Wir verwenden keinen Ingwer – und der Grund dafür führt zu einer unbequemen Feststellung, die auch unsere eigenen Mischungen betrifft. Die Drogen, die bei Gelenkthemen helfen sollen, teilen fast alle eine Eigenschaft: Sie beanspruchen den Magen.
Auf einen Blick
- Ingwer reizt die Magenschleimhaut – und viele Pferde haben dort bereits etwas
- Er überdeckt Schmerz, ohne die Ursache zu berühren
- Die gern genannten Alternativen sind nicht magenneutral – auch die Teufelskralle nicht
- Bei Magenthemen kommt der Magen zuerst, dann das Gelenk
- Im Turniersport gilt für all das dasselbe Regelwerk
Die Droge
Steckbrief
- Arzneidroge
- Zingiberis rhizoma – Ingwerwurzelstock
- Stammpflanze
- Zingiber officinale Roscoe
- Familie
- Ingwergewächse (Zingiberaceae)
- Verwendeter Teil
- Der Wurzelstock, nicht die Wurzel im botanischen Sinn
- Inhaltsstoffe
- Scharfstoffe, vor allem Gingerole und daraus entstehende Shogaole · ätherisches Öl
- Herkunft
- Ursprünglich Südostasien, heute auch westafrikanischer Anbau – mit abweichendem Schärfeprofil
Was die Schärfe bedeutet
Die Scharfstoffe sind der wertgebende und zugleich der problematische Teil. Sie sind es, die dem Ingwer seine Verwendung bei Verdauungsbeschwerden eingetragen haben – und sie sind es, die bei einem vorgeschädigten Magen zum Problem werden. Der Gehalt schwankt erheblich nach Herkunft, was eine gleichbleibende Beurteilung erschwert.
Was für Ingwer spricht
Fairerweise
Ingwer gehört zu den gut untersuchten Drogen, und seine Verwendung bei entzündlichen Gelenkbeschwerden hat eine lange Tradition – in der asiatischen Heilkunde über Jahrtausende, in der Pferdefütterung seit etwa zwei Jahrzehnten.
Berichtet wird von Pferden, die unter Ingwergabe beweglicher wirken und mehr Bewegungsfreude zeigen. Diese Beobachtungen sind ernst zu nehmen – die Frage ist nur, was sie bedeuten.
Warum er den Magen beansprucht
Der Mechanismus ist zugleich die Nebenwirkung
Scharfstoffe regen die Sekretion an – Magensaft, Gallenfluss, Speichel. Bei einem gesunden Magen ist das die verdauungsfördernde Seite der Droge. Bei einem Magen, dessen Schleimhaut bereits angegriffen ist, trifft die zusätzliche Säure auf ungeschütztes Gewebe.
Und genau hier liegt das praktische Problem: Magengeschwüre beim Pferd verlaufen häufig ohne eindeutige Zeichen. Wer Ingwer füttert, weiß in aller Regel nicht, in welchen Magen er ihn gibt (Magengeschwüre beim Pferd).
Zu den Häufigkeitszahlen
In Untersuchungen an Rennpferden wurden sehr hohe Anteile veränderter Magenschleimhaut gefunden, bei Distanzpferden ebenfalls. Diese Zahlen beschreiben Hochleistungspferde unter besonderen Bedingungen und lassen sich nicht auf das Freizeitpferd übertragen. Was sich übertragen lässt, ist die Erkenntnis dahinter: Der Magen ist bei dieser Tierart ein empfindliches Organ, und man sieht ihm nichts an.
Wo Ingwer nicht hingehört
- Bei bekanntem oder vermutetem Magengeschwür
- Bei Pferden mit wiederkehrenden Koliken
- Bei tragenden und laktierenden Stuten
- Vor geplanten Operationen – und was gefüttert wird, gehört der Klinik ohnehin mitgeteilt
- Bei gleichzeitiger Medikation, ohne Rücksprache
Das zweite Problem: Überdecken
Ein Pferd, das wieder läuft, ist nicht geheilt
Was als Erfolg erlebt wird – das Pferd geht williger, die Lahmheit fällt weniger auf –, kann genau das Gegenteil bedeuten. Schmerz ist bei einer Erkrankung des Bewegungsapparats keine Nebensache, sondern die Begrenzung, die vor weiterer Schädigung schützt.
Bei einer akuten Verletzung ist das gefährlich, und bei einer chronischen Veränderung verschiebt es die Abklärung nach hinten. Deshalb steht am Anfang die Diagnose – nicht die Futterschüssel (Arthrose beim Pferd).
Die Alternativen – und was bei ihnen gilt
Die unbequeme Feststellung
Die Drogen, die üblicherweise als magenfreundliche Alternative zum Ingwer genannt werden, sind es nicht. Für die Teufelskrallenwurzel sind Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre ausdrücklich als Gegenanzeige aufgeführt – ihre Bitterstoffe regen ebenfalls die Magensaftsekretion an. Die Weidenrinde ist salicylathaltig, und Salicylate zählen zu den schleimhautreizenden Substanzen.
Das gilt auch für unsere eigenen Gelenkmischungen, in denen diese Drogen enthalten sind. Wer einem magenempfindlichen Pferd Ingwer verweigert und ihm stattdessen eine Teufelskrallenmischung gibt, hat das Problem nicht gelöst, sondern verschoben.
| Droge | Was sie mitbringt | Was beim Magen zu bedenken ist |
|---|---|---|
| Ingwer | Scharfstoffe, lange Tradition bei Gelenkbeschwerden | Sekretionsanregend, bei vorgeschädigter Schleimhaut problematisch |
| Teufelskralle | Iridoidglykoside, am besten untersuchte Gelenkdroge | Bei Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren kontraindiziert |
| Weidenrinde | Salicylate, arzneilich anerkannte Verwendung | Salicylate reizen die Schleimhaut |
| Hagebutte | Galaktolipide, Vitamin C, gute Annahme | Gilt als gut verträglich |
| Brennnessel | Mineralstoffreich, traditionell bei Gelenkthemen | Gilt als gut verträglich |
Was daraus folgt
Es gibt keine Droge, die stark auf Entzündungsgeschehen wirkt und den Magen dabei völlig unberührt lässt. Wer beides braucht, braucht zwei Antworten – nicht eine. Hagebutte und Brennnessel sind die verträglicheren Drogen, aber sie ersetzen keine Entzündungshemmung, wo eine nötig ist.
Die richtige Reihenfolge
Bei einem Pferd mit Gelenk- und Magenthema
- Schritt: Den Magen abklären lassen, bevor eine Bitter- oder Scharfdroge gefüttert wird – gastroskopisch, nicht nach Gefühl
- Schritt: Zuerst die Magenseite in Ordnung bringen: Raufutter, Fresspausen, Portionsgrößen – das wirkt mehr als jede Mischung
- Schritt: Die Gelenkseite diagnostisch klären, statt sie zu überdecken
- Schritt: Erst danach entscheiden, welche Droge in Frage kommt – und mit der behandelnden Praxis abstimmen
- Schritt: Nicht beides gleichzeitig beginnen, sonst ist nicht zu beurteilen, was gewirkt hat
Warum wir ihn nicht verwenden
Drei Gründe
Erstens die Breite: Unsere Mischungen sollen für möglichst viele Pferde in Frage kommen. Eine Droge, deren Schärfe bei unerkannten Magenproblemen zum Risiko wird, verengt diesen Kreis erheblich.
Zweitens die Schwankung: Der Scharfstoffgehalt variiert stark nach Herkunft. Was sich nicht verlässlich beziffern lässt, lässt sich auch nicht verlässlich dosieren.
Drittens die Richtung: Eine Droge, deren sichtbarster Effekt das Nachlassen von Schmerz ist, passt nicht zu dem, wofür wir Mischungen bauen. Wir arbeiten an Belastbarkeit, nicht an Schmerzschwellen.
Und was das nicht heißt
Es heißt nicht, dass unsere Gelenkmischungen für jedes Pferd passen. Sie enthalten Teufelskrallenwurzel, und damit gilt für sie dieselbe Gegenanzeige wie für die Droge selbst. Bei einem Pferd mit bekanntem Magengeschwür gehört das besprochen, bevor gefüttert wird – das steht auch auf den Produktseiten.
MAGENWOHL
Für die Magenseite – bei Pferden unter anhaltender Belastung oder mit langen Fresspausen.
SEHNENSTARK
Acht Kräuter für Sehnen und Bänder, mit Schachtelhalm und Hagebutte – ohne Bitter- und Scharfdrogen, angelegt für die längerfristige Gabe.
Für alle Mischungen gilt
Kräutermischungen sind im Turniersport grundsätzlich als dopingrelevant zu behandeln. Die ADMR stellt nicht auf eine abschließende Pflanzenliste ab, sondern auf die mögliche Beeinflussung der Leistungsfähigkeit. Wer startet, prüft die vollständige Zusammensetzung im geltenden Regelwerk und setzt rechtzeitig ab; die Verantwortung liegt bei der verantwortlichen Person (ADMR-Regeln).
Häufige Fragen
Ist Ingwer für Pferde gefährlich?
Nicht grundsätzlich – aber die Scharfstoffe regen die Magensaftsekretion an. Bei einem gesunden Magen ist das die verdauungsfördernde Seite; bei angegriffener Schleimhaut trifft zusätzliche Säure auf ungeschütztes Gewebe.
Das Problem ist praktischer Natur: Magengeschwüre verlaufen häufig ohne eindeutige Zeichen – man weiß meist nicht, in welchen Magen man füttert.
Mein Pferd bekommt seit Jahren Ingwer – muss ich mir Sorgen machen?
Nicht jedes Pferd reagiert gleich, und viele vertragen ihn. Wer sicher gehen will, lässt den Magen gastroskopisch ansehen – das ist die einzige verlässliche Auskunft.
Worauf zu achten ist: zögerliches Fressen, Gähnen und Flehmen nach dem Fressen, Empfindlichkeit am Bauch, Leistungsabfall ohne andere Erklärung.
Ist Teufelskralle die magenfreundliche Alternative?
Nein – das ist ein verbreiteter Irrtum. Für die Teufelskrallenwurzel sind Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre ausdrücklich als Gegenanzeige aufgeführt; ihre Bitterstoffe regen die Magensaftsekretion ebenfalls an.
Dasselbe gilt für die salicylathaltige Weidenrinde. Das sagen wir, obwohl unsere eigenen Gelenkmischungen Teufelskralle enthalten.
Was kann ich einem magenempfindlichen Pferd mit Gelenkproblemen geben?
Zwei Antworten statt einer. Es gibt keine Droge, die stark auf Entzündungsgeschehen wirkt und den Magen dabei unberührt lässt.
Der Weg führt über die Reihenfolge: erst den Magen abklären und in Ordnung bringen, dann die Gelenkseite diagnostisch klären – und erst danach entscheiden, mit der behandelnden Praxis.
Warum wird Ingwer trotzdem so oft empfohlen?
Weil die Beobachtungen stimmen: Pferde wirken unter Ingwer häufig beweglicher. Die Frage ist, was das bedeutet – ein Pferd, das weniger Schmerz spürt, belastet sich mehr.
Dazu kommt, dass „pflanzlich“ oft mit „nebenwirkungsfrei“ gleichgesetzt wird. Eine Droge, die wirkt, hat auch Gegenanzeigen – das ist kein Widerspruch, sondern die Regel.
Darf ich Ingwer an tragende Stuten geben?
Davon ist abzuraten. Bei tragenden und laktierenden Stuten gehört vor jeder Gabe einer Scharfdroge Rücksprache gehalten.
Dasselbe gilt vor geplanten Operationen und bei gleichzeitiger Medikation.
Was gilt im Turniersport?
Kräutermischungen sind grundsätzlich als dopingrelevant zu behandeln – die ADMR stellt nicht auf eine abschließende Pflanzenliste ab, sondern auf die mögliche Beeinflussung der Leistungsfähigkeit.
Wer startet, prüft die vollständige Zusammensetzung im geltenden Regelwerk. Welche Karenzzeit gilt, steht dort und wird nicht geschätzt.
Verwendet VOTANA Ingwer?
Nein. Drei Gründe: Die Schärfe verengt den Kreis der Pferde, für die eine Mischung in Frage kommt. Der Scharfstoffgehalt schwankt stark nach Herkunft. Und eine Droge, deren sichtbarster Effekt das Nachlassen von Schmerz ist, passt nicht zu dem, wofür wir Mischungen bauen.
Das heißt nicht, dass unsere Gelenkmischungen für jedes Pferd passen – sie enthalten Teufelskralle und tragen deren Gegenanzeige.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Kommission E: Monographien Zingiberis rhizoma und Harpagophyti radix – einschließlich der Gegenanzeigen
- ESCOP und HMPC: Monographien zu Harpagophyti radix und Salicis cortex
- Blaschek, W. (Hrsg.): Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
- Brendieck-Worm, C. & Melzig, M. F. (2021): Phytotherapie in der Tiermedizin. 2. Auflage. Stuttgart: Thieme
- Murray, M. J. et al.: Factors associated with gastric lesions in Thoroughbred racehorses. Equine Veterinary Journal
- Tamzali, Y. et al.: Prevalence of gastric ulcer syndrome in high-level endurance horses. Equine Veterinary Journal
- Sykes, B. W. et al. (2015): ECEIM Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses
- Deutsche Reiterliche Vereinigung: Allgemeine Bestimmungen zu Doping und Medikation (ADMR)