Was sagt die Forschung zur Verdaulichkeit von Getreide, zur Magengesundheit und wann eine getreidefreie Fütterung tatsächlich sinnvoll ist
Schnellantwort – Ist Hafer gut oder schlecht für Pferde? Hafer ist das verträglichste Getreide für Pferde. Seine Stärke wird zu 80-95% bereits im Dünndarm verdaut – ohne thermische Vorbehandlung. Bei Gerste und Mais sind es nur 22-29%. Der Mythos „der Hafer sticht" ist wissenschaftlich nicht belegt – das Phänomen ist ein Energieüberschuss, keine nervenmachenden Inhaltsstoffe. Auch bei Magenproblemen ist nicht die Getreideart das Problem, sondern die Stärkemenge pro Mahlzeit und zu wenig Raufutter. Der Getreidefrei Trend ist bei Stoffwechselerkrankungen (EMS, Cushing, Hufrehe) sinnvoll, für gesunde Pferde mit Energiebedarf jedoch nicht zwingend notwendig.
⚠️ Hinweis zur Einordnung: Dieser Artikel basiert auf wissenschaftlichen Studien und veterinärmedizinischer Fachliteratur. Die oft beworbene Behauptung, dass Haferschleimstoffe den Pferdemagen schützen, stammt aus kommerziellen Quellen und ist wissenschaftlich nicht durch Peer Review Studien belegt. Wir unterscheiden klar zwischen belegten Fakten und Marketing Aussagen.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Beste Dünndarmverdaulichkeit: Hafer 80-95% vs. Gerste 22% vs. Mais 29% (unbehandelt)
- „Der Hafer sticht" = Mythos: Keine nervenmachenden Inhaltsstoffe nachgewiesen – Problem ist Energieüberschuss
- Hafer als Heilpflanze: Enthält Avenin (beruhigend) und Beta-Glucan – Hildegard von Bingen: „Hafer stärkt die Nervenkraft"
- Bei Magenproblemen: Nicht die Getreideart ist entscheidend, sondern Raufuttermenge und Portionsgröße
- Getreidefrei sinnvoll bei: EMS, Cushing, Hufrehe, PSSM – nicht pauschal für alle Pferde
- Faustregel: Max. 1g Stärke/kg Körpergewicht pro Mahlzeit (≈ 1,3 kg Hafer bei 600 kg Pferd)
1. Hafer in der Pferdefütterung: Ein historischer Überblick
Die Fütterung von Hafer an Pferde hat eine lange Tradition. Bereits in der Antike wurde Hafer als Kraftfutter für Pferde genutzt, und mit der Intensivierung der Landwirtschaft und dem Einsatz von Pferden als Arbeits- und Transporttiere wurde er zum Standardkraftfutter.
Der Grund dafür war pragmatisch: Arbeitspferde, die täglich schwere körperliche Arbeit verrichteten – ob auf dem Feld, vor der Kutsche oder im Bergbau – hatten einen Energiebedarf, der allein durch Heu und Weidegang nicht gedeckt werden konnte. Hafer lieferte die benötigte zusätzliche Energie in kompakter, gut lagerfähiger Form.
Historischer Kontext
Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erhielten schwer arbeitende Pferde täglich 4-6 kg Hafer oder mehr. Diese Mengen waren notwendig, um den enormen Energiebedarf bei 8-12 Stunden täglicher Arbeit zu decken. Mit der Mechanisierung verschwand dieser Bedarf für die meisten Pferde – die Fütterungsgewohnheiten passten sich jedoch nicht immer entsprechend an.
Heute werden die meisten Pferde als Freizeit- oder Sportpferde gehalten. Ihr Energiebedarf unterscheidet sich grundlegend von dem historischer Arbeitspferde. Dies ist ein wichtiger Kontext für die aktuelle Diskussion um Hafer und getreidefreie Fütterung.
2. Verdauungsphysiologie: Warum Hafer besser verdaulich ist
Um die Rolle von Hafer in der Pferdefütterung zu verstehen, ist ein Blick auf die Verdauungsphysiologie des Pferdes notwendig.
Stärkeverdauung beim Pferd
Pferde verfügen im Vergleich zu anderen Tierarten über eine geringe Aktivität des stärkespaltenden Enzyms Amylase im Dünndarm. Die Kapazität zur enzymatischen Stärkeverdauung ist daher begrenzt. Wird mehr Stärke aufgenommen als im Dünndarm verdaut werden kann, gelangt unverdaute Stärke in den Dickdarm.
Die besondere Anatomie des Pferdedarms
Der Verdauungstrakt des Pferdes ist auf kontinuierliche Raufutteraufnahme ausgelegt:
- Magen: Mit nur 8-15 Litern sehr klein – das Pferd ist ein Dauerfresser
- Dünndarm: Mit 17-30 Metern der längste Abschnitt, aber die Passagezeit ist kurz (nur ~1,5 Stunden)
- Dickdarm: Kürzer (6-9 Meter), aber sehr voluminös (130 Liter) – hier findet die mikrobielle Fermentation der Rohfaser statt
Das Problem bei stärkereicher Fütterung: Die kurze Passagezeit im Dünndarm in Kombination mit der begrenzten Amylase Aktivität bedeutet, dass große Stärkemengen nicht vollständig enzymatisch verdaut werden können, bevor sie den Dickdarm erreichen.
Im Dickdarm wird diese unverdaute Stärke von Bakterien fermentiert, wobei organische Säuren – insbesondere Laktat – entstehen. Dies kann zu einer Absenkung des pH-Werts führen und das mikrobielle Gleichgewicht stören – mit möglichen Folgen wie Blähungen, Kotwasser oder im schlimmsten Fall Hufrehe.
Die besondere Struktur der Haferstärke
Hier zeigt sich der entscheidende Vorteil von Hafer: Die Stärkekörner im Haferkorn sind klein und locker geschichtet. Sie sind kaum in feste Verbundstrukturen eingebettet, wie es bei Mais oder Gerste der Fall ist. Dadurch können die Verdauungsenzyme die Haferstärke deutlich besser aufschließen.
Wissenschaftliche Daten zur Stärkeverdaulichkeit
Die präcäcale Stärkeverdaulichkeit (Verdauung vor dem Blinddarm, also im Dünndarm) unterscheidet sich zwischen den Getreidearten erheblich:
| Getreideart | Stärkegehalt | Präcäcale Verdaulichkeit (unbehandelt) | Nach thermischer Behandlung |
|---|---|---|---|
| Hafer | 40-45% | 80-95% | Nicht erforderlich |
| Gerste | 55-60% | 22% | ~70-80% |
| Mais | 65-70% | 29% | ~70-80% |
Diese Zahlen verdeutlichen: Hafer kann vom Pferd ohne vorherige thermische Behandlung (Flocken, Poppen, Extrudieren) gut verwertet werden. Bei Gerste und Mais ist eine solche Behandlung notwendig, um eine vergleichbare Verdaulichkeit zu erreichen.
Weitere Eigenschaften von Hafer
Neben der guten Stärkeverdaulichkeit hat Hafer weitere Eigenschaften:
- Hoher Spelzenanteil (ca. 30%): Fördert das Kauen und die Einspeichelung
- Rohfasergehalt (ca. 11%): Höher als bei anderen Getreidearten
- Fettgehalt (5-7%): Reich an ungesättigten Fettsäuren
- Lysin-Gehalt: Höher als bei anderen Getreidearten (wichtige essentielle Aminosäure)
3. Hafer als Heilpflanze: Eine lange Tradition
Hafer ist nicht nur ein Nahrungs- und Futtermittel, sondern hat auch eine lange Tradition als Heilpflanze. In der Humanmedizin und Naturheilkunde wird Hafer seit Jahrhunderten geschätzt – und einige dieser Eigenschaften könnten auch für Pferde relevant sein.
Hildegard von Bingen (1098-1179)
„Hafer ist eine beglückende gesunde Speise, er bereitet frohen Sinn und klaren Verstand. Hafer stärkt die Nervenkraft."
Wirkstoffe im Hafer
Hafer enthält eine Reihe bioaktiver Substanzen, die ihm seine besonderen Eigenschaften verleihen:
Avenin
Avenin ist ein haferspezifisches Alkaloid, das beruhigende und nervenstärkende Eigenschaften besitzt. In der Humanmedizin wird Hafer aufgrund des Avenins eingesetzt bei:
- Nervöser Erschöpfung und Überarbeitung
- Angst-, Spannungs- und Erregungszuständen
- Schlafstörungen
- Stress und verminderter Belastbarkeit
Die Wirkung wird als beruhigend, aber nicht sedierend beschrieben – eine Eigenschaft, die auch bei Kräutern für nervöse Pferde gewünscht ist.
Beta-Glucan
Beta-Glucan ist ein löslicher Ballaststoff, der im Hafer in besonders hoher Konzentration vorkommt (3-5% im Haferkorn). Seine Eigenschaften:
- Bildet beim Kontakt mit Flüssigkeit eine gelartige Substanz
- Reguliert den Blutzuckerspiegel (verhindert schnellen Anstieg)
- Senkt den Cholesterinspiegel
- Unterstützt die Darmgesundheit als Präbiotikum
- Wirkt schleimhautschützend im Magen-Darm-Trakt
Die Haferschleim-Verwechslung
Hier liegt wahrscheinlich der Ursprung des Marketing Mythos von den „magenschützenden Schleimstoffen" im Hafer:
Haferschleim – die bekannte Schonkost bei Magenproblemen beim Menschen – entsteht, wenn Haferflocken in Wasser gekocht werden. Dabei quillt das Beta-Glucan auf und bildet die charakteristische schleimige Konsistenz, die tatsächlich die Magenschleimhaut schützt.
Ganzer Hafer, wie er Pferden gefüttert wird, wird jedoch nicht gekocht. Das Beta-Glucan bleibt größtenteils in der Struktur des Korns gebunden und entfaltet nicht dieselbe schleimbildende Wirkung wie bei gekochtem Haferschleim.
Die Übertragung der Haferschleim Wirkung auf rohes Haferkorn in der Pferdefütterung ist wissenschaftlich nicht belegt.
Übertragbarkeit auf Pferde
Die meisten Studien zu den Heilwirkungen von Hafer wurden am Menschen durchgeführt. Die Übertragbarkeit auf Pferde ist nur teilweise gegeben:
| Wirkstoff/Wirkung | Beim Menschen | Beim Pferd |
|---|---|---|
| Avenin (beruhigend) | Belegt | Nicht untersucht, aber plausibel |
| Beta-Glucan (Magen) | Belegt (bei gekochtem Hafer) | Bei rohem Hafer nicht belegt |
| Beta-Glucan (Darm) | Belegt (präbiotisch) | Möglich, aber wenig untersucht |
| Blutzuckerregulation | Belegt | Gegenteil: Hafer erhöht Blutzucker |
Wissenschaftliche Einordnung
Die traditionelle Einschätzung, dass Hafer „die Nerven stärkt", widerspricht interessanterweise dem Mythos „der Hafer sticht". Wenn Avenin tatsächlich beruhigend wirkt, wäre Hafer eher nervenstärkend als nervenmachend. Der beobachtete „stechende" Effekt wäre dann ausschließlich auf den Energieüberschuss zurückzuführen – nicht auf nervenmachende Inhaltsstoffe.
Diese Hypothese ist wissenschaftlich plausibel, aber für Pferde nicht durch Studien belegt.
Hafer in der Phytotherapie
In der Phytotherapie wird unterschieden zwischen:
- Haferkraut (Avenae herba): Das grüne Kraut, geerntet kurz vor der Blüte – reich an Flavonoiden und Saponinen
- Haferstroh (Avenae stramentum): Verwendet für Bäder bei Hautproblemen
- Haferkorn: Das reife Korn als Nahrungs- und Futtermittel
Für die nervenstärkende Wirkung wird in der Humanmedizin oft Haferkraut Extrakt verwendet, nicht das Korn. Dies relativiert die direkten Rückschlüsse von der Heilpflanze auf das Futtermittel.
4. Hafer als Energielieferant: Schnelle Energie für Leistung
Die gut verdauliche Stärke des Hafers wird im Dünndarm zu Glucose abgebaut und über die Darmwand ins Blut aufgenommen. Dies führt zu einem messbaren Anstieg des Blutzuckerspiegels etwa 2 Stunden nach der Fütterung.
Schnell verfügbare Energie
Diese schnelle Energiebereitstellung ist der Grund, warum Hafer traditionell an Leistungspferde verfüttert wird:
- Rennpferde: Benötigen explosive Energie für kurze, intensive Belastungen
- Vielseitigkeitspferde: Müssen über verschiedene Disziplinen hinweg Höchstleistung abrufen
- Springpferde: Brauchen Energie für kurze, kraftintensive Sprünge
- Historisch: Arbeitspferde: Mussten stundenlange schwere körperliche Arbeit leisten
Energiedichte im Vergleich
1 kg Hafer liefert etwa 11-12 MJ verdauliche Energie – fast doppelt so viel wie 1 kg durchschnittliches Heu (5-6 MJ). Für Pferde mit hohem Energiebedarf, der durch Raufutter allein nicht gedeckt werden kann, ist Hafer daher ein effizientes Futtermittel.
Die Kehrseite: Energieüberschuss
Was für Leistungspferde ein Vorteil ist, kann bei Freizeitpferden zum Problem werden. Erhält ein Pferd mehr Energie als es verbraucht, führt dies zu:
- Gewichtszunahme
- Unruhe und Übermut ("Der Hafer sticht")
- Erhöhtem Risiko für Stoffwechselerkrankungen
Die Lösung liegt jedoch nicht zwangsläufig in getreidefreiem Futter, sondern in der Anpassung der Futtermenge an den tatsächlichen Bedarf. Ein Pferd, das dreimal wöchentlich leicht geritten wird, hat einen grundlegend anderen Energiebedarf als ein täglich trainiertes Sportpferd.
5. Der Mythos "Der Hafer sticht"
Die Redewendung "Der Hafer sticht" ist weit verbreitet und suggeriert, dass Hafer Pferde nervös oder übermütig macht. Was sagt die Wissenschaft dazu?
Wissenschaftliche Einordnung
In wissenschaftlichen Untersuchungen wurden bisher keine spezifischen Inhaltsstoffe im Hafer nachgewiesen, die eine direkt nervenmachende oder verhaltensverändernde Wirkung haben. Es gibt keine "Nervigkeitsstoffe" im Hafer.
Was steckt hinter dem Phänomen?
Das als "Hafer sticht" wahrgenommene Verhalten lässt sich in der Regel auf folgende Faktoren zurückführen:
1. Energieüberschuss: Das Pferd erhält mehr Energie als es verbraucht. Die schnell verfügbare Glucose aus der Haferstärke führt zu einem Energieschub, der bei mangelnder Bewegung als Unruhe oder Übermut interpretiert wird.
2. Konditionierung: Pferde lernen schnell, dass auf die Kraftfuttergabe Arbeit folgt. Die Aufregung kann auch Vorfreude oder Erwartung sein.
3. Futterhygiene: Kontaminiertes Futter (Schimmel, Milben, Mykotoxine) kann tatsächlich das Nervensystem beeinträchtigen – dies gilt jedoch für jedes Futtermittel, nicht spezifisch für Hafer.
Praxisrelevanz
Wenn ein Pferd nach Haferfütterung unruhig oder schwer zu handhaben ist, liegt das Problem meist nicht am Hafer selbst, sondern am Missverhältnis zwischen Energiezufuhr und Energieverbrauch. Die Lösung: Futtermenge reduzieren und/oder Bewegung erhöhen – nicht zwangsläufig auf ein anderes Futtermittel wechseln.
6. Magengesundheit: Was sagt die Wissenschaft?
Ein häufig diskutiertes Thema ist die Fütterung von Getreide bei Pferden mit Magenproblemen. Hier ist eine differenzierte Betrachtung der wissenschaftlichen Evidenz wichtig.
Equine Gastric Ulcer Syndrome (EGUS)
Magengeschwüre beim Pferd sind weit verbreitet. Studien zeigen, dass bis zu 50% aller Freizeitpferde, bis zu 60% aller Turnierpferde und bis zu 90% aller Rennpferde betroffen sind. Die Hauptrisikofaktoren sind nach aktuellem Forschungsstand:
- Unzureichende Raufutterversorgung (zu wenig Heu, lange Fresspausen)
- Hohe Stärke- und Zuckeraufnahme pro Mahlzeit
- Stress (Training, Transport, Stallwechsel, Haltungsbedingungen)
- Medikamente (insbesondere NSAIDs wie Phenylbutazon)
Studie: Gent University (Galinelli et al., 2021)
Eine Studie der Universität Gent untersuchte Ernährungsfaktoren bei Pferden mit Magengeschwüren. Interessanterweise war die tägliche Gesamtaufnahme von Zucker und Stärke nicht signifikant mit EGUS assoziiert (p = 0,135). Jedoch war die Aufnahme pro Mahlzeit bei erkrankten Pferden signifikant höher als bei gesunden (1,85 vs. 1,06 g/kg KG, p < 0,001).
Schlussfolgerung: Nicht die Getreideart ist das primäre Problem, sondern die Portionsgröße.
ECEIM Consensus Statement
Das European College of Equine Internal Medicine hat in seinem Consensus Statement zu EGUS folgende Ernährungsempfehlungen formuliert:
- Kraftfutter so sparsam wie möglich füttern
- Maximal 2 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Tag
- Maximal 1 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Mahlzeit
- Mindestens 6 Stunden zwischen Kraftfuttermahlzeiten
- "Grains like barley and oats can be substituted to decrease fermentation to VFAs" – Hafer und Gerste werden als bessere Alternative zu stark fermentierbarem Süßfutter genannt
Wichtige Einordnung
Die in kommerziellen Quellen oft zitierte Behauptung, dass die Schleimstoffe im Hafer den Magen schützen, ist wissenschaftlich nicht durch peer-reviewed Studien belegt. Es handelt sich um eine verbreitete Marketingaussage, nicht um gesicherte Evidenz.
Was jedoch belegt ist: Wenn ein Pferd mit Magenproblemen Kraftfutter benötigt, ist Hafer aufgrund seiner hohen Dünndarmverdaulichkeit die verträglichste Getreideoption – weil weniger unverdaute Stärke in den Magen und Dickdarm gelangt.
Was wirklich zählt bei Magenproblemen
| Faktor | Evidenz | Empfehlung |
|---|---|---|
| Raufuttermenge | Stark belegt | Mind. 1,5 kg Heu pro 100 kg KG/Tag |
| Fresspausen | Stark belegt | Max. 4-6 Stunden ohne Raufutter |
| Stärke pro Mahlzeit | Belegt | Max. 1 g/kg KG pro Mahlzeit |
| Reihenfolge | Belegt | Kraftfutter nach Raufutter |
| Getreideart | Weniger relevant | Hafer am verträglichsten |
| "Getreidefrei" | Nicht belegt als Lösung | Nur bei Indikation sinnvoll |
7. Der Getreidefrei Trend: Eine kritische Betrachtung
In den letzten Jahren hat sich die getreidefreie Fütterung von einer medizinisch indizierten Maßnahme zu einem allgemeinen Trend entwickelt. Eine sachliche Betrachtung ist angebracht.
Ursprung des Trends
Der Getreidefrei Trend hat seinen Ursprung in der berechtigten Erkenntnis, dass viele Pferde zu viel Kraftfutter erhalten. Die Zunahme von Stoffwechselerkrankungen wie EMS und Hufrehe korreliert mit veränderter Haltung und Fütterung moderner Pferde.
Gleichzeitig hat die Futtermittelindustrie den Trend aufgegriffen. Das Angebot an getreidefreien Produkten ist in den letzten Jahren stark gewachsen.
Was steckt in "getreidefreien" Produkten?
Ein kritischer Blick auf die Deklarationen zeigt, dass "getreidefrei" nicht automatisch "besser" bedeutet:
| Häufige Inhaltsstoffe | Anmerkung |
|---|---|
| Erbsenflocken, Ackerbohnen | Enthalten ebenfalls Stärke |
| Reiskleie | Reis ist botanisch ein Getreide |
| Dinkel, Emmer | Sind Getreide (Weizenarten) |
| Melasse | Enthält Zucker |
| Apfeltrester, Möhren | Enthalten natürlichen Zucker |
| Synthetische Vitamine, Zusatzstoffe | Siehe Synthetische Zusatzstoffe |
Kritische Fragen
Wer auf getreidefreies Futter umstellt, sollte prüfen:
- Wie hoch ist der tatsächliche Stärke- und Zuckergehalt des Produkts?
- Enthält es Dinkel oder Reis – also doch Getreide?
- Welche Füllstoffe werden verwendet?
- Braucht mein Pferd überhaupt Kraftfutter?
Das eigentliche Problem bleibt oft ungelöst
Der Wechsel auf ein getreidefreies Produkt löst nicht das Grundproblem vieler Pferde:
- Zu wenig Raufutter: Das Mindestmaß von 1,5 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht wird oft nicht erreicht
- Zu große Kraftfutterportionen: Auch getreidefreies Müsli in großen Mengen belastet den Verdauungstrakt
- Zu wenig Bewegung: Viele Freizeitpferde sind unterfordert
- Lange Fresspausen: Besonders nachts oft 8-10 Stunden ohne Futter
Der pragmatische Ansatz
Bevor auf getreidefreies Futter gewechselt wird, lohnt sich die Frage: Braucht mein Pferd überhaupt Kraftfutter? Viele Pferde kommen mit gutem Heu und einem Mineralfutter bestens aus. Wenn zusätzliche Energie benötigt wird, ist moderate Haferfütterung für gesunde Pferde eine bewährte und gut verträgliche Option.
8. Wann ist getreidefrei sinnvoll?
Es gibt klare medizinische Indikationen, bei denen eine Reduktion oder ein Verzicht auf Getreide angezeigt ist:
Stoffwechselerkrankungen
Equines Metabolisches Syndrom (EMS): Pferde mit Insulinresistenz sollten stärke- und zuckerarm gefüttert werden. Das gilt für alle Stärke- und Zuckerquellen – nicht nur Getreide, sondern auch fruktanreiches Gras.
Cushing-Syndrom (PPID): Viele Cushing-Pferde entwickeln eine sekundäre Insulinresistenz. Auch hier ist eine stärke- und zuckerreduzierte Fütterung wichtig.
Hufrehe: Akute und chronische Hufrehe erfordern eine strikte Kontrolle der Stärke- und Zuckerzufuhr.
PSSM (Polysaccharid-Speicher-Myopathie): Bei dieser Muskelerkrankung ist eine fett- und faserreiche, aber stärke- und zuckerarme Fütterung essentiell.
Weitere Indikationen
- Nachgewiesene Getreideunverträglichkeit: Selten, aber möglich
- Leichtfuttrige Pferde ohne Energiebedarf: Robustpferde, wenig bewegte Freizeitpferde
- Übergewichtige Pferde: Hier ist Energiereduktion insgesamt nötig
Für alle anderen Pferde gilt
Gesunde Pferde mit entsprechendem Energiebedarf können Hafer in angemessener Menge problemlos verwerten. Die Entscheidung für oder gegen Getreide sollte individuell nach Bedarf getroffen werden – nicht nach Trends.
9. Praktische Fütterungsempfehlungen
Grundsätze der Kraftfutterfütterung
Unabhängig davon, ob Hafer oder ein anderes Kraftfutter gefüttert wird, gelten folgende Grundsätze:
1. Raufutter zuerst: Vor jeder Kraftfuttergabe sollte das Pferd mindestens 15-30 Minuten Raufutter (Heu) gefressen haben. Der Speichel puffert die Magensäure, und die "Futtermatte" aus Heu schützt die Magenschleimhaut.
2. Kleine Portionen: Maximal 0,3 kg Kraftfutter pro 100 kg Körpergewicht pro Mahlzeit. Bei einem 600 kg Pferd entspricht das maximal 1,8 kg pro Mahlzeit.
3. Stärkegrenze beachten: Maximal 1 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Mahlzeit. Bei Hafer (45% Stärke) entspricht das für ein 600 kg Pferd etwa 1,3 kg pro Mahlzeit.
4. Bei höherem Bedarf aufteilen: Benötigt ein Pferd mehr Kraftfutter, sollte die Tagesration auf 3 oder mehr Mahlzeiten verteilt werden.
Qualitätskriterien für Hafer
| Kriterium | Gute Qualität | Problematisch |
|---|---|---|
| Hektolitergewicht | Mind. 50 kg/hl | Unter 45 kg/hl |
| Geruch | Frisch, getreidetypisch | Muffig, schimmelig |
| Aussehen | Sauber, glänzend | Staubig, verfärbt |
| Feuchtigkeit | Unter 14% | Über 16% |
| Verunreinigungen | Kaum Fremdbesatz | Unkrautsamen, Spelzen |
Der Wasserglas Test
Ein einfacher Qualitätstest: Eine Handvoll Hafer in ein Wasserglas geben. Guter, schwerer Hafer sinkt größtenteils ab. Leichter, minderwertiger Hafer schwimmt oben.
Gequetscht oder ganz?
Hafer kann sowohl als ganzes Korn als auch gequetscht verfüttert werden. Die Verdaulichkeit unterscheidet sich nur geringfügig (84% vs. 85%). Ganzer Hafer hat den Vorteil längerer Haltbarkeit. Gequetschter Hafer sollte zeitnah verfüttert werden, da die ungesättigten Fettsäuren nach dem Quetschen oxidieren können.
Bei Pferden mit Zahnproblemen oder älteren Pferden kann gequetschter Hafer die bessere Wahl sein.
10. Häufig gestellte Fragen
Warum ist Hafer besser verdaulich als andere Getreidearten?
Die Stärkekörner im Hafer sind kleiner und lockerer geschichtet als bei Gerste oder Mais. Dadurch können die Verdauungsenzyme im Dünndarm die Stärke besser aufschließen. Unbehandelter Hafer erreicht eine präcäcale Stärkeverdaulichkeit von 80-95%, während unbehandelte Gerste nur etwa 22% und Mais etwa 29% erreichen.
Stimmt es, dass "der Hafer sticht"?
In wissenschaftlichen Untersuchungen wurden keine spezifischen Inhaltsstoffe im Hafer nachgewiesen, die eine nervenmachende Wirkung haben. Was als "Hafer sticht" wahrgenommen wird, ist in der Regel ein Energieüberschuss: Das Pferd erhält mehr Energie als es verbraucht. Die Lösung liegt in der Anpassung der Futtermenge an den Bedarf.
Darf ein Pferd mit Magengeschwüren Hafer bekommen?
Die wissenschaftliche Evidenz zeigt: Das Problem bei Magengeschwüren ist nicht primär die Getreideart, sondern die Stärkemenge pro Mahlzeit und unzureichende Raufutterversorgung. Wenn ein Pferd mit Magenproblemen Kraftfutter benötigt, ist Hafer aufgrund seiner hohen Dünndarmverdaulichkeit die verträglichste Option. Entscheidend sind ausreichend Raufutter, kleine Mahlzeiten und die Vermeidung langer Fresspausen.
Ist getreidefreies Futter grundsätzlich besser?
Nein, das lässt sich pauschal nicht sagen. Getreidefreies Futter ist sinnvoll bei Stoffwechselerkrankungen wie EMS, Cushing oder Hufrehe. Für gesunde Pferde mit entsprechendem Energiebedarf ist Hafer ein bewährter und gut verträglicher Energielieferant. Der Getreidefrei-Trend löst nicht das eigentliche Problem vieler Pferde: zu wenig Raufutter und zu große Kraftfutterportionen.
Wie viel Hafer darf ein Pferd pro Mahlzeit bekommen?
Die Empfehlung lautet maximal 1 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Mahlzeit. Hafer enthält etwa 40-45% Stärke. Bei einem 600 kg schweren Pferd entspricht das maximal 1,3-1,5 kg Hafer pro Mahlzeit. Bei höherem Bedarf auf mehrere Mahlzeiten verteilen. Kraftfutter immer nach dem Raufutter füttern.
Warum bekommen Rennpferde viel Hafer?
Hafer liefert schnell verfügbare Energie in Form von Glucose. Nach der Fütterung steigt der Blutzuckerspiegel innerhalb von 2 Stunden messbar an. Diese schnelle Energiebereitstellung ist für Hochleistungspferde wichtig, die kurzzeitig intensive Leistungen abrufen müssen. Historisch bekamen auch Arbeitspferde Hafer, um schwere körperliche Arbeit leisten zu können.
Was ist der Unterschied zwischen Schwarzhafer und Gelbhafer?
Der Unterschied liegt hauptsächlich in der Farbe der Spelzen – nicht in den Nährstoffgehalten. Schwarzhafer und Gelbhafer unterscheiden sich in ihrer Zusammensetzung nicht wesentlich. Wichtiger als die Sorte ist die Qualität: sauberes, trockenes, schimmelfreies Korn mit gutem Hektolitergewicht (mindestens 50 kg/hl).
Wann sollte man auf Getreide verzichten?
Ein Verzicht auf Getreide ist sinnvoll bei: Equinem Metabolischem Syndrom (EMS), Cushing-Syndrom, Hufrehe oder Hufrehe-Gefährdung, PSSM, nachgewiesener Getreideunverträglichkeit und bei Pferden ohne nennenswerten Energiebedarf (leichtfuttrige Pferde, wenig Arbeit). In diesen Fällen kann der Energiebedarf über Raufutter und Öle gedeckt werden.
Stimmt es, dass Hafer beruhigend wirkt?
Hafer enthält Avenin, ein Alkaloid mit nachgewiesener beruhigender und nervenstärkender Wirkung – allerdings wurden die meisten Studien am Menschen durchgeführt. In der Naturheilkunde gilt Hafer seit Hildegard von Bingen als nervenstärkend. Für Pferde ist diese Wirkung wissenschaftlich nicht untersucht, aber plausibel. Interessanterweise widerspricht dies dem Mythos „der Hafer sticht" – der beobachtete Effekt ist eher auf Energieüberschuss zurückzuführen als auf nervenmachende Inhaltsstoffe.
Was ist der Unterschied zwischen Haferschleim und ganzem Hafer?
Haferschleim entsteht, wenn Haferflocken in Wasser gekocht werden. Dabei quillt das Beta Glucan auf und bildet eine schleimige, magenschützende Konsistenz. Ganzer Hafer, wie er Pferden roh gefüttert wird, entfaltet diese Wirkung nicht in gleichem Maße, da das Beta Glucan im Korn gebunden bleibt. Die oft beworbenen „magenschützenden Schleimstoffe" bei rohem Hafer sind wissenschaftlich nicht belegt – sie beruhen vermutlich auf einer Verwechslung mit gekochtem Haferschleim.
Wissenschaftliche Quellen
- Galinelli, N. et al. (2021): High intake of sugars and starch, low number of meals and low roughage intake are associated with Equine Gastric Ulcer Syndrome in a Belgian cohort. J Anim Physiol Anim Nutr, 105, 18-23.
- Sykes, B.W. et al. (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement—Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses. J Vet Intern Med, 29(5), 1288-1299.
- Vokes, J. et al. (2023): Equine Gastric Ulcer Syndrome: An Update on Current Knowledge. Animals, 13, 1261.
- Luthersson, N. et al. (2009): Risk factors associated with equine gastric ulceration syndrome (EGUS) in 201 horses in Denmark. Equine Vet J, 41, 625-630.
- Meyer, H. & Coenen, M. (2014): Pferdefütterung. Stuttgart: Enke Verlag.
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (GfE) (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden.
- Winter, D. (2017): Den sticht der Hafer – Getreide kann vom Pferd nicht verdaut werden. Pferdebetrieb, 3/2017.
- Hildegard von Bingen (12. Jh.): Physica. Liber de plantis – Kapitel über Avena (Hafer).
- Wichtl, M. (2009): Teedrogen und Phytopharmaka. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. – Monographie Avenae herba.
- ESCOP (2003): ESCOP Monographs. Avenae herba, Avenae fructus. European Scientific Cooperative on Phytotherapy.