Kurz gesagt: Beweglichkeit erhält sich nicht von selbst – sie ist das Ergebnis von Management. Drei Dinge tragen sie: viel freie Bewegung, eine Haltung, die zum Laufen anregt, und gezieltes, abwechslungsreiches Training. Der wirksamste Hebel ist dabei nicht die Reitstunde, sondern das, was in den übrigen dreiundzwanzig Stunden passiert.
Auf einen Blick
- Knorpel hat keine Blutgefäße – seine Versorgung läuft über Bewegung, nicht über die Ration
- Freie Bewegung und Training ergänzen sich – eines ersetzt das andere nicht
- Die Haltung entscheidet, wie viele Schritte am Tag zusammenkommen
- Passives Dehnen durch den Menschen gehört in fachkundige Hände – Karottendehnungen macht das Pferd selbst
- Nachlassende Beweglichkeit gehört abgeklärt, bevor sie dem Alter zugeschrieben wird
Woran Beweglichkeit hängt
Beweglichkeit ist kein Zustand einer einzelnen Struktur, sondern das Zusammenspiel mehrerer: Gelenke und Knorpel, Muskulatur, Sehnen und Bänder, Bindegewebe und die Koordination durch das Nervensystem.
Der Punkt, der alles Weitere erklärt
Gelenkknorpel besitzt keine Blutgefäße. Er wird über die Gelenkflüssigkeit versorgt – und deren Austausch wird durch Bewegung angeregt: Bei jeder Belastung wird der Knorpel zusammengedrückt und entlastet, dabei fließt Flüssigkeit hinein und heraus. Steht ein Pferd, findet dieser Austausch kaum statt. Bewegung ist für den Knorpel keine Belastung, sondern die Versorgung.
Was sich bei Bewegungsmangel verändert
- Muskulatur baut ab, und Muskeln, die nicht in vollem Umfang gebraucht werden, verlieren an Länge
- Bindegewebe verändert bei anhaltender Immobilität seine Zusammensetzung und wird weniger nachgiebig
- Koordination und Trittsicherheit lassen nach, weil sie ständig geübt werden müssen
- Der Knorpelstoffwechsel läuft langsamer, weil der Flüssigkeitsaustausch fehlt
Zu den „verklebten Faszien"
Die Vorstellung, Bindegewebe „verklebe" bei Bewegungsmangel, ist im Stall verbreitet – anatomisch findet ein Verkleben allerdings nicht statt. Beschreibbar ist etwas anderes: Bei anhaltender Immobilität verändert sich die Zusammensetzung des Bindegewebes, es wird steifer und weniger verschieblich. Das Ergebnis fühlt sich ähnlich an, hat aber eine andere Ursache – und lässt sich durch Bewegung auch wieder verändern.
Was benutzt wird, bleibt
Alle diese Gewebe passen sich an das an, was von ihnen verlangt wird. Das ist die eigentliche gute Nachricht: Der Verlauf ist beeinflussbar, und zwar in jedem Alter. Ein Pferd, das mit zwanzig noch täglich mehrere Kilometer läuft, ist beweglicher als eines, das mit zwölf überwiegend steht.
Freie Bewegung
Pferde sind darauf angelegt, sich über den größten Teil des Tages langsam fortzubewegen. Ein Pferd in extensiver Haltung legt dabei erhebliche Strecken zurück – überwiegend im Schritt, beim Grasen.
Freie Bewegung
- Täglicher Auslauf, so lange wie möglich
- Gruppenhaltung, wenn es die Konstellation erlaubt – Pferde bewegen sich in Gesellschaft mehr
- Wechselnde Untergründe und Geländestrukturen
- Auch im Winter und bei schlechtem Wetter
Gearbeitete Bewegung
- Regelmäßig statt sporadisch
- Abwechslung in der Art der Belastung
- An Alter und Trainingszustand angepasst
- Erholungstage eingeplant
Eine Stunde Arbeit ersetzt nicht dreiundzwanzig Stunden Stehen
Das ist der wichtigste Satz zu diesem Thema. Eine Reitstunde am Tag ist gut – sie ändert aber wenig daran, dass ein Pferd die übrige Zeit in der Box verbringt. Freie Bewegung und Training ergänzen sich; keines von beidem ersetzt das andere. Wer nur eine Stellschraube hat, sollte an der freien Bewegung drehen.
Die Haltung als Rahmen
Die Haltungsform bestimmt, wie viele Schritte am Tag zusammenkommen – und das ist der Faktor mit dem größten Hebel, weil er rund um die Uhr wirkt.
Bewegungsanreize schaffen
Nicht jede Haltung lässt sich ändern. Innerhalb bestehender Verhältnisse lässt sich aber oft mehr erreichen, als man denkt – indem man Wege erzeugt:
- Maßnahme: Raufutter an mehreren Stellen statt an einer – jede Portion ist ein Weg
- Maßnahme: Wasser abseits vom Futter, nicht daneben
- Maßnahme: Liege- und Schattenplätze an anderer Stelle als die Futterplätze
- Maßnahme: Wechselnde Untergründe auf dem Weg – das fordert Trittsicherheit
- Maßnahme: Leichte Steigungen nutzen, wo das Gelände sie hergibt
- Maßnahme: Passende Gruppenzusammensetzung – Pferde animieren einander
Das Prinzip dahinter
Ein Pferd läuft nicht, weil ihm Bewegung guttut, sondern weil es irgendwohin will. Wer Ressourcen verteilt, erzeugt Wege – und Wege ergeben Schritte, ohne dass jemand dabeisteht. Genau das ist der Gedanke hinter Bewegungsställen und Laufwegkonzepten, und er funktioniert auch im Kleinen auf einem Paddock.
Gezieltes Training
Aufwärmen zuerst
Mindestens 15 bis 20 Minuten Schritt vor jeder fordernden Arbeit. Muskulatur, Sehnen und Gelenke verhalten sich in Bewegung anders als in Ruhe – sie werden nachgiebiger, und die Gelenkflüssigkeit verteilt sich. Bei Kälte und bei älteren Pferden entsprechend länger.
Übungen, die Beweglichkeit fordern
Stangen und Cavaletti
Fordern aktives Anheben der Beine und genaue Fußung. Abstände und Höhen variieren.
Koordination, BeinbeweglichkeitGebogene Linien
Schlangenlinien und Volten fordern die Biegung. Mit großen Bögen beginnen und langsam enger werden.
Längsbiegung, BalanceÜbergänge
Häufige Wechsel zwischen und innerhalb der Gangarten fordern Aufmerksamkeit und Hinterhandaktivität.
Durchlässigkeit, KraftSeitwärtsbewegungen
Schenkelweichen und Schulterherein, dem Ausbildungsstand entsprechend.
Seitliche BeweglichkeitDehnungshaltung
Vorwärts-abwärts in der Lösungsphase und zwischendurch – gibt dem Rücken Gelegenheit, sich zu heben.
Oberlinie, EntspannungGelände
Wechselnde Böden, Steigungen, natürliche Unebenheiten – bei gemäßigtem Tempo die vielseitigste Arbeit überhaupt.
Ganzkörper, TrittsicherheitBodenarbeit
Arbeit an der Hand fordert Beweglichkeit ohne Reitergewicht – besonders geeignet für ältere Pferde und Wiedereinsteiger.
Vielseitigkeit ohne LastRückwärtsrichten
Fordert die Hinterhand. In kleinen Portionen und nur bei korrekter Ausführung – falsch ausgeführt belastet es den Rücken.
Hinterhand, VersammlungAbwärmen gehört dazu
Zehn bis fünfzehn Minuten Schritt am langen Zügel am Ende jeder Einheit. Das gibt dem Kreislauf Zeit herunterzufahren und dem Pferd Gelegenheit, sich zu strecken – und es kostet weniger, als am nächsten Tag ein klammes Pferd zu haben.
Zum Dehnen
Hier ist eine Unterscheidung wichtig, die in Ratgebern meist fehlt – denn die beiden Arten von Dehnübungen sind nicht gleich unbedenklich.
Aktive Übungen – unproblematisch
Karottendehnungen und ähnliche Übungen, bei denen das Pferd einem Anreiz folgt: zur Seite, nach unten zwischen die Vorderbeine, zur Brust.
Warum sie sicher sind: Das Pferd bewegt sich selbst und hört auf, wenn es unangenehm wird. Es gibt keine Kraft von außen, die über eine Grenze hinausgeht.
Passives Dehnen – in fachkundige Hände
Beine strecken, die von einem Menschen gehalten und gezogen werden.
Warum das anders ist: Hier fehlt die Rückmeldung über die Belastungsgrenze. Wer zieht, spürt nicht, wo sie liegt – und bei unerkannten Vorerkrankungen an Gelenken oder Sehnen kann eine solche Übung schaden. Das gehört gezeigt und begleitet, nicht nach Videoanleitung ausprobiert.
Wenn gedehnt wird, dann so
- Nur am aufgewärmten Pferd, nie aus der Box heraus
- Langsam und ohne Kraft – Dehnung ist kein Zug
- Bei Widerstand oder Anzeichen von Unbehagen sofort aufhören
- Nicht über den natürlichen Bewegungsumfang hinaus
- Nicht bei akuten Beschwerden oder unklaren Befunden
Unterstützende Maßnahmen
Massage
Fördert die Durchblutung und wird von vielen Pferden gut angenommen. Sie ersetzt keine Abklärung, wenn wiederkehrende Verspannungen auftreten – dann lohnt die Frage nach der Ursache, etwa Sattel, Zähne oder Beschlag.
Physiotherapie und Osteopathie
Bei Beweglichkeitseinschränkungen sinnvoll, idealerweise nach tierärztlicher Abklärung. Gute Therapeutinnen geben Übungen für zu Hause mit – das ist oft der nachhaltigere Teil der Behandlung.
Wärme
Solarium vor der Arbeit, Abschwitzdecke danach, bei Bedarf eine leichte Decke für ältere Pferde im Winter. Wärme ersetzt das Aufwärmen nicht, kann es aber angenehmer machen.
Besonders im Winter
Bei Kälte sind Muskulatur und Sehnen weniger nachgiebig, und viele Pferde bewegen sich bei Nässe und Matsch von sich aus weniger. Was dann hilft: längeres Aufwärmen, Auslauf trotzdem anbieten, und die Arbeit an die Bodenverhältnisse anpassen statt sie ausfallen zu lassen.
Traditionell verwendete Drogen
In der Phytotherapie werden im Zusammenhang mit dem Bewegungsapparat mehrere Arzneidrogen verwendet, von denen einige gut untersucht sind.
Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix)
Wertbestimmend sind Iridoidglykoside, darunter Harpagosid. Beim Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der EMA als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Gelenkschmerzen geführt; Bewertungen liegen auch von Kommission E und ESCOP vor.
Weidenrinde (Salicis cortex)
Enthält Salicylate. Beim HMPC in der Kategorie well-established use geführt – eine Einstufung mit anerkannter medizinischer Wirksamkeit, die nur eine Minderheit der Monographien erreicht.
Mädesüßkraut (Filipendulae ulmariae herba)
Ebenfalls salicylathaltig, im Arzneibuch monographiert. Traditionell in derselben Anwendungslinie wie die Weidenrinde – was zugleich bedeutet, dass sich beide in ihrer Wirkstoffgruppe überschneiden.
Brennnessel und Löwenzahn
Beide im Arzneibuch monographiert und den harntreibenden Drogen zugerechnet. Über die verstärkte Harnausscheidung werden sie traditionell bei Stoffwechselthemen und begleitend beim Bewegungsapparat eingesetzt.
Zur Dopingrelevanz. Teufelskralle und salicylathaltige Zubereitungen sind ADMR-relevant. Die Prüfung der geltenden Fristen obliegt nach Regelwerk ausschließlich der verantwortlichen Person, bei internationalen Starts zusätzlich nach FEI-Regelwerk. Mehr dazu im Artikel ADMR beim Pferd.
Und die Einordnung
Diese Bewertungen betreffen Humanarzneimittel in definierter Dosierung und lassen sich nicht auf Ergänzungsfuttermittel für Pferde übertragen; wir leiten daraus keine Aussage über unsere Produkte ab. Für die Beweglichkeit entscheidend bleibt, was in den ersten drei Abschnitten steht: Bewegung, Haltung und Training.
Wann abgeklärt werden sollte
Nachlassende Beweglichkeit ist kein Alterszeichen, bis es geprüft ist
„Er wird eben älter" ist die häufigste Erklärung – und manchmal stimmt sie. Häufig steckt aber etwas dahinter, das sich behandeln lässt: Arthrose, Zahnprobleme, ein unpassender Sattel, Hufprobleme, PPID oder eine muskuläre Erkrankung.
Anlass zur Abklärung besteht bei zunehmender Steifheit, bei Widerwilligkeit gegen Lektionen, die vorher problemlos waren, bei ungleichmäßiger Bewegung, bei verändertem Verhalten beim Satteln oder Aufsteigen und bei jeder Lahmheit. Je früher die Ursache bekannt ist, desto mehr Möglichkeiten bleiben.
Häufige Fragen
Wie halte ich mein Pferd langfristig beweglich?
Drei Dinge tragen die Beweglichkeit: möglichst viel freie Bewegung, eine Haltung, die zum Laufen anregt, und regelmäßiges, abwechslungsreiches Training. Der größte Hebel liegt dabei nicht in der Reitstunde, sondern in den übrigen dreiundzwanzig Stunden – eine Stunde Arbeit ersetzt nicht einen Tag im Stehen.
Warum ist Bewegung für die Gelenke so wichtig?
Weil Gelenkknorpel keine Blutgefäße besitzt. Er wird über die Gelenkflüssigkeit versorgt, und deren Austausch wird durch Bewegung angeregt: Bei jeder Belastung wird der Knorpel zusammengedrückt und entlastet, dabei fließt Flüssigkeit hinein und heraus. Steht ein Pferd, findet dieser Austausch kaum statt. Für den Knorpel ist Bewegung deshalb nicht Belastung, sondern Versorgung.
Verkleben Faszien, wenn sich ein Pferd zu wenig bewegt?
Ein Verkleben im Wortsinn findet nicht statt. Beschreibbar ist etwas anderes: Bei anhaltender Immobilität verändert sich die Zusammensetzung des Bindegewebes, es wird steifer und weniger verschieblich. Das Ergebnis fühlt sich ähnlich an, hat aber eine andere Ursache – und lässt sich durch Bewegung wieder verändern.
Welche Übungen fördern die Beweglichkeit?
Stangen- und Cavalettiarbeit für Koordination und Fußung, gebogene Linien für die Längsbiegung, häufige Übergänge für Durchlässigkeit und Hinterhandaktivität, Seitwärtsbewegungen entsprechend dem Ausbildungsstand, Dehnungshaltung für die Oberlinie und Geländearbeit bei gemäßigtem Tempo. Bodenarbeit fordert Beweglichkeit ohne Reitergewicht und eignet sich besonders für ältere Pferde.
Darf ich mein Pferd selbst dehnen?
Hier lohnt eine Unterscheidung. Bei aktiven Übungen wie Karottendehnungen bewegt sich das Pferd selbst und hört auf, wenn es unangenehm wird – die sind unproblematisch. Beim passiven Dehnen, bei dem ein Mensch ein Bein hält und zieht, fehlt die Rückmeldung über die Belastungsgrenze; bei unerkannten Vorerkrankungen an Gelenken oder Sehnen kann das schaden. Passives Dehnen gehört gezeigt und begleitet, nicht nach Videoanleitung ausprobiert. Gedehnt wird grundsätzlich nur am aufgewärmten Pferd, langsam und ohne Kraft.
Wie schaffe ich Bewegungsanreize, wenn ich die Haltung nicht ändern kann?
Indem Du Wege erzeugst: Raufutter an mehreren Stellen statt an einer, Wasser abseits vom Futter, Liegeplätze anderswo als die Futterplätze. Wechselnde Untergründe auf dem Weg fordern zusätzlich die Trittsicherheit, leichte Steigungen die Kraft. Das Prinzip: Ein Pferd läuft nicht, weil Bewegung guttut, sondern weil es irgendwohin will – wer Ressourcen verteilt, erzeugt Schritte.
Ab wann lässt die Beweglichkeit nach?
Das lässt sich nicht an einer Jahreszahl festmachen – der Zustand hängt stärker von der bisherigen Nutzung ab als vom Alter. Wichtiger ist etwas anderes: Nachlassende Beweglichkeit ist kein Alterszeichen, bis sie geprüft ist. Häufig steckt etwas Behandelbares dahinter, etwa Arthrose, Zahnprobleme, ein unpassender Sattel, Hufprobleme oder eine Stoffwechselerkrankung.
Welche Kräuter werden für den Bewegungsapparat eingesetzt?
Traditionell Teufelskrallenwurzel, Weidenrinde und Mädesüßkraut, ergänzt um Brennnessel und Löwenzahn. Zwei Punkte gehören dazu: Weidenrinde und Mädesüß sind beide salicylathaltig, gehören also derselben Wirkstoffgruppe an – eine dauerhafte Gabe, erst recht beider gemeinsam, gehört tierärztlich begleitet. Und Teufelskralle wie salicylathaltige Zubereitungen sind dopingrelevant; die Prüfung der Fristen obliegt der verantwortlichen Person.
Wie wichtig ist das Aufwärmen?
Es ist die wirksamste Einzelmaßnahme vor jeder fordernden Arbeit. Muskulatur, Sehnen und Gelenke verhalten sich in Bewegung anders als in Ruhe – sie werden nachgiebiger, und die Gelenkflüssigkeit verteilt sich. Mindestens 15 bis 20 Minuten Schritt, bei Kälte und bei älteren Pferden länger.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Clayton, H. M. et al.: Arbeiten zur Biomechanik des Pferdes. Equine Veterinary Journal
- Hinchcliff, K. W. et al.: Equine Sports Medicine and Surgery
- Hyytiäinen, H. K. et al.: Arbeiten zur Physiotherapie beim Pferd. Equine Veterinary Journal
- Europäische Arzneimittel-Agentur, HMPC: Monographien zu Harpagophyti radix und Salicis cortex
- Kommission E und ESCOP: Monographien zu Harpagophyti radix, Salicis cortex und Filipendulae ulmariae herba