxylierungs-Reaktionen im Stoffwechsel beteiligt ist – unter anderem an der Fettsäuresynthese, der Gluconeogenese und der Keratinbildung.
Wo wird Biotin beim Pferd produziert und wo aufgenommen?
Pferde produzieren Biotin durch mikrobielle Synthese im Dickdarm (Caecum und Colon) – Darmbakterien, die Raufaser fermentieren, erzeugen Biotin als Nebenprodukt. Das anatomische Problem: Biotin wird hauptsächlich im vorderen Dünndarm resorbiert. Im Dickdarm, wo die Synthese stattfindet, wird im Wesentlichen nur Wasser absorbiert. Das endogen produzierte Biotin geht daher größtenteils über den Kot verloren. Die Biotinversorgung des Pferdes läuft primär über die Aufnahme von Biotin aus dem Futter im Dünndarm.
Enthält normales Pferdefutter genug Biotin?
Ja, bei bedarfsgerechter Fütterung. Biotin kommt in vielen gängigen Futtermitteln vor: Heu, frisches Gras, Hafer, Luzerne (Alfalfa) und Sojaschrot sind natürliche Biotinquellen. Die GfE hat 2014 aus genau diesem Grund keine gesonderte Bedarfsempfehlung mehr ausgesprochen. Ausnahmen können bestehen bei Pferden mit stark eingeschränkter Darmfunktion, nach längerer Antibiotika-Therapie oder bei extrem kraftfutterreicher Fütterung mit wenig Raufaser.
Was ist der Unterschied zwischen Futtermittelqualität und Arzneibuchqualität bei Kräutern?
Futtermittelqualität bedeutet: hygienisch einwandfrei, frei von bestimmten Schadstoffen und korrekt deklariert. Der Wirkstoffgehalt wird jedoch nicht geprüft. Arzneibuchqualität (Ph. Eur.) geht weiter: Das Europäische Arzneibuch definiert für jede Pflanze exakt, welcher Pflanzenteil verwendet werden muss, welchen Mindestgehalt an Wirkstoffen er haben muss, und welche Schadstoffe in welcher Höchstmenge enthalten sein dürfen. Beispiel Mariendistel: Das Arzneibuch fordert mindestens 1,5 % Silymarin. In Futtermittelqualität kann der Gehalt zwischen 0,3 % und 2 % schwanken – der Hersteller muss es nicht prüfen.