Kurz gesagt: Der Pferdemagen ist gemessen am Tier klein, in zwei völlig verschiedene Abschnitte geteilt und bildet Säure fortlaufend – auch dann, wenn nicht gefressen wird. Der wichtigste körpereigene Gegenspieler ist der Speichel, und den gibt es nur beim Kauen. Wie viel gekaut wird, hängt fast vollständig an der Futterart: Ein Kilogramm Heu erfordert ein Vielfaches der Kauzeit eines Kilogramms Kraftfutter. Aus dieser einen Zahl folgt fast alles Weitere.
Auf einen Blick
- Kleiner Magen, großer Darm: Der Magen macht nur einen kleinen Teil des Verdauungstrakts aus – die eigentliche Verdauungsleistung liegt weiter hinten.
- Zwei Abschnitte: oben drüsenlos und ohne eigenen Schutz, unten Drüsenschleimhaut mit eigenem Schutz. Dazwischen der Margo plicatus.
- Fortlaufende Säurebildung in der Größenordnung von etwa anderthalb Litern Magensaft je Stunde – unabhängig von der Futteraufnahme.
- Speichel entsteht nur beim Kauen und enthält Bikarbonat als Puffer. Kein Futter bedeutet kein Speichel.
- Die Futterart entscheidet über die Kauzeit – und damit über die Speichelmenge bei gleicher Futtermasse.
Größe und Einordnung
Der Magen liegt links im Bauchraum hinter den Rippen und fasst je nach Größe des Pferdes etwa acht bis fünfzehn Liter. Gemessen am gesamten Verdauungstrakt ist das wenig – der weitaus größere Teil des Volumens entfällt auf den Dickdarm, wo die mikrobielle Fermentation der Faser stattfindet.
Die Größenverhältnisse
Der Magen ist beim Pferd Durchlaufstation, nicht Hauptverdauungsorgan. Er nimmt Futter auf, mischt es mit Magensaft und gibt es portionsweise weiter. Die eigentliche Energiegewinnung erfolgt später im Dickdarm. Diese Arbeitsteilung erklärt, warum ein Tier dieser Größe mit einem so kleinen Magen auskommt – und warum er auf viele kleine Portionen ausgelegt ist statt auf wenige große Mahlzeiten.
Die zwei Abschnitte
Der Pferdemagen ist innen nicht einheitlich ausgekleidet. Diese Zweiteilung ist die wichtigste anatomische Besonderheit überhaupt.
Oberer Abschnitt – drüsenlos
- Etwa ein Drittel der Innenfläche
- Helle, glatte Oberfläche aus Plattenepithel
- Bildet weder Säure noch Schutzstoffe
- Ähnelt der Auskleidung der Speiseröhre
- Auf Pufferung von außen angewiesen
Unterer Abschnitt – Drüsenschleimhaut
- Etwa zwei Drittel der Innenfläche
- Rötliche, gefaltete Oberfläche
- Bildet Säure – und zugleich den Schutz dagegen
- Schleimschicht, Bikarbonat, starke Durchblutung
- Für dauernden Säurekontakt eingerichtet
Der Margo plicatus
So heißt die deutlich sichtbare Grenzlinie zwischen beiden Abschnitten. Sie ist bei der Magenspiegelung gut zu erkennen und der Bereich, dem besondere Aufmerksamkeit gilt: Hier grenzt ungeschütztes Gewebe unmittelbar an den säurebildenden Teil.
Was der Magen leistet
| Aufgabe | Wie sie erfüllt wird |
|---|---|
| Zwischenspeicher | Aufnahme des Futters und portionsweise Weitergabe an den Dünndarm |
| Durchmischung | Muskelbewegungen vermengen Futter und Magensaft |
| Beginn der Eiweißverdauung | Das Enzym Pepsin, das im sauren Milieu arbeitet, spaltet Proteine an |
| Keimbarriere | Das saure Milieu reduziert die Zahl aufgenommener Mikroorganismen |
| Fermentationsraum | Im oberen Abschnitt findet in begrenztem Umfang mikrobielle Umsetzung statt |
Das Futter schichtet sich dabei: Neu aufgenommenes lagert sich oben ab, älteres wandert nach unten Richtung Ausgang. Diese Schichtung ist einer der Gründe, warum eine gefüllte obere Magenhälfte den drüsenlosen Abschnitt entlastet.
Die fortlaufende Säurebildung
Der zentrale Unterschied zum Menschen
Beim Menschen wird die Säurefreisetzung durch die Nahrungsaufnahme angeregt. Beim Pferd läuft sie kontinuierlich, in der Größenordnung von etwa anderthalb Litern Magensaft je Stunde – und zwar unabhängig davon, ob Futter im Magen ist.
Das ergibt Sinn für ein Tier, das über den größten Teil des Tages frisst. Es wird zum Problem, sobald die Futteraufnahme über längere Zeit unterbrochen ist.
Was bei leerem Magen passiert
Ohne Futter fehlen zwei Dinge gleichzeitig: die Faserfüllung, die den oberen Abschnitt physisch abschirmt, und der Speichel, der nur beim Kauen entsteht. Der ungeschützte obere Abschnitt kommt dann unmittelbar mit saurem Mageninhalt in Kontakt.
Verstärkt wird das unter Belastung: Bei Arbeit steigt der Druck im Bauchraum, der Magen wird zusammengedrückt, und saurer Inhalt gelangt weiter nach oben als in Ruhe. Deshalb gilt Arbeit auf leeren Magen als besonders ungünstig.
Eine verbreitete Ungenauigkeit
Man liest häufig, Stress „erhöhe die Säureproduktion". So einfach ist es nicht. Für den drüsenlosen Abschnitt ist der Kontakt mit Säure entscheidend, nicht deren Menge; im Drüsenabschnitt geht es um die Schutzfunktion der Schleimhaut. Stress wirkt also eher über Durchblutung, Schleimhautschutz und verändertes Fressverhalten – ein relevanter Faktor bleibt er, nur über andere Wege.
Speichel: der körpereigene Puffer
Speichel enthält Bikarbonat und wirkt damit puffernd. Er ist der wichtigste körpereigene Gegenspieler der Magensäure – mit einer entscheidenden Einschränkung: Pferde bilden ihn nicht auf Vorrat, sondern ausschließlich während des Kauens.
Die Kette, auf die es ankommt
Futter → Kauen → Speichel → Pufferung. Fällt das erste Glied weg, fallen alle weiteren weg. Und je nachdem, welches Futter am Anfang steht, fällt die Kette unterschiedlich lang aus.
Kauzeit nach Futterart
Hier liegt die praktisch wichtigste Zahl der gesamten Magenphysiologie: Wie lange ein Pferd an einem Kilogramm Futter kaut, unterscheidet sich um ein Vielfaches – und damit auch die gebildete Speichelmenge.
| Futterart | Kauzeit je kg | Speichel je kg |
|---|---|---|
| Stroh | etwa 50 bis 60 Minuten | etwa 4 bis 5 Liter |
| Heu | etwa 40 bis 50 Minuten | etwa 4 Liter |
| Gras | etwa 30 bis 40 Minuten | etwa 3 bis 4 Liter |
| Hafer | etwa 10 bis 15 Minuten | etwa 1 bis 1,5 Liter |
| Pellets | etwa 5 bis 10 Minuten | unter 1 Liter |
Was diese Tabelle bedeutet
Ein Kilogramm Heu führt zu etwa viermal so viel Speichel wie ein Kilogramm Hafer – und beschäftigt das Pferd rund viermal so lange. Eine Ration mit hohem Kraftfutteranteil liefert bei gleicher Futtermasse also deutlich weniger Puffer und lässt zugleich längere Fresspausen entstehen, weil sie schneller aufgenommen ist.
Über den Tag summiert sich das erheblich. Ein Pferd, das acht Kilogramm Heu frisst, ist damit mehrere Stunden beschäftigt; dieselbe Masse Pellets ist in einem Bruchteil der Zeit verschwunden.
Was daraus für die Fütterung folgt
Aus der Physiologie ergeben sich vier Grundsätze, die in den Fütterungsempfehlungen unstrittig sind.
| Beobachtung | Praktische Folge |
|---|---|
| Säure wird fortlaufend gebildet | Fresspausen möglichst kurz halten, besonders nachts |
| Speichel gibt es nur beim Kauen | Raufutteranteil hoch halten; Fresszeit über Netze oder Raufen verlängern, Maschenweite zum Heu passend wählen |
| Raufutter erfordert ein Vielfaches der Kauzeit | Kraftfuttermengen begrenzen, auf kleine Portionen verteilen und nach dem Raufutter geben |
| Unter Belastung steigt der Druck im Bauchraum | Nicht auf leeren Magen arbeiten, vorher Raufutter anbieten |
Wo es weitergeht
Dieser Artikel behandelt Bau und Funktion. Anzeichen, Diagnostik und Vorbeugung von Magenläsionen findest Du im Artikel Magengeschwüre beim Pferd, die Unterscheidung der beiden Krankheitsformen unter ESGD oder EGGD und das Wirkprinzip des üblicherweise eingesetzten Arzneistoffs unter Omeprazol beim Pferd.
Häufige Fragen
Wie groß ist der Magen eines Pferdes?
Je nach Größe des Pferdes fasst er etwa acht bis fünfzehn Liter und macht damit nur einen kleinen Teil des gesamten Verdauungstrakts aus – der weitaus größere Teil des Volumens entfällt auf den Dickdarm. Der Magen ist beim Pferd Durchlaufstation, die eigentliche Energiegewinnung erfolgt später durch mikrobielle Fermentation.
Warum bildet der Pferdemagen ständig Säure?
Weil das Pferd darauf ausgelegt ist, über den größten Teil des Tages verteilt Futter aufzunehmen. Anders als beim Menschen wird die Säurefreisetzung nicht durch Mahlzeiten angeregt, sondern läuft fortlaufend – in der Größenordnung von etwa anderthalb Litern Magensaft je Stunde. Bei durchgehender Futteraufnahme ist das unproblematisch; bei langen Fresspausen entsteht die Situation, für die der Magen nicht eingerichtet ist.
Was ist der Unterschied zwischen den beiden Magenabschnitten?
Der obere Abschnitt ist drüsenlos, hat eine glatte Oberfläche aus Plattenepithel und bildet weder Säure noch Schutzstoffe – er ist auf Pufferung durch Futter und Speichel angewiesen. Der untere Abschnitt besteht aus Drüsenschleimhaut, bildet die Säure und zugleich den Schutz dagegen: Schleim, Bikarbonat und eine starke Durchblutung. Die Grenzlinie zwischen beiden heißt Margo plicatus.
Wie viel Speichel produziert ein Pferd?
Das hängt fast vollständig davon ab, wie viel und was gekaut wird. Je Kilogramm Heu entstehen etwa vier Liter Speichel, je Kilogramm Hafer nur rund ein bis anderthalb Liter. Über einen Tag mit reichlich Raufutter summiert sich das auf mehrere Dutzend Liter. Entscheidend ist: Speichel wird ausschließlich beim Kauen gebildet, nicht auf Vorrat.
Warum ist Raufutter für den Magen so wichtig?
Wegen der Kauzeit. Ein Kilogramm Heu beschäftigt ein Pferd etwa vierzig bis fünfzig Minuten, ein Kilogramm Hafer nur zehn bis fünfzehn. Entsprechend entsteht bei gleicher Futtermasse ein Vielfaches an Speichel – und damit an Bikarbonat, das die Säure puffert. Zusätzlich sorgt die Faserfüllung im Magen für eine physische Abschirmung des ungeschützten oberen Abschnitts.
Erhöht Stress die Säureproduktion?
So verkürzt ist das nicht zutreffend. Beim drüsenlosen Abschnitt geht es um den Kontakt mit Säure, nicht um deren Menge; beim Drüsenabschnitt um die Schutzfunktion der Schleimhaut. Stress wirkt daher eher über Durchblutung, Schleimhautschutz und verändertes Fressverhalten. Als Risikofaktor bleibt er bedeutsam – nur der Mechanismus ist ein anderer, als oft dargestellt.
Warum ist Arbeiten auf leeren Magen ungünstig?
Unter Belastung steigt der Druck im Bauchraum, der Magen wird komprimiert, und saurer Inhalt gelangt weiter nach oben als in Ruhe – dorthin, wo die Schleimhaut keinen eigenen Schutz besitzt. Ist der Magen zusätzlich leer, fehlen sowohl die Faserfüllung als auch der Speichel. Raufutter vor der Arbeit anzubieten, ist deshalb eine der einfachsten wirksamen Maßnahmen.
Wie lange darf eine Fresspause sein?
Je kürzer, desto besser – die Säurebildung läuft ohnehin weiter. In den Fütterungsempfehlungen gilt der Grundsatz, längere Unterbrechungen zu vermeiden und besonders die nächtliche Lücke zu schließen, etwa über ein Heunetz mit passender Maschenweite oder eine zusätzliche späte Ration. Eine für jedes Pferd gültige Stundenzahl gibt es nicht; entscheidend sind die Gesamtration und die Haltungsform.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Coenen, M. & Vervuert, I. (2020): Pferdefütterung. 6. Auflage. Stuttgart: Thieme
- Sykes, B. W. et al. (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses. Journal of Veterinary Internal Medicine 29(5)
- Luthersson, N. et al. (2009): Untersuchungen zu Prävalenz und Risikofaktoren des Equinen Magengeschwürsyndroms. Acta Veterinaria Scandinavica
- Murray, M. J.: Arbeiten zur Magenphysiologie und zum Einfluss intermittierender Futterkarenz beim Pferd