Hafer ist das einzige Getreide, das ein Pferd roh gut verwerten kann – und zugleich das, um das sich die meisten Erzählungen ranken. Zwei davon halten der Prüfung nicht stand, und die eine stammt ausgerechnet aus der Phytotherapie.
Auf einen Blick
- Hafer wird im Dünndarm deutlich besser verdaut als Gerste und Mais – ohne Behandlung
- Entscheidend ist die Stärkemenge je Mahlzeit, nicht die Getreideart
- „Der Hafer sticht“ ist ein Energieüberschuss, kein Inhaltsstoff
- Die Nervendroge ist das Haferkraut, nicht das Korn
- Haferflocken sind stärkedichter als ganzer Hafer – die Spelze fehlt, die Portion muss kleiner sein
- Bei EMS und PPID mit Insulinstörung gehört Stärke nicht in die Ration – unabhängig von der Getreideart
- Getreidefrei ist bei bestimmten Erkrankungen richtig – nicht pauschal
Warum Hafer besser verdaulich ist
Es liegt an der Struktur des Korns
Pferde haben im Dünndarm nur eine begrenzte Kapazität, Stärke enzymatisch aufzuschließen, und die Passage dort ist kurz. Was nicht rechtzeitig verdaut ist, gelangt in den Dickdarm, wo Stärke nicht hingehört: Dort wird sie vergoren, der pH-Wert fällt, und das mikrobielle Gleichgewicht gerät durcheinander.
Die Stärkekörner im Hafer sind klein und locker gelagert und nicht fest in eine Eiweißmatrix eingebettet, wie es bei Mais und Gerste der Fall ist. Die Enzyme kommen deshalb besser heran. Was die Mikroflora im Dickdarm stützt, ist vergärbare Faser – nicht Stärke (Präbiotika und Probiotika).
| Getreide | Stärkegehalt | Unbehandelt | Thermisch behandelt |
|---|---|---|---|
| Hafer | rund 40 bis 45 Prozent | hoch | nicht erforderlich |
| Gerste | rund 55 bis 60 Prozent | niedrig | deutlich besser |
| Mais | rund 65 bis 70 Prozent | niedrig | deutlich besser |
Was Hafer sonst noch mitbringt
- Hoher Spelzenanteil – das Pferd kaut länger und speichelt mehr ein
- Mehr Rohfaser als andere Getreidearten
- Höherer Fettgehalt, reich an ungesättigten Fettsäuren
- Günstigeres Aminosäuremuster, insbesondere beim Lysin
Wie viel Hafer je Mahlzeit: die Menge, auf die es ankommt
Nicht die Getreideart, sondern die Portion
Die Leitlinie des europäischen Fachgremiums für Innere Medizin beim Pferd nennt als Orientierung: höchstens ein Gramm Stärke je Kilogramm Körpergewicht und Mahlzeit, höchstens zwei Gramm je Kilogramm und Tag – und mehrere Stunden Abstand zwischen Kraftfuttermahlzeiten.
Umgerechnet bedeutet das weniger Hafer, als viele erwarten. Wer mehr braucht, teilt auf – und prüft zuerst, ob die Menge überhaupt nötig ist (Fütterungsfehler beim Pferd).
Die Rationsberechnung für Hafer, ausgeschrieben
Aus dem Stärkegehalt der Tabelle oben und der Grenze von einem Gramm je Kilogramm Körpergewicht ergibt sich die Menge direkt. Das sind Obergrenzen, keine Empfehlungen:
| Getreide | 500-kg-Pferd | 600-kg-Pferd |
|---|---|---|
| Hafer | 1,1 bis 1,25 kg | 1,3 bis 1,5 kg |
| Gerste | 0,8 bis 0,9 kg | 1,0 bis 1,1 kg |
| Mais | 0,7 bis 0,8 kg | rund 0,9 kg |
Für den Tag gilt das Doppelte, verteilt auf mehrere Mahlzeiten: beim 600-Kilo-Pferd also etwa 2,7 bis 3,0 kg Hafer, 2,0 bis 2,2 kg Gerste oder 1,7 bis 1,8 kg Mais. Und hier wird sichtbar, warum Hafer das mildere Getreide ist: Man darf von ihm rund anderthalb Mal so viel geben wie von Mais, bei gleicher Stärkelast.
Und die Reihenfolge
Raufutter vor dem Kraftfutter. Der Speichel puffert, und das bereits gefressene Heu verlangsamt die Passage. Das ist eine der wenigen Maßnahmen, die nichts kosten und messbar etwas ändern.
Die Wirkung von Hafer – und was hinter „der Hafer sticht“ steckt
Was dahintersteckt
Ein Inhaltsstoff, der Pferde nervös macht, ist im Hafer nicht bekannt. Was beobachtet wird, ist etwas anderes: Hafer liefert rasch verfügbare Energie, und ein Pferd, das mehr Energie bekommt als es verbraucht, zeigt das im Verhalten.
Daraus folgt die Konsequenz: Die Lösung liegt in der Menge und in der Bewegung, nicht im Wechsel des Futtermittels. Wer auf ein anderes Kraftfutter umstellt und die Energiemenge beibehält, ändert nichts – außer dass das neue Futter schlechter verdaulich sein kann.
Und baut Hafer Muskeln auf?
Nein – Hafer liefert Energie, keinen Muskel. Im Getreidevergleich steht er beim Lysin günstiger da, ein Eiweißfutter ist er damit aber nicht. Muskel entsteht aus Training und einer ausreichenden Eiweißversorgung; Hafer stellt allenfalls die Energie für die Arbeit bereit, die den Muskel bildet. Wer mehr Hafer gibt und nicht mehr arbeitet, bekommt keinen Muskel, sondern einen Energieüberschuss – und damit genau das, was oben als „der Hafer sticht“ beschrieben ist.
Wann es doch an etwas anderem liegt
Wird ein Pferd nervös, ohne dass sich an Menge und Arbeit etwas geändert hat, lohnt der Blick woanders hin: Schmerz, Magen, Ausrüstung, Augen. Futter ist dann die naheliegende, aber nicht die richtige Erklärung (Nervöses Pferd: Ursachen finden).
Hafer als Arzneidroge – welche genau?
Die Verwechslung, die sich hält
Die Haferpflanze liefert mehrere Drogen, und sie werden regelmäßig durcheinandergebracht:
- Haferkraut (Avenae herba) – die grünen, vor der Vollblüte geernteten oberirdischen Teile. Das HMPC führt es als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Stresssymptome und als Schlafhilfe.
- Haferstroh (Avenae stramentum) – die Kommission E bewertete es positiv, allerdings für die äußerliche Anwendung bei entzündlichen und juckenden Hauterkrankungen.
- Haferfrüchte (Avenae fructus) – also das Korn, das Pferde bekommen. Hierfür liegt eine Negativbewertung der Kommission E vor.
Die beruhigende Tradition gehört also dem Kraut, nicht dem Korn im Trog. Wer das eine mit dem anderen begründet, zitiert eine Monographie, die sich auf etwas anderes bezieht.
Und zum Avenin
Häufig wird Avenin als beruhigendes Alkaloid des Hafers genannt. Das trifft nicht zu: Avenin bezeichnet die Prolamin-Fraktion des Hafers – ein im Mehlkörper eingelagertes Reserveprotein, das Gegenstück zum Gluten anderer Getreide. Es ist kein Alkaloid, und eine beruhigende Wirkung ist ihm nicht zuzuschreiben.
Was das praktisch heißt
Hafer im Trog ist ein Energieträger, keine Nervendroge. Wer bei einem angespannten Pferd pflanzlich arbeiten will, greift zu den dafür gebräuchlichen Drogen – und setzt an der Ursache an (Beruhigen ohne Ermüden).
Der Haferschleim Irrtum
Gekocht ist nicht roh
Haferschleim – die bekannte Schonkost – entsteht, wenn Haferflocken in Wasser gekocht werden. Dabei quillt das Beta-Glucan auf und bildet die schleimige Konsistenz, die den Magen auskleidet.
Ganzer, roher Hafer wird nicht gekocht. Das Beta-Glucan bleibt größtenteils in der Kornstruktur gebunden, und die schleimbildende Wirkung entfaltet sich nicht in gleicher Weise. Die oft beworbenen magenschützenden Schleimstoffe im rohen Hafer beruhen auf dieser Verwechslung – belegt sind sie nicht.
Haferflocken für Pferde: dürfen sie das?
Haferflocken sind kein anderes Getreide, sondern anders verarbeiteter Hafer – und beide Verarbeitungsschritte verschieben genau die Größe, auf die es ankommt.
Die Spelze ist weg
Für Flocken wird der Hafer entspelzt. Die Spelze ist der Faseranteil und enthält praktisch keine Stärke – fällt sie weg, steigt der Stärkegehalt je Kilogramm deutlich. Haferflocken liegen damit näher bei Gerste als bei ganzem Hafer.
Und sie sind hitzebehandelt
Flocken werden gedämpft und gewalzt. Dadurch wird die Stärke leichter zugänglich – sie wird im Dünndarm zügiger aufgenommen, und der Blutzucker steigt entsprechend schneller.
Was daraus folgt
Dieselbe Grammgrenze gilt für eine kleinere Menge. Wer Haferflocken wie ganzen Hafer dosiert, überschreitet die Stärkemenge je Mahlzeit, ohne es zu merken.
Als Leckerli
Eine Handvoll aus der Hand ist unproblematisch. Als Kraftfutterbestandteil sind Flocken dagegen ein konzentrierter Stärketräger und kein Schonfutter.
Und Haferflocken für den Magen?
Hier läuft der Irrtum von oben weiter: Trockene Haferflocken sind kein Haferschleim. Die schleimige Konsistenz entsteht erst beim Kochen – ungekochte Flocken bringen sie nicht mit, und eine magenschützende Wirkung lässt sich daraus nicht ableiten. Bei einem Pferd mit Magenthema sind kleine Portionen und kurze Fresspausen das Wirksame, nicht die Form des Getreides (Der Pferdemagen: Anatomie, Säure und Speichel).
Hafer und der Magen
Was die Risikofaktoren tatsächlich sind
Magengeschwüre sind beim Pferd häufig, mit den höchsten Anteilen bei Rennpferden – Zahlen aus diesen Untersuchungen lassen sich nicht auf Freizeitpferde übertragen. Als Risikofaktoren gelten nach heutigem Stand:
- Zu wenig Raufutter und lange Fresspausen
- Hohe Stärke- und Zuckermengen je Mahlzeit
- Stress durch Training, Transport, Haltung
- Bestimmte Medikamente, über die die behandelnde Praxis entscheidet
Der entscheidende Befund
Eine belgische Untersuchung fand, dass nicht die Tagesmenge an Stärke und Zucker mit Magengeschwüren verbunden war, sondern die Menge je Mahlzeit – bei betroffenen Pferden lag sie deutlich höher als bei gesunden. Das ist der Kern: Es geht um die Portion, nicht um das Getreide (Der Pferdemagen: Anatomie, Säure und Speichel).
Und was daraus für den Hafer folgt
Braucht ein Pferd mit Magenthema überhaupt Kraftfutter, ist Hafer die verträglichste Getreideoption – weil weniger unverdaute Stärke weiterwandert. Das ist etwas anderes als eine magenschützende Wirkung, und so gehört es auch formuliert.
Hafer und der Getreidefrei-Trend
Ein berechtigter Ausgangspunkt
Dass viele Pferde zu viel Kraftfutter bekommen, stimmt. Arbeitspferde früherer Zeiten hatten einen Energiebedarf, den heutige Freizeitpferde nicht annähernd erreichen – die Fütterungsgewohnheiten haben sich aber nicht überall mit verändert.
| Bestandteil | Anmerkung |
|---|---|
| Erbsen, Ackerbohnen | Enthalten ebenfalls Stärke |
| Reiskleie | Reis ist botanisch ein Getreide |
| Dinkel, Emmer | Sind Weizenarten |
| Melasse | Zucker |
| Apfeltrester, Möhren | Enthalten Zucker |
Die Frage, die der Trend nicht beantwortet
Ein anderes Kraftfutter löst keines der Grundprobleme: zu wenig Raufutter, zu große Portionen, zu lange Fresspausen, zu wenig Bewegung. Die ehrlichere Frage lautet, ob das Pferd überhaupt Kraftfutter braucht – viele kommen mit gutem Heu und einem Mineralausgleich aus. Was in einem Sack wirklich steckt, steht auf dem Etikett (Etiketten richtig lesen, Füllstoffe im Pferdefutter).
Hafer bei Cushing und EMS
Danach wird häufig gesucht, und die Antwort ist in diesem Fall kurz. Bei beiden Krankheitsbildern geht es um die Stärke- und Zuckermenge, und Hafer ist ein Stärketräger.
Warum die Stärke hier anders zählt
Bei EMS und bei PPID mit begleitender Insulinstörung reagiert der Insulinhaushalt auf Stärke und Zucker stärker als beim gesunden Pferd. Damit ist nicht die Getreideart die Frage, sondern ob überhaupt Getreide in die Ration gehört – und die Antwort lautet in diesen Fällen meist nein.
Das gilt für alle Quellen gleichzeitig, auch für das Gras und für zuckerhaltige Ergänzungen. Haferflocken sind dabei die ungünstigere Form, weil die Stärke dort konzentrierter und leichter verfügbar ist.
Wer das entscheidet
Bei einem Pferd mit EMS, PPID oder Hufrehe in der Vorgeschichte gehört die Ration berechnet und mit der behandelnden Praxis abgestimmt – nicht nach Gefühl umgestellt. Was dort geprüft wird und warum, steht unter EMS und Cushing beim Pferd und Hufrehe beim Pferd.
Wann getreidefrei richtig ist
Hier gibt es klare Gründe
- Insulinstörungen und EMS – stärke- und zuckerarm, und zwar aus allen Quellen, auch dem Gras (EMS und Cushing)
- PPID mit begleitender Insulinstörung
- Hufrehe und Rehegefährdung (Hufrehe beim Pferd)
- PSSM – dort gehört die Energie aus Fett und Faser statt aus Stärke (PSSM beim Pferd)
- Leichtfuttrige Pferde ohne nennenswerten Bedarf – dort ist nicht die Getreideart die Frage, sondern ob Kraftfutter nötig ist
Für alle übrigen
Ein gesundes Pferd mit entsprechendem Bedarf verwertet Hafer in angemessener Menge gut. Die Entscheidung gehört an den Bedarf des einzelnen Pferdes, nicht an einen Trend.
Haferqualität: woran gute Qualität zu erkennen ist
Das Gewicht
Das Hektolitergewicht ist das aussagekräftigste Maß – schwerer Hafer hat mehr Kern und weniger Spelze im Verhältnis.
Geruch und Aussehen
Frisch und getreidetypisch, sauber, glänzend. Muffiger Geruch oder Staub sind Ausschlusskriterien, nicht Schönheitsfehler.
Trockenheit
Zu feucht eingelagerter Hafer verdirbt. Das ist der häufigste Grund für Schimmelbefall im Lager (Mykotoxine).
Schwarz oder gelb
Der Unterschied liegt in der Spelzenfarbe. Ernährungsphysiologisch gibt er nichts her – auf das Gewicht kommt es an.
Ganz oder gequetscht
Der Unterschied in der Verdaulichkeit ist gering, weshalb sich das Quetschen für die meisten Pferde nicht lohnt. Ganzer Hafer hält länger; gequetschter sollte zügig verfüttert werden, weil die ungesättigten Fettsäuren ranzig werden. Sinnvoll ist Quetschen bei Pferden mit Zahnproblemen – dort sollte aber ohnehin die ganze Ration überdacht werden.
Häufige Fragen
Warum ist Hafer besser verdaulich als Gerste oder Mais?
Wegen der Struktur des Korns: Die Stärkekörner liegen klein und locker und sind nicht fest in eine Eiweißmatrix eingebettet. Die Enzyme kommen deshalb besser heran.
Gerste und Mais erreichen eine vergleichbare Verdaulichkeit erst nach thermischer Behandlung – Hafer braucht sie nicht.
Stimmt es, dass der Hafer sticht?
Ein Inhaltsstoff, der Pferde nervös macht, ist nicht bekannt. Was beobachtet wird, ist ein Energieüberschuss: Das Pferd bekommt mehr, als es verbraucht.
Die Lösung liegt deshalb in Menge und Bewegung. Wer nur das Futtermittel wechselt und die Energiemenge beibehält, ändert nichts.
Wirkt Hafer beruhigend?
Das Korn nicht. Die beruhigende Tradition gehört dem Haferkraut, den grünen oberirdischen Teilen – das HMPC führt es als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Stresssymptome. Für die Haferfrüchte liegt dagegen eine Negativbewertung der Kommission E vor.
Und das oft genannte Avenin ist kein Alkaloid, sondern die Prolamin-Fraktion des Hafers – ein Reserveprotein.
Schützen die Schleimstoffe im Hafer den Magen?
Nicht im rohen Korn. Haferschleim entsteht beim Kochen von Haferflocken; dabei quillt das Beta-Glucan auf. Ganzer Hafer wird nicht gekocht, das Beta-Glucan bleibt im Korn gebunden.
Was zutrifft: Braucht ein Pferd mit Magenthema Kraftfutter, ist Hafer die verträglichste Getreideoption – wegen der Verdaulichkeit, nicht wegen Schleimstoffen.
Dürfen Pferde Haferflocken fressen?
Als Leckerli ja, als Kraftfutter mit kleinerer Portion. Haferflocken sind entspelzt und hitzebehandelt: Die Spelze ist der Faseranteil ohne Stärke – fällt sie weg, steigt der Stärkegehalt je Kilogramm deutlich, und durch das Dämpfen ist die Stärke zusätzlich leichter verfügbar.
Wer Haferflocken wie ganzen Hafer dosiert, überschreitet die Stärkemenge je Mahlzeit, ohne es zu merken. Und für den Magen bringen sie nichts: Trockene Flocken sind kein Haferschleim – die schleimige Konsistenz entsteht erst beim Kochen.
Darf ein Pferd mit Cushing oder EMS Hafer bekommen?
In der Regel nicht. Bei EMS und bei PPID mit begleitender Insulinstörung reagiert der Insulinhaushalt stärker auf Stärke und Zucker – damit ist nicht die Getreideart die Frage, sondern ob überhaupt Getreide in die Ration gehört.
Das gilt für alle Quellen gleichzeitig, auch für das Gras. Haferflocken sind die ungünstigere Form, weil die Stärke dort konzentrierter ist. Die Ration gehört in solchen Fällen berechnet und mit der behandelnden Praxis abgestimmt.
Baut Hafer Muskeln auf?
Nein – Hafer liefert Energie, keinen Muskel. Im Getreidevergleich steht er beim Lysin günstiger da, ein Eiweißfutter ist er damit aber nicht.
Muskel entsteht aus Training und ausreichender Eiweißversorgung. Wer mehr Hafer gibt und nicht mehr arbeitet, bekommt keinen Muskel, sondern einen Energieüberschuss.
Wie viel Hafer darf ein Pferd je Mahlzeit bekommen?
Als Orientierung gilt höchstens ein Gramm Stärke je Kilogramm Körpergewicht und Mahlzeit, höchstens zwei Gramm je Kilogramm und Tag – mit mehreren Stunden Abstand zwischen den Mahlzeiten.
Ausgerechnet heißt das: für ein 600-Kilo-Pferd etwa 1,3 bis 1,5 kg Hafer je Mahlzeit, für ein 500-Kilo-Pferd 1,1 bis 1,25 kg. Bei Gerste sind es rund 1,0 bis 1,1 kg, bei Mais nur etwa 0,9 kg. Das sind Obergrenzen, keine Empfehlungen – wer mehr braucht, teilt auf, und prüft zuerst, ob die Menge nötig ist.
Darf ein Pferd mit Magengeschwüren Hafer bekommen?
Entscheidend ist nicht die Getreideart, sondern die Portion. Eine Untersuchung fand den Zusammenhang nicht bei der Tagesmenge, sondern bei der Menge je Mahlzeit.
Wichtiger als die Wahl des Getreides sind deshalb ausreichend Raufutter, kurze Fresspausen und kleine Portionen. Über die Ration bei einem erkrankten Pferd entscheidet die behandelnde Praxis.
Ist getreidefreies Futter grundsätzlich besser?
Nein. Es ist richtig bei Insulinstörungen, PPID, Hufrehe und PSSM – und bei Pferden ohne nennenswerten Energiebedarf.
Für gesunde Pferde mit Bedarf ist Hafer gut verwertbar. Und ein Blick auf die Zutaten lohnt: Reis, Dinkel und Emmer sind Getreide, Erbsen enthalten ebenfalls Stärke.
Woran erkenne ich guten Hafer?
Am Hektolitergewicht – schwerer Hafer hat mehr Kern im Verhältnis zur Spelze. Dazu frischer, getreidetypischer Geruch, sauberes und glänzendes Korn, trockene Lagerung.
Schwarz oder gelb macht keinen Unterschied: Das betrifft nur die Spelzenfarbe.
Ganz oder gequetscht?
Der Unterschied in der Verdaulichkeit ist gering, deshalb lohnt sich das Quetschen für die meisten Pferde nicht.
Ganzer Hafer hält länger; gequetschter wird schneller ranzig. Bei Zahnproblemen kann Quetschen sinnvoll sein – dann gehört aber die ganze Ration überdacht.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Sykes, B. W. et al. (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses. Journal of Veterinary Internal Medicine 29(5), 1288–1299
- Galinelli, N. et al. (2021): High intake of sugars and starch, low number of meals and low roughage intake are associated with Equine Gastric Ulcer Syndrome in a Belgian cohort. Journal of Animal Physiology and Animal Nutrition 105, 18–23
- Luthersson, N. et al. (2009): Risk factors associated with equine gastric ulceration syndrome in 201 horses in Denmark. Equine Veterinary Journal 41, 625–630
- Coenen, M. & Vervuert, I.: Pferdefütterung. Stuttgart: Thieme
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden
- Europäische Arzneimittel-Agentur, HMPC: Monographie Avena sativa L., herba
- Kommission E: Monographien Avenae stramentum, Avenae herba und Avenae fructus
- Römpp Online, Thieme: Eintrag Avenin – Prolamin-Fraktion des Hafers