Vorab
Magengeschwüre sind eine behandlungsbedürftige Erkrankung. Dieser Artikel erklärt Entstehung, Anzeichen, Diagnostik und Vorbeugung – er ist keine Therapieanleitung. Bei Verdacht gehört das Pferd tierärztlich untersucht; die sichere Diagnose liefert die Gastroskopie.
Kurz gesagt: Der Pferdemagen bildet fortlaufend Säure, unabhängig davon, ob gefressen wird. Das passt zu einem Tier, das über den Tag verteilt frisst – und wird zum Problem, sobald lange Fresspausen entstehen. Die Anzeichen sind unspezifisch und fehlen häufig ganz, weshalb nur die Gastroskopie Klarheit schafft. Und: Ohne Anpassung von Fütterung und Haltung ist ein Rückfall wahrscheinlich, unabhängig davon, wie gut behandelt wurde.
Auf einen Blick
- Fortlaufende Säureproduktion trifft auf einen kleinen Magen, der für ständige Futteraufnahme eingerichtet ist.
- Speichel gibt es nur beim Kauen – ohne Futter fehlt der wichtigste körpereigene Puffer.
- Die Anzeichen sind unspezifisch und können bei erheblichen Befunden ganz fehlen.
- Nur die Gastroskopie sichert die Diagnose – und unterscheidet die beiden Formen, die unterschiedlich behandelt werden.
- Vorbeugung ist Management: Fresspausen, Rationsgestaltung, Belastungssteuerung, Haltung.
Was EGUS bezeichnet
EGUS steht für Equine Gastric Ulcer Syndrome und ist ein Sammelbegriff für Schleimhautschäden im Pferdemagen. Darunter werden zwei eigenständige Krankheitsbilder unterschieden:
- ESGD – Läsionen im drüsenlosen oberen Magenabschnitt, der keinen eigenen Säureschutz besitzt
- EGGD – Läsionen im Drüsenabschnitt, der sich selbst schützt; hier versagt diese Schutzfunktion
Warum die Unterscheidung zählt
Beide Formen verursachen dieselben unspezifischen Anzeichen, entstehen aber aus verschiedenen Gründen und sprechen unterschiedlich auf eine Behandlung an. Häufig liegen sie gemeinsam vor. Ausführlich behandeln wir das im Artikel ESGD oder EGGD – die zwei Formen im Pferdemagen.
Warum der Pferdemagen anfällig ist
Drei anatomische und physiologische Besonderheiten wirken zusammen.
Ein kleiner Magen
Mit einem Fassungsvermögen im Bereich von etwa acht bis fünfzehn Litern ist er für ein Tier dieser Größe klein. Er ist auf viele kleine Portionen ausgelegt, nicht auf wenige große Mahlzeiten.
Fortlaufende Säurebildung
Anders als beim Menschen wird Säure nicht mahlzeitengesteuert freigesetzt, sondern kontinuierlich – auch dann, wenn kein Futter im Magen ist.
Zwei ungleiche Abschnitte
Der obere Abschnitt ist drüsenlos und hat keinen eigenen Schutz. Er ist darauf angewiesen, dass Futter und Speichel puffern.
Der entscheidende Punkt: Speichel gibt es nur beim Kauen
Pferde produzieren Speichel nicht auf Vorrat, sondern ausschließlich während des Kauens. Speichel enthält Bikarbonat und wirkt damit puffernd. Steht kein Futter zur Verfügung, wird nicht gekaut – und der Puffer bleibt aus, während die Säurebildung weiterläuft.
Dazu kommt: Raufutter erfordert deutlich mehr Kauschläge je Kilogramm als Kraftfutter. Eine Ration mit viel Kraftfutter und wenig Heu bedeutet also weniger Kauzeit und weniger Speichel bei gleicher Futtermenge.
Im Vergleich zur natürlichen Fütterung
Frei lebende und ganztägig auf der Weide gehaltene Pferde nehmen über den größten Teil des Tages verteilt Futter auf. Der Magen ist dabei selten leer, und der Puffer ist ständig vorhanden. Boxenhaltung mit festen Fütterungszeiten erzeugt dagegen planmäßig genau die Situation, die problematisch ist – besonders nachts.
Wie häufig es vorkommt
Magenläsionen sind bei Pferden verbreitet, und bei intensiv genutzten Sportpferden werden in Untersuchungen hohe Prävalenzen berichtet – bei Rennpferden im Training reichen die Angaben bis nahe an die Gesamtzahl der untersuchten Tiere heran.
Zur Vorsicht bei Prozentzahlen
In Ratgebern finden sich saubere Tabellen mit Prozentwerten je Disziplin. Diese Genauigkeit gibt die Datenlage nicht her: Die berichteten Häufigkeiten schwanken je nach untersuchter Population, Haltungsform, Trainingsstand und Untersuchungszeitpunkt erheblich, und nicht jede Studie verwendet dieselben Kriterien.
Zwei Aussagen sind gleichwohl belastbar: Die Häufigkeit steigt mit Nutzungsintensität und Stallhaltung, und sie ist bei ganztägigem Weidegang am niedrigsten. Für Dein Pferd sagt keine dieser Zahlen etwas aus – das leistet nur die Untersuchung.
Die Risikofaktoren
Lange Fresspausen
Der am besten belegte Faktor. Schon mehrstündige Unterbrechungen der Futteraufnahme verändern die Verhältnisse im Magen deutlich. Kritisch ist häufig die Nacht, wenn die letzte Heuration früh am Abend gefressen ist.
Belastung
Unter Arbeit steigt der Druck im Bauchraum, der Magen wird komprimiert, und saurer Inhalt gelangt in den ungeschützten oberen Abschnitt. Besonders ungünstig ist Arbeit auf leeren Magen.
Rationsgestaltung
Viel Kraftfutter bei wenig Raufutter bedeutet weniger Kauzeit, weniger Speichel und ein ungünstigeres Milieu im Magen. Große stärkereiche Einzelmahlzeiten verstärken das.
Haltung und Stress
Häufige Wechsel, instabile Gruppen, wenig Sozialkontakt und dichte Turnierkalender gelten als Risikofaktoren – insbesondere für die Form im Drüsenabschnitt.
Entzündungshemmer
Nichtsteroidale Entzündungshemmer greifen in die Prostaglandinbildung ein, die für die Schutzfunktion der Drüsenschleimhaut eine Rolle spielt. Ihre Anwendung gehört in tierärztliche Hand.
Transport
Längere Fahrten verbinden mehrere Faktoren: eingeschränkte Futteraufnahme, ungewohnte Umgebung, körperliche Anspannung.
Eine Präzisierung zum Stress
Man liest häufig, Stress erhöhe die Säureproduktion. So einfach ist es nicht. Für die Form im drüsenlosen Abschnitt steht der Kontakt mit Säure im Vordergrund, nicht deren Menge; für die Form im Drüsenabschnitt eine beeinträchtigte Schutzfunktion. Stress wirkt also eher über Durchblutung, Schleimhautschutz und verändertes Fressverhalten als über eine gesteigerte Säurebildung.
Anzeichen erkennen
Das Grundproblem
Ein erheblicher Teil betroffener Pferde zeigt keine oder nur sehr zurückhaltende Anzeichen. Und die Anzeichen, die auftreten, sind unspezifisch – sie kommen bei vielen anderen Erkrankungen ebenso vor. Aus dem Verhalten allein lässt sich weder ein Magengeschwür feststellen noch ausschließen.
Worauf sich achten lässt
Verhalten
Unwilligkeit beim Satteln und Gurten, Widersetzlichkeit unter dem Reiter, verändertes Sozialverhalten
Futteraufnahme
Wählerisches oder verlangsamtes Fressen, stehen gelassenes Kraftfutter, wiederholtes Leerkauen
Allgemeinbefinden
Gewichtsverlust trotz ausreichender Ration, stumpfes Fell, Leistungsabfall ohne erkennbaren anderen Grund
Verdauung
Wiederkehrende leichte Koliken, Unruhe nach dem Fressen, Flankenschauen
Wann es keine Frage der Beobachtung mehr ist
Anhaltende oder starke Kolik, deutliche Schmerzäußerung, Fieber, Apathie oder Verweigerung von Futter und Wasser sind Notfälle. Dann wird nicht beobachtet, sondern sofort die Tierärztin gerufen.
Die Gastroskopie
Die Magenspiegelung ist die einzige Methode, mit der sich Magenläsionen sicher feststellen, lokalisieren und beurteilen lassen. Blutuntersuchungen liefern hier keine verlässliche Aussage.
Wie eine Untersuchung abläuft
Vorbereitung: Das Pferd muss nüchtern sein, damit der Magen einsehbar ist – üblich ist eine Futterkarenz über Nacht, Wasser wird meist erst kurz vorher entzogen. Die genauen Vorgaben macht die Praxis.
Durchführung: Das Pferd wird sediert und bleibt stehen. Ein etwa drei Meter langes flexibles Endoskop wird über die Nüster eingeführt, ein Beißschutz verhindert Schäden am Gerät. Alle Magenabschnitte werden systematisch beurteilt und dokumentiert.
Dauer: in der Regel eine halbe Stunde bis Stunde einschließlich Vorbereitung und Nachbeobachtung.
Was im Befund stehen sollte
- Getrennte Beurteilung des drüsenlosen und des drüsenhaltigen Abschnitts
- Für den drüsenlosen Abschnitt die übliche Gradeinteilung
- Für den Drüsenabschnitt eine Beschreibung von Lage, Verteilung und Erscheinungsbild – eine Gradeinteilung ist dort fachlich nicht empfohlen
- Bilddokumentation
- Ein Vorschlag zum weiteren Vorgehen einschließlich Kontrolluntersuchung
Ob eine Behandlung angezeigt ist, welche und wie lange, entscheidet die Tierärztin anhand des Befundes. Zum Wirkprinzip des üblicherweise eingesetzten Arzneistoffs haben wir einen eigenen Artikel: Omeprazol beim Pferd.
Vorbeugung
Dies ist der Teil, der bei Dir liegt – und der über die Nachhaltigkeit jeder Behandlung entscheidet. Die folgenden Punkte sind in den Konsensusempfehlungen zum Magengeschwürsyndrom verankert.
| Bereich | Worum es geht | Hintergrund |
|---|---|---|
| Fresspausen | So kurz wie möglich halten, nächtliche Lücken schließen | Ohne Kauen kein Speichel, ohne Futter kein Puffer |
| Raufutterangebot | Möglichst durchgehend verfügbar, gegebenenfalls über Netze oder Raufen verteilt | Verlängert die Fresszeit ohne die Menge zu erhöhen |
| Kraftfutter | Menge begrenzen, kleine Portionen, nach dem Raufutter | Weniger Kauzeit je Kilogramm, ungünstigeres Milieu bei großen Mahlzeiten |
| Vor der Arbeit | Nicht nüchtern arbeiten, vorher Raufutter anbieten | Faserfüllung begrenzt den Säurekontakt des oberen Abschnitts |
| Haltung | Stabile Gruppen, feste Abläufe, Sozialkontakt, Bewegung | Haltungsbedingter Stress gilt besonders für den Drüsenabschnitt als bedeutsam |
| Arzneimittel | Entzündungshemmer nur nach Verordnung und mit geprüfter Notwendigkeit | Eingriff in die Schutzfunktion der Schleimhaut |
Der Satz, auf den es hinausläuft
Eine Behandlung schafft ein Zeitfenster, in dem die Schleimhaut abheilen kann. Was in diesem Zeitfenster an Fütterung und Haltung verändert wird, entscheidet, ob der Erfolg hält. Bleibt alles beim Alten, kehrt der Befund in aller Regel zurück.
Zur Rolle von Ergänzungsfuttermitteln
Ergänzungsfuttermittel sind keine Arzneimittel; Aussagen zur Behandlung von Erkrankungen sind für sie unzulässig, und wir treffen hier keine. Ob neben einer Therapie etwas gefüttert wird, gehört in die Absprache mit der behandelnden Tierärztin – auch weil unter laufender Säurehemmung im Magen ganz andere Bedingungen herrschen als sonst.
Häufige Fragen
Heilen Magengeschwüre von selbst?
In der Regel nicht, solange die auslösenden Bedingungen bestehen bleiben. Die Säurebildung läuft kontinuierlich weiter, und Fresspausen, Belastung oder Haltungsfaktoren wirken fort. Ob und wie behandelt wird, entscheidet die Tierärztin anhand des Befundes – die Anpassung von Fütterung und Haltung ist in jedem Fall Teil der Lösung.
Kann ich Magengeschwüre ohne Gastroskopie erkennen?
Nicht sicher. Die Anzeichen sind unspezifisch, kommen bei vielen anderen Erkrankungen ebenso vor und fehlen bei einem erheblichen Teil betroffener Pferde ganz. Auch Blutuntersuchungen liefern keine verlässliche Aussage. Nur die Gastroskopie zeigt, ob Läsionen vorliegen, wo sie sitzen und wie sie aussehen.
Wie lange muss mein Pferd vor der Gastroskopie nüchtern bleiben?
Der Magen muss leer sein, damit die Schleimhaut beurteilbar ist. Üblich ist eine Futterkarenz über Nacht; Wasser wird meist erst kurz vor der Untersuchung entzogen. Die genauen Vorgaben macht die durchführende Praxis, weil sie von Gerät und Ablauf abhängen.
Darf ich mein Pferd mit Magengeschwür reiten?
Das entscheidet die Tierärztin anhand des Befundes. Unabhängig davon gilt für jedes Pferd: nicht auf leeren Magen arbeiten. Vor der Arbeit Raufutter anzubieten, ist eine der einfachsten und wirksamsten Maßnahmen überhaupt, weil unter Belastung saurer Mageninhalt in den ungeschützten oberen Abschnitt gelangt.
Wie gefährlich sind Magengeschwüre?
Der häufigere Verlauf ist der schleichende: Leistungsabfall, Gewichtsverlust, Verhaltensänderungen über längere Zeit. Ein Durchbruch der Magenwand ist eine sehr seltene Komplikation. Das eigentliche Argument für frühzeitige Abklärung ist deshalb nicht die akute Gefahr, sondern dass ein unerkannter Befund lange bestehen bleibt und sich das Management in dieser Zeit nicht ändert.
Erhöht Stress die Säureproduktion?
So verkürzt ist das nicht zutreffend. Bei der Form im drüsenlosen Abschnitt steht der Kontakt mit Säure im Vordergrund, nicht deren Menge; bei der Form im Drüsenabschnitt eine beeinträchtigte Schutzfunktion der Schleimhaut. Stress wirkt also eher über Durchblutung, Schleimhautschutz und verändertes Fressverhalten – ein relevanter Faktor bleibt er in jedem Fall.
Wie beuge ich am wirksamsten vor?
Bei den Fresspausen. Raufutter möglichst durchgehend verfügbar zu halten und die nächtliche Lücke zu schließen, ist die am besten belegte Einzelmaßnahme – gefolgt davon, nicht auf leeren Magen zu arbeiten, Kraftfuttermengen zu begrenzen und für stabile Haltungsbedingungen zu sorgen.
Helfen Kräuter bei Magengeschwüren?
Diese Frage können wir nicht beantworten, und zwar aus einem grundsätzlichen Grund: Ergänzungsfuttermittel sind keine Arzneimittel, sie durchlaufen keine Zulassung mit Wirksamkeitsnachweis, und Aussagen zur Behandlung von Erkrankungen sind für sie unzulässig. Ein Befund gehört tierärztlich behandelt. Ob zusätzlich etwas gefüttert wird, besprichst Du mit der behandelnden Praxis – auch wegen möglicher Wechselwirkungen und weil unter laufender Säurehemmung andere Bedingungen im Magen herrschen.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Sykes, B. W. et al. (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses. Journal of Veterinary Internal Medicine 29(5)
- Murray, M. J.: Arbeiten zum Einfluss intermittierender Futterkarenz auf die Magenschleimhaut des Pferdes
- Rendle, D. et al. (2018): Equine Glandular Gastric Disease. Equine Veterinary Education
- Coenen, M. & Vervuert, I. (2020): Pferdefütterung. 6. Auflage. Stuttgart: Thieme