Sehnenschäden gehören zu den gefürchtetsten Verletzungen bei Pferden. Sie sind schmerzhaft, langwierig und können das Ende einer Sportkarriere bedeuten. Doch mit dem richtigen Wissen über Ursachen, Heilungsphasen und Rehabilitation stehen die Chancen gut, dass Dein Pferd wieder vollständig belastbar wird. Dieser Ratgeber gibt Dir alle wichtigen Informationen an die Hand.
1. Sehnenanatomie kurz erklärt
Sehnen verbinden Muskeln mit Knochen und übertragen die Kraft der Muskulatur auf das Skelett. Sie bestehen hauptsächlich aus Kollagenfasern, die parallel angeordnet sind und enorme Zugkräfte aushalten können. Im Gegensatz zu Muskeln sind Sehnen jedoch kaum durchblutet – und genau das macht ihre Heilung so langwierig.
- Oberflächliche Beugesehne (OBS): Liegt direkt unter der Haut, häufig betroffen
- Tiefe Beugesehne (TBS): Liegt tiefer, seltener verletzt
- Fesselträger (M. interosseus medius): Stabilisiert das Fesselgelenk
- Strecksehnen: An der Vorderseite des Beins
→ Ausführliche Informationen findest Du im Artikel Sehnen und Bänder beim Pferd.
2. Arten von Sehnenschäden
Nicht jeder Sehnenschaden ist gleich. Je nach betroffener Struktur und Schweregrad unterscheiden sich Behandlung und Prognose erheblich:
- Beugesehnenentzündung: Entzündung der oberflächlichen oder tiefen Beugesehne – die häufigste Sehnenverletzung beim Reitpferd.
- Fesselträgerschaden: Schädigung des Fesselträgers – besonders bei Dressur- und Springpferden verbreitet.
- Gallen beim Pferd: Flüssigkeitsgefüllte Schwellungen an Gelenken und Sehnenscheiden – oft harmlos, manchmal Warnsignal.
Schweregrade von Sehnenschäden
| Grad | Beschreibung | Typische Heilungsdauer |
|---|---|---|
| Grad 1 | Leichte Zerrung, wenige Fasern betroffen, minimale Schwellung | 3-4 Monate |
| Grad 2 | Teilruptur, deutliche Schwellung und Lahmheit | 6-9 Monate |
| Grad 3 | Schwere Ruptur oder Totalruptur, starke Lahmheit | 12+ Monate |
3. Symptome eines Sehnenschadens erkennen
Je früher ein Sehnenschaden erkannt wird, desto besser die Prognose. Achte auf diese typischen Anzeichen:
Schwellung
Verdickung entlang der Sehne, oft "Bogenbildung"
Wärme
Erhöhte Temperatur im betroffenen Bereich
Druckempfindlichkeit
Schmerzreaktion bei Palpation der Sehne
Lahmheit
Schonen des Beins, unterschiedlich stark ausgeprägt
Der "Bogen" – klassisches Zeichen
Bei einem Schaden der oberflächlichen Beugesehne bildet sich oft eine sichtbare Verdickung an der Rückseite des Röhrbeins – der sogenannte "Bogen". Die normalerweise gerade Kontur des Beins wölbt sich nach hinten vor.
→ Mehr zum Thema: Pferd lahmt – Ursachen erkennen
4. Diagnose durch den Tierarzt
Eine genaue Diagnose ist entscheidend für die richtige Behandlung. Der Tierarzt wird folgende Untersuchungen durchführen:
- Klinische Untersuchung: Palpation der Sehnen, Beurteilung von Schwellung, Wärme und Schmerzhaftigkeit
- Lahmheitsuntersuchung: Vortraben, Beugeproben, ggf. diagnostische Anästhesien
- Ultraschall: Das wichtigste Diagnosemittel! Zeigt Lage, Größe und Ausmaß des Schadens
- Röntgen: Zum Ausschluss knöcherner Beteiligung
- MRT: Bei unklaren Befunden oder Verdacht auf Fesselträgerschäden
5. Die drei Heilungsphasen
Die Sehnenheilung folgt einem festen Schema mit drei aufeinanderfolgenden Phasen. Das Verständnis dieser Phasen ist entscheidend für die richtige Rehabilitation:
Entzündungsphase (0-2 Wochen)
Was passiert: Der Körper räumt auf. Geschädigte Fasern werden abgebaut, Entzündungszellen wandern ein, neue Blutgefäße bilden sich.
Behandlung: Strikte Boxenruhe, Kühlung, entzündungshemmende Medikamente, Bandagieren
Reparationsphase (2 Wochen - 4 Monate)
Was passiert: Neue Kollagenfasern werden gebildet. Zunächst entsteht ungeordnetes Narbengewebe (Typ-III-Kollagen), das noch nicht belastbar ist.
Behandlung: Kontrollierte Schrittbewegung (Führen an der Hand), langsamer Belastungsaufbau nach Ultraschallkontrolle
Umbauphase (4-12+ Monate)
Was passiert: Das Narbengewebe wird in belastbares Sehnengewebe (Typ-I-Kollagen) umgebaut. Die Fasern richten sich entlang der Zugrichtung aus.
Behandlung: Stufenweise Steigerung von Dauer und Intensität der Bewegung, später Trabarbeit, dann Galopp
6. Rehabilitation & Aufbautraining
Die Rehabilitation eines Sehnenschadens ist ein Marathon, kein Sprint. Ein typischer Rehabilitationsplan sieht so aus:
| Phase | Zeitraum | Bewegung |
|---|---|---|
| Akut | Woche 1-2 | Strikte Boxenruhe |
| Frühe Reha | Woche 3-8 | 2x täglich 10-15 Min. Schritt führen |
| Mittlere Reha | Monat 3-4 | 30-45 Min. Schritt, Paddock oder kleine Koppel |
| Späte Reha | Monat 5-6 | Schritt-Trab Übergänge, kontrolliert |
| Aufbau | Monat 7-9 | Trabarbeit steigern, erste Galopparbeit |
| Vollbelastung | Monat 10-12+ | Schrittweise Rückkehr zum normalen Training |
- Jede Steigerung erst nach Ultraschall Kontrolle und OK vom Tierarzt
- Bei Rückschlägen (Wärme, Schwellung) sofort zurück zur vorherigen Stufe
- Ebener, fester Boden – kein tiefer Sand oder unebenes Gelände
- Geradeaus ist besser als Kreise (weniger Scherkräfte)
- Geduld, Geduld, Geduld!
→ Detaillierte Tipps findest Du im Artikel Training zur Unterstützung der Sehnen und Bänder.
7. Sehnenschäden vorbeugen
Die beste Behandlung ist die, die nicht nötig wird. So schützt Du die Sehnen Deines Pferdes:
Training & Aufwärmen
- Aufwärmen: Mindestens 15-20 Minuten Schritt vor jeder Belastung
- Abwärmen: Nach der Arbeit 15-20 Minuten Schritt zum Regenerieren
- Progressiver Trainingsaufbau: Belastung langsam steigern, nie sprunghaft
- Regelmäßige Pausen: Sehnen brauchen Erholung zwischen intensiven Einheiten
Boden & Beschlag
- Geeigneter Boden: Zu tief = Überlastung, zu hart = Erschütterung
- Regelmäßiger Hufbeschlag: Alle 6-8 Wochen, angepasst an die Hufstellung
- Stollen nur wenn nötig: Erhöhen die Belastung der Sehnen
Allgemeine Gesundheit
- Gesundes Gewicht: Übergewicht belastet Sehnen zusätzlich
- Ausreichend Bewegung: Auch Boxenpferde brauchen tägliche Bewegung
- Regelmäßige Kontrolle: Sehnen täglich abtasten – Du kennst Dein Pferd am besten
8. Natürliche Unterstützung mit Kräutern
Bestimmte Kräuter können die Sehnengesundheit unterstützen und das Bindegewebe stärken. Sie ersetzen keine tierärztliche Behandlung, können aber den Heilungsprozess begleiten:
Kräuter für Sehnen & Bindegewebe
- Ackerschachtelhalm: Natürliche Quelle von Kieselsäure, die für stabiles Bindegewebe und gesunde Sehnen wichtig ist. Traditionell zur Stärkung des Bewegungsapparats eingesetzt.
- Hagebutte: Reich an Vitamin C, das für die Kollagenbildung unverzichtbar ist. Kollagen ist der Hauptbestandteil von Sehnengewebe.
- Brennnessel: Reich an Mineralstoffen und Kieselsäure. Unterstützt den Stoffwechsel und kann zur Bindegewebsgesundheit beitragen.
- Kurkuma: Enthält Curcumin mit antioxidativen Eigenschaften. Traditionell zur Unterstützung bei Belastungen des Bewegungsapparats verwendet.
9. Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert die Heilung eines Sehnenschadens beim Pferd?
Die Heilungsdauer hängt vom Schweregrad ab: Leichte Sehnenschäden (Grad 1) brauchen etwa 3-4 Monate, mittelschwere (Grad 2) 6-9 Monate und schwere Schäden (Grad 3) oft 12 Monate oder länger bis zur vollständigen Belastbarkeit. Die biologische Heilung der Sehne ist erst nach etwa 12-18 Monaten abgeschlossen, auch wenn das Pferd vorher wieder geritten werden kann.
Darf ich mein Pferd mit Sehnenschaden auf die Koppel stellen?
In der akuten Phase (erste Wochen) ist Boxenruhe oder ein sehr kleiner Paddock Pflicht. Unkontrollierte Bewegung auf der Koppel birgt ein hohes Risiko für eine Verschlimmerung. Später in der Rehabilitation kann ein kleiner, ebener Paddock sinnvoll sein – aber erst nach Rücksprache mit dem Tierarzt und abhängig vom Ultraschallbefund. Freilauf auf großer Koppel sollte bis zur vollständigen Heilung vermieden werden.
Kann ein Pferd nach einem Sehnenschaden wieder voll geritten werden?
Ja, viele Pferde werden nach einem Sehnenschaden wieder voll belastbar und können sogar in den Sport zurückkehren. Die Prognose hängt ab von: Schweregrad und Lokalisation des Schadens, Qualität der Behandlung und Rehabilitation, Geduld und konsequenter Einhaltung des Aufbautrainings. Bei leichten bis mittelschweren Schäden liegt die Erfolgsrate bei etwa 70-80%.
Wie erkenne ich einen Sehnenschaden frühzeitig?
Die klassischen Anzeichen sind: Schwellung oder Verdickung entlang der Sehne (der "Bogen"), Wärme im betroffenen Bereich, Druckempfindlichkeit bei Palpation und Lahmheit (die aber anfangs fehlen kann). Wichtig: Taste die Beine Deines Pferdes täglich ab – so erkennst Du Veränderungen sofort. Bei jedem Verdacht: Pferd schonen und Tierarzt rufen.
Was ist der Unterschied zwischen Sehnenschaden und Fesselträgerschaden?
Die Beugesehnen (oberflächliche und tiefe) verlaufen an der Rückseite des Beins und sind für die Beugung zuständig. Der Fesselträger ist eine bandähnliche Struktur, die das Fesselgelenk stabilisiert. Beide können geschädigt werden, unterscheiden sich aber in Lokalisation und teilweise in der Behandlung. Fesselträgerschäden sind oft schwieriger zu diagnostizieren und haben manchmal eine vorsichtigere Prognose. Mehr dazu im Artikel Fesselträgerschaden beim Pferd.
Welche Kräuter helfen bei Sehnenproblemen beim Pferd?
Für die Sehnengesundheit sind vor allem Kräuter mit Kieselsäure und solche, die die Kollagenbildung unterstützen, interessant: Ackerschachtelhalm (reich an Kieselsäure), Hagebutte (Vitamin C für Kollagen), Brennnessel (Mineralstoffe) und Kurkuma (Antioxidantien). Kräuter können die tierärztliche Behandlung unterstützen, aber nicht ersetzen.