Kurz gesagt: Die Grundlage jeder Leberunterstützung ist die Fütterung – einwandfreies Raufutter, begrenzte Zucker- und Stärkemengen, kontrolliertes Weidemanagement und konsequente Vermeidung von Schimmel und Giftpflanzen. Darauf aufbauend haben in der Phytotherapie mehrere Arzneibuchdrogen ihren festen Platz: Mariendistelfrüchte, Artischockenblätter und Löwenzahn. Entscheidend ist dabei nicht, ob eine Droge genannt wird, sondern in welcher Zubereitung und in welcher Menge.
Auf einen Blick
- Zuerst das Grundfutter: Heuqualität, Zucker- und Stärkemenge, Weidemanagement, Giftpflanzen
- Die drei klassischen Drogen: Mariendistelfrüchte, Artischockenblätter, Löwenzahnkraut mit Wurzel – alle im Arzneibuch monographiert
- Menge und Pflanzenteil entscheiden – zwischen „enthält Mariendistel" und einer deklarierten Menge Mariendistelfrüchte liegen Welten
- Kurweise statt dauerhaft, mit Ein- und Ausschleichen
- Bei auffälligem Befund zuerst die Ursache klären – ohne das bleibt jede Maßnahme wirkungslos
Wann eine Unterstützung naheliegt
Die Leber arbeitet lange unauffällig. Es gibt aber Phasen erhöhter Stoffwechselbeanspruchung und Konstellationen, in denen genaueres Hinsehen sinnvoll ist.
Phasen erhöhter Beanspruchung
- Fellwechsel im Frühjahr und Herbst
- Anweiden und Umstellung auf Heu
- Nach längeren Arzneimittelgaben
- Futterwechsel und Chargenwechsel beim Heu
Konstellationen mit erhöhtem Risiko
- Übergewicht, EMS, PPID
- Hufrehe in der Vorgeschichte
- Ältere Pferde
- Bekannte Belastung des Grundfutters
Anlass, genauer hinzusehen
- Nachlassende Leistungsbereitschaft
- Verändertes Fressverhalten
- Stumpfes Fell, zäher Fellwechsel
- Gewichtsverlust trotz ausreichender Ration
Erst die Diagnose, dann alles Weitere
Bei Gelbfärbung der Schleimhäute, ausgeprägter Mattigkeit, Verhaltensänderungen, Lichtempfindlichkeit an unpigmentierten Hautstellen oder Kolikanzeichen gehört das Pferd sofort tierärztlich untersucht. Ein Blutbild zeigt, ob und welche Werte auffällig sind – und die Ursachenklärung entscheidet über alles Weitere.
Die Fütterung als Grundlage
Über die Pfortader gelangt alles Aufgenommene zuerst zur Leber. Deshalb wirkt sich die Futterqualität auf kaum ein Organ so unmittelbar aus – und deshalb steht die Ration am Anfang jeder Überlegung.
- Raufutter in Menge und Qualität. Mindestens 1,5 kg Heu je 100 kg Körpergewicht, besser 2 kg. Geruch, Farbe und Staubgehalt prüfen; verschimmeltes Heu gehört nicht verfüttert, auch nicht in kleinen Mengen. Schimmelpilzgifte zählen zu den häufigsten futterbedingten Belastungen.
- Kraftfutter begrenzen. Maßgeblich ist die Stärkemenge je Mahlzeit bezogen auf das Körpergewicht, nicht die Futtermasse. Viele Pferde in leichter Arbeit brauchen gar kein Kraftfutter.
- Zucker und Stärke im Blick behalten. Melassierte Futtermittel und zuckerreiche Leckerlis lassen sich meist problemlos ersetzen – etwa durch Heucobs oder unmelassierte Rübenschnitzel.
- Weidemanagement anpassen. Der Gehalt an wasserlöslichen Kohlenhydraten steigt nach sonnigen Tagen mit kalten Nächten und auf kurzen oder frostgeschädigten Flächen. Anweiden über mehrere Wochen; bei Pferden mit Insulindysregulation gehört das Weidemanagement tierärztlich abgestimmt.
- Giftpflanzen konsequent entfernen. Jakobs- und Wasserkreuzkraut sind hier die praktisch bedeutsamsten – ihre Pyrrolizidinalkaloide wirken kumulativ und sind im getrockneten Futter nicht mehr erkennbar.
| Unproblematisch | Kritisch prüfen |
|---|---|
| Einwandfreies Heu in ausreichender Menge | Muffiges, staubiges oder verschimmeltes Raufutter |
| Heu- und Grascobs | Große Getreidemengen je Mahlzeit |
| Unmelassierte Rübenschnitzel | Melassierte Mischfuttermittel |
| Luzerne in begrenzter Menge | Zuckerreiche Leckerlis |
| Geschrotete Leinsaat, zügig verfüttert | Weide mit hohem Zuckergehalt bei Risikopferden |
Die Leberdrogen im Einzelnen
Für Leber und Galle steht in der Phytotherapie eine Reihe gut untersuchter Arzneidrogen zur Verfügung. Die drei klassischen ergänzen sich in ihren Schwerpunkten.
Mariendistelfrüchte (Silybi mariani fructus)
Wertbestimmend ist das Silymarin, ein Flavonolignan-Komplex aus Silybin, Silydianin und Silychristin. Er sitzt in den Früchten, nicht in der fetten Ölfraktion.
Bewertung: Positive Monographien von Kommission E, HMPC, WHO und ESCOP. Die HMPC-Monographie nennt für die traditionelle Anwendung unter anderem die Unterstützung der Leberfunktion; ESCOP führt darüber hinaus toxische Leberschäden und die unterstützende Anwendung bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen.
Artischockenblätter (Cynarae folium)
Enthalten Cynarin, Caffeoylchinasäuren und Sesquiterpenlactone als Bitterstoffe. Im Arzneibuch monographiert.
Einordnung: In der europäischen Phytotherapie den cholagogen, also gallenflussfördernden Drogen zugeordnet. Bei einem Tier ohne Gallenblase, dessen Galle kontinuierlich fließt, ist das ein naheliegender Ansatzpunkt.
Löwenzahn (Taraxaci officinalis herba cum radice)
Kraut mit Wurzel wie auch die Wurzel allein sind im Arzneibuch monographiert. Bitterstoffe vom Typ der Sesquiterpenlactone, dazu Flavonoide und Inulin.
Einordnung: Zählt zu den gallenwirksamen Drogen und traditionell zu den klassischen Frühjahrspflanzen; wird zugleich den harntreibenden Drogen zugerechnet.
Weitere traditionell verwendete Drogen
| Droge | Kennzeichnende Inhaltsstoffe | Traditionelle Einordnung |
|---|---|---|
| Schafgarbenkraut | Ätherisches Öl, Bitterstoffe, Flavonoide | Verdauung, Galle |
| Curcumawurzelstock | Curcuminoide, ätherisches Öl | Galle, Verdauung |
| Birkenblätter | Flavonoide | Ausscheidung über die Niere |
| Pfefferminzblätter | Ätherisches Öl | Verdauung, Galle |
Warum die Kombination naheliegt
Die drei klassischen Drogen setzen an verschiedenen Stellen an: Mariendistelfrüchte am Lebergewebe, Artischockenblätter und Löwenzahn am Gallefluss. Weil Leber und Niere arbeitsteilig vorgehen – was die Leber wasserlöslich macht, scheidet die Niere aus –, werden traditionell häufig auch nierenwirksame Drogen wie Birkenblätter mit einbezogen.
Menge und Zubereitung
Hier liegt der Punkt, an dem sich seriöse von beliebiger Anwendung unterscheidet – und er wird in Ratgebern regelmäßig übergangen.
Warum sich Studiendaten nicht ohne Weiteres übertragen lassen
Die Bewertungen der Fachgremien beziehen sich auf definierte Zubereitungen in definierter Dosierung. Für die Mariendistel stützt sich die Einstufung als anerkannte medizinische Anwendung auf einen standardisierten Trockenextrakt mit einem Droge-Extrakt-Verhältnis von 36–44:1 und einem Silymarin-Gehalt von 40 bis 65 Prozent – eine pharmazeutische Zubereitung, wie sie in Humanarzneimitteln vorkommt.
Im Pferdebereich liegt etwas anderes vor. Ein trockenes Kräuterprodukt enthält die Droge – also die getrocknete, geschnittene oder gemahlene Pflanze; futtermittelrechtlich ein Einzelfuttermittel. Extrakte begegnen einem praktisch nur in flüssigen Erzeugnissen, und dort stehen sie meist nicht in der Zusammensetzung, sondern im Zusatzstoffblock unter den sensorischen Zusatzstoffen.
Daraus folgt: Die Datenlage zum standardisierten Extrakt lässt sich nicht eins zu eins auf die Droge übertragen, zumal Silymarin schlecht wasserlöslich ist. Grammangaben für die Droge stehen in der Anwendungstradition – das ist eine eigenständige, im europäischen Arzneimittelrecht anerkannte Kategorie, aber eben eine andere.
Was daraus für die Beurteilung eines Produkts folgt
- Pflanzenteil muss benannt sein – Mariendistelfrüchte, nicht „Mariendistel", und schon gar nicht Mariendistelöl
- Qualitätsspezifikation sollte genannt sein – die Arzneibuchmonographien definieren Identität, Reinheit und, wo vorgesehen, den Gehalt.
- Tagesdosis muss angegeben sein – erst mit ihr wird aus einem Prozentwert eine Grammzahl
Eine Kur planen
Kräuteranwendungen erfolgen üblicherweise kurweise über einen begrenzten Zeitraum, nicht dauerhaft. Ein gängiger Rahmen sind acht Wochen mit Ein- und Ausschleichen.
Frühjahr
Fellwechsel und Anweiden fallen zusammen – die stoffwechselintensivste Phase des Jahres.
Herbst
Zweiter Fellwechsel, Umstellung von Weide auf konserviertes Futter.
Nach besonderen Belastungen
Etwa nach längeren Arzneimittelgaben – nach Rücksprache mit der behandelnden Praxis.
Vor dem Beginn
- Prüfpunkt: Ist die Ration überprüft und das Grundfutter einwandfrei?
- Prüfpunkt: Sind Giftpflanzen auf Weide und Auslauf entfernt?
- Prüfpunkt: Liegen bekannte Vorerkrankungen oder eine laufende Medikation vor? Dann vorher Rücksprache.
- Prüfpunkt: Ist die Qualität der Kräuter nachvollziehbar – Pflanzenteil, Menge, Spezifikation?
- Prüfpunkt: Steht ein Zeitraum ohne Turnierstarts zur Verfügung? Mehrere Drogen sind ADMR-relevant.
Die Reihenfolge ist entscheidend
Liegt eine erkennbare Ursache vor – belastetes Heu, Kreuzkraut auf der Weide, eine Erkrankung –, dann steht deren Beseitigung an erster Stelle. Ohne diesen Schritt bleibt jede weitere Maßnahme wirkungslos, gleich wie gut sie zusammengestellt ist.
Wo Vorsicht geboten ist
Pflanzlich heißt nicht beliebig. Vier Punkte gehören bedacht.
Laufende Medikation
Wenn ein Pferd dauerhaft Medikamente erhält – etwa Pergolid bei PPID –, gehört die zusätzliche Gabe von Kräutern mit der behandelnden Praxis besprochen. Eine pauschale Unbedenklichkeitszusage wäre unseriös, weil die Daten dafür fehlen.
Trächtige und laktierende Stuten
Für die meisten Drogen liegen keine belastbaren Daten zur Anwendung in Trächtigkeit und Laktation vor. In dieser Zeit ist Zurückhaltung angezeigt, und die Entscheidung gehört zur Tierärztin.
Turniereinsatz
Mehrere der genannten Drogen sind ADMR-relevant. Die Prüfung der geltenden Fristen obliegt nach Regelwerk ausschließlich der verantwortlichen Person – bei internationalen Starts zusätzlich nach FEI-Regelwerk. Mehr dazu im Artikel ADMR beim Pferd.
Im Alltag
- Punkt: Bewegung: täglicher freier Auslauf, angepasste Arbeit
- Punkt: Stabile Bedingungen: feste Abläufe, passende Gruppe, Sozialkontakt
- Punkt: Gewicht im Blick: Körperkondition regelmäßig beurteilen – Gewichtsreduktion aber immer begleitet, nie als Radikaldiät
- Punkt: Futterqualität kontrollieren: Heu und Kraftfutter bei jeder neuen Charge prüfen
- Punkt: Weide begehen: Giftpflanzen entfernen, bevor gemäht oder aufgewachsen wird
- Punkt: Medikation hinterfragen: mit der Praxis besprechen, was dauerhaft nötig ist
Wann zum Tierarzt
Sofort
- Gelbfärbung von Schleimhäuten oder Augen
- Ausgeprägte Mattigkeit, Apathie
- Verhaltensänderungen, insbesondere Pressen des Kopfes gegen Wände
- Lichtempfindlichkeit an unpigmentierten Hautstellen
- Kolikanzeichen
- Anhaltende Futterverweigerung
Bei unklaren Veränderungen, die länger bestehen, ist eine Blutuntersuchung angezeigt. Welche Parameter dabei bestimmt werden und wie sie zu lesen sind, steht im Artikel Leberwerte beim Pferd verstehen – dort auch der wichtigste Vorbehalt: Werte verschiedener Labore sind nicht vergleichbar, und die Beurteilung erfolgt anhand des Referenzbereichs des messenden Labors.
Häufige Fragen
Welche Kräuter werden für die Leber eingesetzt?
Klassisch sind Mariendistelfrüchte, Artischockenblätter und Löwenzahnkraut mit Wurzel – alle drei sind im Europäischen Arzneibuch monographiert. Für Mariendistelfrüchte liegen positive Monographien von Kommission E, HMPC, WHO und ESCOP vor. Ergänzend werden unter anderem Schafgarbenkraut, Curcumawurzelstock und Birkenblätter verwendet.
Wie lange dauert eine Kur?
Üblich ist ein Zeitraum von acht Wochen mit Ein- und Ausschleichen, klassisch im Frühjahr und im Herbst, wenn Fellwechsel und Futterumstellung zusammenfallen. Bei bestehenden Erkrankungen oder laufender Medikation gehört die Planung mit der behandelnden Praxis abgestimmt.
Kann ich Kräuter bei einem Pferd mit PPID geben, das Pergolid erhält?
Das gehört mit der behandelnden Praxis besprochen. Eine pauschale Unbedenklichkeitszusage ist nicht seriös – ebenso wenig wie eine pauschale Warnung. Entscheidend ist die Abstimmung im Einzelfall, gegebenenfalls mit Verlaufskontrolle.
Braucht es nach jeder Wurmkur eine Leberkur?
Nein, so pauschal nicht. Die gängigen Wirkstoffe unterscheiden sich erheblich: Makrozyklische Laktone werden ganz überwiegend unverändert über den Kot ausgeschieden, Pyrantel wird kaum resorbiert. Anders liegt es bei Wirkstoffen, die hepatisch verstoffwechselt werden. Was für ein bestimmtes Präparat gilt, steht in der Fachinformation oder erfährst Du in der Praxis, die es verordnet hat.
Worauf achte ich beim Kauf eines Kräuterprodukts?
Auf vier Angaben: den Pflanzenteil – Mariendistelfrüchte statt „Mariendistel"; die Tagesdosis und eine nachprüfbare Qualitätsspezifikation. Die Arzneibuchmonographien legen Identität, Reinheit und – wo vorgesehen – den Gehalt fest.
Was ist bei Turnierpferden zu beachten?
Mehrere der genannten Drogen sind ADMR-relevant. Die Prüfung der jeweils geltenden Fristen obliegt nach Regelwerk ausschließlich der verantwortlichen Person, bei internationalen Starts zusätzlich nach FEI-Regelwerk. Eine Kur lässt sich deshalb sinnvoll in Turnierpausen legen.
Ersetzen Kräuter die Ursachensuche?
Nein. Liegt eine erkennbare Ursache vor – belastetes Heu, Kreuzkraut auf der Weide, eine Erkrankung –, steht deren Beseitigung an erster Stelle. Ohne diesen Schritt bleibt jede weitere Maßnahme wirkungslos, gleich wie gut sie zusammengestellt ist.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Brendieck-Worm, C., Melzig, M. F.: Phytotherapie in der Tiermedizin. Stuttgart: Thieme
- Europäische Arzneimittel-Agentur, HMPC: European Union herbal monograph on Silybum marianum (L.) Gaertn., fructus, EMA/HMPC/294187/2013, final 5 June 2018
- ESCOP, Kommission E und WHO: Monographien zu Silybi mariani fructus
- Europäisches Arzneibuch (Ph. Eur.): Monographien Silybi mariani fructus, Cynarae folium, Taraxaci officinalis herba cum radice sowie allgemeine Prüfung auf Pyrrolizidinalkaloide
- Durham, A. E. et al. (2019): ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome. Journal of Veterinary Internal Medicine 33(2)
- Coenen, M. & Vervuert, I. (2020): Pferdefütterung. 6. Auflage. Stuttgart: Thieme