Vorab
Fieber zusammen mit neurologischen Zeichen ist ein Notfall. Dann sofort die tierärztliche Praxis anrufen und das Pferd von den anderen trennen – das Virus verbreitet sich schnell, und jede Stunde zählt für den ganzen Bestand.
Das equine Herpesvirus trägt der weitaus größte Teil aller Pferde in sich, meist seit dem Fohlenalter. Es verschwindet nie wieder – es zieht sich in Nervenzellen zurück und kann von dort jederzeit wieder aktiv werden.
Das Wichtigste in Kürze
- Drei Verlaufsformen: Atemwege, Abort bei tragenden Stuten, neurologische Form
- Ein Ausbruch braucht keinen Neuzugang – das Virus schläft im eigenen Bestand
- Fieber messen ist die wichtigste Maßnahme bei Verdacht im Stall
- Die Impfung verhindert nicht jede Erkrankung, senkt aber den Infektionsdruck im Bestand
- Keine Anzeigepflicht – was die freiwillige Meldung umso wichtiger macht
Warum es nie weggeht
Nach der Erstinfektion zieht sich das Virus in Nervenzellen zurück und bleibt dort unbemerkt vom Immunsystem. Das Pferd ist Träger, zeigt nichts und steckt niemanden an – bis sich das ändert.
Was es weckt
Belastung: Transport, Turnier, Stallwechsel, eine neue Gruppe, eine andere Erkrankung. Auch die Trächtigkeit gehört dazu.
Die Folge
Das Pferd scheidet wieder Virus aus – manchmal ohne selbst krank zu wirken. Genau das macht die Erkrankung so schwer kontrollierbar.
Deshalb reicht Abschottung nicht
Ein Ausbruch kann auch in einem geschlossenen Bestand ohne Neuzugänge entstehen. Das Virus muss nicht hereingetragen werden – es ist schon da.
Die Jahreszeit
Ausbrüche häufen sich im Spätherbst bis Frühjahr – der Zeit mit mehr Stallhaltung, Transporten und Hallensaison.
Die drei Verlaufsformen
| Form | Was passiert | Einordnung |
|---|---|---|
| Atemwege | Fieber, wässriger Nasenausfluss, Husten, geschwollene Lymphknoten | Die häufigste Form; heilt meist in ein bis zwei Wochen ab |
| Abort | Fehlgeburt im letzten Trächtigkeitsdrittel, häufig ohne Vorzeichen | Kann mehrere Stuten eines Bestands betreffen; Abortmaterial ist hoch infektiös |
| Neurologisch | Schwäche der Hinterhand, unsicherer Gang, Störungen bei Kot- und Harnabsatz, Festliegen | Die gefürchtete Form – ausgelöst durch EHV-1 |
Zur neurologischen Form
Das Virus schädigt die kleinen Blutgefäße in Rückenmark und Gehirn; daraus entstehen Durchblutungsstörungen und Nervenschäden. Die Zeichen treten typischerweise wenige Tage nach der Infektion auf, häufig im Anschluss an eine Fieberphase.
Entscheidend ist, ob das Pferd stehen bleibt. Tiere, die festliegen und nicht mehr aufstehen, haben eine schlechte Prognose – dann steht aus Tierschutzgründen die Frage der Erlösung im Raum. Diese Entscheidung gehört in die Hände der behandelnden Praxis.
Erkennen
Fieber messen ist die wichtigste Maßnahme
Fieber ist oft das einzige Zeichen, bevor etwas anderes auffällt – und es ist das Einzige, das sich im Stall ohne Aufwand feststellen lässt. Bei Verdacht im Bestand wird bei allen Pferden gemessen, zweimal täglich, und notiert.
Ein Pferd mit Fieber bleibt stehen, wo es ist, und wird nicht mehr bewegt oder transportiert, bis die Praxis es gesehen hat.
Sofort anrufen
- Fieber, besonders wenn mehrere Pferde betroffen sind
- Schwäche der Hinterhand, Schwanken, Zehenschleifen
- Störungen bei Kot- oder Harnabsatz – ein wenig bekanntes, aber wichtiges Zeichen
- Abort – Fohlen und Nachgeburt nicht berühren, Bereich absperren
- Nasenausfluss mit Fieber im Zusammenhang mit Turnier oder Transport
Wenn es im Stall ist
Ein Herpesausbruch wird nicht vom einzelnen Halter gemanagt, sondern vom Betrieb gemeinsam mit der Praxis. Die Grundzüge sind aber immer dieselben.
Was sofort passiert
- Schritt: Bewegungsstopp: kein Pferd verlässt den Betrieb, keines kommt herein
- Schritt: Erkrankte trennen, mit größtmöglichem Abstand zu den übrigen
- Schritt: Gruppen bilden: erkrankt, Kontakt gehabt, ohne Kontakt – und zwischen den Gruppen nicht wechseln
- Schritt: Eigene Ausrüstung je Gruppe: Eimer, Gabeln, Halfter, Putzzeug
- Schritt: Händedesinfektion und Kleidungswechsel zwischen den Bereichen
- Schritt: Zweimal täglich Fieber messen, bei allen, mit Liste
- Schritt: Besuchsverkehr einstellen
Die Reihenfolge der Versorgung
Wo sich getrennte Zuständigkeiten nicht einrichten lassen, gilt: zuerst die Pferde ohne Kontakt, dann die Kontaktgruppe, zuletzt die erkrankten. Das kostet nichts und verhindert viel.
Zur Meldung
EHV-1 und EHV-4 sind in Deutschland weder anzeige- noch meldepflichtig – es gibt also keine behördlich angeordnete Sperre. Genau deshalb zählt die freiwillige Meldung: Andere Betriebe in der Umgebung können nur reagieren, wenn sie es erfahren. Wer einen Ausbruch verschweigt, schützt seinen Ruf und gefährdet die Nachbarn.
Die Impfung
Was sie leistet – und was nicht
Sie senkt die Virusausscheidung und mildert den Verlauf, und sie wirkt vor allem über den Bestand: Je mehr Pferde geimpft sind, desto geringer der Infektionsdruck.
Sie verhindert weder jede Infektion noch sicher die neurologische Form. Das ist unbefriedigend und trotzdem kein Argument gegen sie – es ist die beste verfügbare Maßnahme.
Der Rhythmus
Auf die Grundimmunisierung folgen Auffrischungen etwa alle sechs Monate – kürzer als bei den meisten anderen Impfungen, weil die Immunität gegen dieses Virus nicht lange trägt. Die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin zählt die Herpesimpfung neben Tetanus und Influenza zu den Impfungen, die jedes Pferd bekommen sollte. Schema und Impfstoffwahl legt die tierärztliche Praxis fest; bei tragenden Stuten gelten eigene Vorgaben.
Der Bestandsgedanke
Ein einzelnes geimpftes Pferd in einem ungeimpften Bestand ist schlecht geschützt. Die Impfung wirkt am besten, wenn der ganze Stall mitmacht – was sie zu einem Thema für die Stallgemeinschaft macht und nicht nur für den einzelnen Halter.
Was im Turniersport gilt
Keine Pflicht mehr, aber nicht bedeutungslos
Für den deutschen Turniersport bestand ab Januar 2023 eine Impfpflicht gegen EHV-1; sie wurde im April 2024 wieder aufgehoben. Verpflichtend bleibt die Influenzaimpfung.
Zwei Dinge gelten trotzdem: Veranstalter können in ihren Ausschreibungen eine Herpesimpfung verlangen, und viele Betriebe setzen sie für Einstellpferde voraus. Vor der Nennung lohnt deshalb der Blick in die Ausschreibung – und ein Blick in den Equidenpass, ob die Abstände eingehalten sind.
Und was Kräuter hier nicht leisten
Klar gesagt
Keine Kräutermischung verhindert eine Herpesinfektion, verhindert die Reaktivierung oder beeinflusst den Verlauf. Bei einem akuten Ausbruch entscheidet die tierärztliche Behandlung, und bei neurologischen Zeichen zählt jede Stunde.
Wir führen Immunkräuter und sagen das trotzdem so deutlich: Bei einer Erkrankung, die einen ganzen Bestand treffen und Pferde das Leben kosten kann, wäre alles andere unverantwortlich.
Wo die allgemeine Verfassung zählt
Reaktivierungen hängen mit Belastung zusammen – und daran lässt sich arbeiten: Transporte bündeln statt häufen, nach Turnieren Ruhe einplanen, Gruppen stabil halten, nicht mehrere Umstellungen in dieselbe Woche legen. Das ist kein Ersatz für die Impfung, aber es ist der Teil, den der Halter selbst in der Hand hat (Immunsystem beim Pferd).
Häufige Fragen
Kann ich mich bei meinem Pferd anstecken?
Nein. Das equine Herpesvirus ist nicht auf den Menschen übertragbar und hat mit dem menschlichen Lippenherpes nichts zu tun – das sind verschiedene Viren.
Hygienemaßnahmen im Stall dienen dem Schutz der anderen Pferde, nicht dem eigenen.
Wie kommt ein Ausbruch in einen geschlossenen Stall?
Gar nicht – das Virus ist schon da. Der weitaus größte Teil aller Pferde trägt es seit dem Fohlenalter in Nervenzellen, wo es unbemerkt bleibt.
Unter Belastung wird es wieder aktiv, und das Pferd scheidet Virus aus – manchmal ohne selbst krank zu wirken. Deshalb reicht Abschottung allein nicht.
Was tue ich bei Verdacht im Stall?
Fieber messen, bei allen Pferden, zweimal täglich – und die Praxis anrufen. Ein Pferd mit Fieber bleibt stehen, wo es ist.
Dazu: kein Pferd verlässt den Betrieb, erkrankte trennen, eigene Ausrüstung je Gruppe, und bei der Versorgung die gesunden zuerst, die erkrankten zuletzt.
Schützt die Impfung vor der neurologischen Form?
Nicht sicher – das ist die unbefriedigende Wahrheit. Sie senkt die Virusausscheidung und mildert Verläufe, und sie wirkt vor allem über den Bestand.
Trotzdem ist sie die beste verfügbare Maßnahme, und die Ständige Impfkommission Veterinärmedizin zählt sie zu den Impfungen, die jedes Pferd bekommen sollte.
Muss mein Turnierpferd geimpft sein?
Die Impfpflicht für den deutschen Turniersport bestand ab Januar 2023 und wurde im April 2024 wieder aufgehoben. Verpflichtend bleibt die Influenzaimpfung.
Aber: Veranstalter können sie in der Ausschreibung verlangen, und viele Betriebe setzen sie für Einstellpferde voraus. Vor der Nennung lohnt der Blick in die Ausschreibung.
Ist Herpes beim Pferd meldepflichtig?
Nein, EHV-1 und EHV-4 sind weder anzeige- noch meldepflichtig – es gibt keine behördliche Sperre.
Umso wichtiger ist die freiwillige Meldung: Nachbarbetriebe können nur reagieren, wenn sie es erfahren.
Mein Pferd hatte Herpes – ist es jetzt immun?
Nein. Eine durchgemachte Infektion schützt nicht dauerhaft, und das Virus bleibt ohnehin lebenslang im Körper.
Deshalb wird auch bei Pferden geimpft, die schon einmal erkrankt waren.
Können Kräuter einen Ausbruch verhindern?
Nein. Keine Mischung verhindert eine Infektion oder eine Reaktivierung und keine beeinflusst den Verlauf. Wir führen Immunkräuter und sagen das trotzdem so deutlich.
Was der Halter beeinflussen kann, ist die Belastung: Transporte bündeln, nach Turnieren Ruhe einplanen, Gruppen stabil halten.