Vorab
Dieser Artikel erklärt die anatomischen und krankheitsbezogenen Hintergründe der beiden Formen des Equinen Magengeschwürsyndroms, damit Du einen Gastroskopiebefund einordnen kannst. Er ist keine Therapieanleitung. Diagnose, Behandlung und Dauer legt ausschließlich die behandelnde Tierärztin oder der behandelnde Tierarzt fest.
Kurz gesagt: Der Pferdemagen besteht aus zwei grundverschiedenen Abschnitten. Der obere ist drüsenlos und hat keinen eigenen Säureschutz – Läsionen dort heißen ESGD. Der untere ist Drüsenschleimhaut und schützt sich selbst; Läsionen dort heißen EGGD und entstehen, wenn dieser Schutz versagt. Die Symptome sind für den Besitzer nicht unterscheidbar, Ursachen und Behandlungsaussichten dagegen erheblich. Deshalb entscheidet die Gastroskopie und nicht der Eindruck.
Auf einen Blick
- ESGD entsteht durch Säurekontakt auf ungeschützter Schleimhaut – Hauptfaktoren sind lange Fresspausen und Belastung.
- EGGD entsteht durch eine gestörte Schutzfunktion der Drüsenschleimhaut – Haltungs- und Stressfaktoren stehen im Vordergrund.
- Beide kommen häufig gemeinsam vor. Es handelt sich nicht um Anteile an einer Gesamtmenge, sondern um zwei getrennt zu beurteilende Befunde.
- EGGD spricht auf alleinige Säurehemmung schlechter an und braucht in der Regel länger.
- Für EGGD ist eine Gradeinteilung fachlich nicht empfohlen – hier werden Lage, Verteilung und Erscheinungsbild beschrieben.
Zwei Abschnitte, zwei Bedingungen
Der Pferdemagen ist innen nicht einheitlich ausgekleidet. Etwa das obere Drittel trägt ein drüsenloses Plattenepithel, vergleichbar der Auskleidung der Speiseröhre. Der übrige, größere Teil ist Drüsenschleimhaut. Zwischen beiden verläuft eine deutlich sichtbare Grenzlinie, der Margo plicatus.
Schematisch
Plattenepithel, ohne eigenen Säureschutz
→ hier entsteht ESGD
bildet Säure und Schutzmechanismen
→ hier entsteht EGGD
Der drüsenlose Abschnitt
- Enthält keine Drüsen und bildet keine Schutzstoffe
- Kein eigener Säureschutz
- Angewiesen auf Puffer von außen: Speichel und Futter
- Etwa ein Drittel der Innenfläche
Der Drüsenabschnitt
- Bildet Säure – und zugleich die Schutzmechanismen dagegen
- Schleimschicht, Bikarbonat, gut durchblutete Schleimhaut
- Für dauernden Säurekontakt eingerichtet
- Etwa zwei Drittel der Innenfläche
Der entscheidende Unterschied
Der obere Abschnitt hat keinen eigenen Schutz. Er ist darauf angewiesen, dass Speichel und Futter puffern. Fehlt beides über längere Zeit, liegt die Schleimhaut ungeschützt im sauren Milieu. Speichel bildet das Pferd nur beim Kauen – ohne Futter kein Speichel.
Der untere Abschnitt bildet seinen Schutz selbst. Probleme entstehen dort erst, wenn dieser Mechanismus gestört ist. Deshalb sind es zwei verschiedene Krankheitsgeschehen, die zufällig im selben Organ liegen.
EGUS als Oberbegriff
EGUS steht für Equine Gastric Ulcer Syndrome und ist ein Sammelbegriff. Die Fachliteratur unterscheidet darunter ESGD und EGGD als eigenständige Krankheitsbilder.
Eine Klarstellung zu den oft zitierten Prozentzahlen
Man liest häufig Angaben wie „ESGD macht 60 bis 90 Prozent der Fälle aus, EGGD 10 bis 40 Prozent". Diese Darstellung ist irreführend. Es handelt sich nicht um Anteile an einer Gesamtmenge, die sich zu hundert ergänzen – beide Formen treten häufig gemeinsam auf.
Zutreffend ist: Die berichteten Häufigkeiten schwanken je nach untersuchter Population, Nutzungsrichtung und Rasse erheblich. Für EGGD werden in Untersuchungen an Sportpferden Werte berichtet, die deutlich über den gern zitierten zehn bis vierzig Prozent liegen. Eine belastbare Einzelzahl für „das Pferd" gibt es nicht – und für den Befund Deines Pferdes ist sie ohnehin ohne Bedeutung.
ESGD im Detail
Equine Squamous Gastric Disease – Läsionen im drüsenlosen Abschnitt. Der Mechanismus ist vergleichsweise klar: Säurekontakt auf ungeschützter Schleimhaut.
Wodurch es dazu kommt
- Lange Fresspausen: kein Futter, kein Kauen, kein Speichel – damit fehlt der Puffer
- Belastung: Unter Arbeit steigt der Druck im Bauchraum, saurer Mageninhalt gelangt in den oberen Abschnitt
- Viel Kraftfutter bei wenig Raufutter: weniger Kauzeit, weniger Speichel, ungünstigeres Milieu im Magen
- Arbeit auf leeren Magen: die Kombination aus beidem
Die vergleichsweise gute Nachricht
ESGD spricht auf eine säurehemmende Behandlung gut an, und die auslösenden Faktoren sind überwiegend solche, die sich am Management ändern lassen. Behandlungsdauer und Vorgehen legt die Tierärztin fest; der Teil, der über die Nachhaltigkeit entscheidet, liegt bei Dir.
EGGD im Detail
Equine Glandular Gastric Disease – Läsionen im Drüsenabschnitt. Der Mechanismus ist komplexer: nicht zu viel Säure, sondern ein Versagen der Schutzfunktion gegenüber einer Säuremenge, die dort normalerweise vertragen wird.
Was diskutiert wird
- Haltungs- und Stressfaktoren: gelten als wesentlich; Häufungen wurden unter anderem bei häufigem Betreuerwechsel, hoher Trainingsfrequenz und wenig Ruhetagen beschrieben
- Nichtsteroidale Entzündungshemmer: greifen in die Prostaglandinbildung ein, die für die Schleimhautschutzfunktion eine Rolle spielt
- Individuelle Veranlagung: Rasseunterschiede sind beschrieben
- Bakterielle Beteiligung: wird untersucht, ist aber nicht belegt
Warum EGGD schwieriger ist
Eine Säurehemmung nimmt einen Faktor weg, der bei EGGD nicht im Zentrum steht. Entsprechend fallen die berichteten Ansprechraten niedriger aus als bei ESGD, und die Behandlung dauert in der Regel länger.
In der Fachliteratur werden für EGGD deshalb Kombinationen mit weiteren Arzneistoffen sowie eine konsequente Veränderung der Haltungsbedingungen diskutiert. Welches Vorgehen im Einzelfall angezeigt ist, entscheidet die Tierärztin.
Was hier nicht hingehört
In Ratgebern werden an dieser Stelle regelmäßig Kräuter neben verschreibungspflichtige Wirkstoffe gestellt. Das ist aus zwei Gründen falsch. Erstens sind Ergänzungsfuttermittel keine Arzneimittel, und Aussagen zur Behandlung von Erkrankungen sind für sie unzulässig. Zweitens ergibt es auch pharmakologisch keinen Sinn: Unter laufender Säurehemmung liegt der pH-Wert im Magen deutlich höher als normal – Zubereitungen, deren Rationale am sauren Milieu hängt, treffen dann eine ganz andere Ausgangslage an. Was zusätzlich zu einer Therapie gefüttert wird, gehört deshalb in die Absprache mit der behandelnden Tierärztin und nicht in eine Behandlungsliste.
Der Vergleich
| Merkmal | ESGD | EGGD |
|---|---|---|
| Lage | Drüsenloser oberer Abschnitt | Drüsenabschnitt |
| Mechanismus | Säurekontakt auf ungeschützter Schleimhaut | Gestörte Schutzfunktion der Schleimhaut |
| Im Vordergrund stehende Faktoren | Fresspausen, Belastung, Rationsgestaltung | Haltung, Stress, Arzneimittel |
| Ansprechen auf Säurehemmung | Gut | Zurückhaltender |
| Behandlungsdauer | Kürzer | In der Regel länger |
| Beurteilung im Befund | Gradeinteilung gebräuchlich | Beschreibung nach Lage, Verteilung und Erscheinungsbild |
| Was am Management hängt | Fütterungsrhythmus und Raufutterangebot | Haltungsbedingungen und Belastungssteuerung |
Diagnose und Befund
Die Unterscheidung ist ausschließlich per Gastroskopie möglich. Die Symptome überschneiden sich vollständig: Leistungsabfall, Widersetzlichkeit, Gurtempfindlichkeit, wechselnder Appetit, wiederkehrende leichte Koliken. Aus dem Verhalten lässt sich nicht ableiten, welcher Abschnitt betroffen ist.
Was ein guter Befund enthält
- Getrennte Beurteilung beider Abschnitte – auch wenn nur einer betroffen ist
- Für den drüsenlosen Abschnitt die übliche Gradeinteilung
- Für den Drüsenabschnitt eine Beschreibung von Lage, Verteilung und Erscheinungsbild – eine Gradeinteilung ist hier fachlich nicht empfohlen, weil sie den Befund nicht angemessen abbildet
- Bilddokumentation
- Ein Vorschlag zum weiteren Vorgehen einschließlich Kontrolluntersuchung
Die Kontrollgastroskopie ist der einzige Weg, Abheilung festzustellen. Symptomfreiheit ist kein Nachweis – Läsionen können bestehen bleiben, ohne dass ein Pferd noch auffällt.
Was am Management hängt
Dieser Teil liegt bei Dir, und er entscheidet über die Nachhaltigkeit jeder Behandlung. Die Schwerpunkte unterscheiden sich je nach Befund.
Schwerpunkt bei ESGD
- Möglichst durchgehender Zugang zu Raufutter
- Lange Fresspausen vermeiden
- Kraftfuttermengen begrenzen, auf kleine Portionen verteilen und nach dem Raufutter geben
- Nicht auf leeren Magen arbeiten
Schwerpunkt bei EGGD
- Stabile Gruppen und feste Abläufe
- Ruhetage und Belastungssteuerung überprüfen
- Häufige Wechsel von Umgebung und Betreuung reduzieren
- Entzündungshemmer nur nach tierärztlicher Verordnung und mit geprüfter Notwendigkeit
Der gemeinsame Nenner
Eine Behandlung schafft ein Zeitfenster, in dem die Schleimhaut abheilen kann. Was in diesem Zeitfenster an Fütterung und Haltung verändert wird, entscheidet, ob der Erfolg hält. Bei beiden Formen – nur an unterschiedlichen Stellschrauben.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen ESGD und EGGD?
ESGD betrifft den drüsenlosen oberen Magenabschnitt, der keinen eigenen Säureschutz besitzt; dort steht der Säurekontakt im Vordergrund. EGGD betrifft den Drüsenabschnitt, der Säure und Schutzmechanismen zugleich bildet – dort geht es um ein Versagen dieser Schutzfunktion. Es sind zwei verschiedene Krankheitsgeschehen im selben Organ.
Welche Form kommt häufiger vor?
Das lässt sich nicht seriös in einer Zahl beantworten. Die berichteten Häufigkeiten schwanken je nach untersuchter Population, Nutzungsrichtung und Rasse erheblich, und beide Formen treten häufig gemeinsam auf – es handelt sich also nicht um Anteile, die sich zu hundert Prozent ergänzen. Die verbreitete Angabe „60 bis 90 Prozent ESGD, 10 bis 40 Prozent EGGD" gibt das nicht korrekt wieder.
Warum spricht EGGD schlechter auf eine Säurehemmung an?
Weil bei EGGD nicht die Säuremenge im Zentrum steht, sondern die gestörte Schutzfunktion der Drüsenschleimhaut. Eine Säurehemmung nimmt einen Faktor weg, der dort weniger entscheidend ist. Entsprechend fallen die berichteten Ansprechraten niedriger aus, und in der Fachliteratur werden Kombinationen mit weiteren Wirkstoffen sowie Veränderungen der Haltungsbedingungen diskutiert.
Kann ein Pferd beide Formen gleichzeitig haben?
Ja, das kommt häufig vor. Deshalb sollte ein Gastroskopiebefund beide Abschnitte getrennt beurteilen, auch wenn nur einer auffällig ist. Bei gleichzeitigem Auftreten richtet sich das Vorgehen nach beiden Befunden – die Entscheidung trifft die Tierärztin.
Was ist der Margo plicatus?
Die deutlich sichtbare Grenzlinie zwischen dem drüsenlosen und dem drüsenhaltigen Magenabschnitt. Der Bereich unmittelbar daran ist häufig von Läsionen betroffen und wird bei der Gastroskopie gezielt beurteilt.
Unterscheiden sich die Symptome der beiden Formen?
Nicht verlässlich. Leistungsabfall, Widersetzlichkeit, Gurtempfindlichkeit, wechselnder Appetit und wiederkehrende leichte Koliken kommen bei beiden vor und sind zudem unspezifisch – sie können viele andere Ursachen haben. Aus dem Verhalten lässt sich nicht ableiten, welcher Abschnitt betroffen ist.
Wird EGGD auch in Graden angegeben?
Fachlich wird davon abgeraten. Für den drüsenlosen Abschnitt ist eine Gradeinteilung gebräuchlich; für den Drüsenabschnitt empfiehlt die Fachliteratur stattdessen eine Beschreibung nach Lage, Verteilung und Erscheinungsbild, weil eine Skala das Befundbild dort nicht angemessen abbildet. Ein Befund, der EGGD als „Grad 3" angibt, folgt dieser Empfehlung nicht.
Kann ich zusätzlich zur Behandlung Kräuter füttern?
Das gehört in die Absprache mit der behandelnden Tierärztin. Ergänzungsfuttermittel sind keine Arzneimittel, und Aussagen zur Behandlung von Erkrankungen sind für sie unzulässig. Hinzu kommt ein praktischer Punkt: Unter laufender Säurehemmung liegt der pH-Wert im Magen deutlich höher als normal, sodass Zubereitungen, deren Rationale am sauren Milieu hängt, eine andere Ausgangslage antreffen. Eine Behandlungsliste ist jedenfalls nicht der richtige Ort dafür.
Woran erkenne ich, dass die Behandlung erfolgreich war?
Nur an der Kontrollgastroskopie. Symptomfreiheit ist kein Nachweis – Läsionen können bestehen bleiben, ohne dass ein Pferd noch auffällt. Umgekehrt können Verhaltensänderungen andere Ursachen haben. Wann kontrolliert wird, legt die Tierärztin fest.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Sykes, B. W. et al. (2015): European College of Equine Internal Medicine Consensus Statement – Equine Gastric Ulcer Syndrome in Adult Horses. Journal of Veterinary Internal Medicine 29(5)
- Rendle, D. et al. (2018): Equine Glandular Gastric Disease. Equine Veterinary Education
- Habershon-Butcher, J. L. et al.: Untersuchungen zu Prävalenz und Risikofaktoren der Equinen Glandulären Gastropathie
- Coenen, M. & Vervuert, I. (2020): Pferdefütterung. 6. Auflage. Stuttgart: Thieme