Bei kaum einem anderen Spurenelement liegen zu wenig und zu viel so dicht beieinander. Selen ist lebensnotwendig und in höherer Dosis giftig – und weil es in fast jedem Mineralfutter steckt, entsteht die Überversorgung meist nicht durch Absicht, sondern durch Addition.
Auf einen Blick
- Deutschland gilt als Selenmangelgebiet – das Heu liefert wenig
- Der Abstand zwischen Bedarf und Zuviel ist klein wie bei kaum einem anderen Nährstoff
- Nicht ohne Messung ergänzen – der Blutwert ist einfach zu bestimmen
- Die häufigste Falle ist die Summe aus mehreren Futtermitteln
- Kräuter liefern kein Selen in nennenswerter Menge
Wofür Selen gebraucht wird
Zellschutz – gemeinsam mit Vitamin E
Selen ist Bestandteil von Enzymen, die Zellen vor oxidativen Schäden schützen. Besonders gefordert ist dieser Schutz dort, wo viel Sauerstoff umgesetzt wird: in der Muskulatur. Deshalb zeigt sich ein Mangel dort zuerst.
Vitamin E arbeitet im selben System und an derselben Aufgabe. Die beiden werden deshalb zusammen betrachtet – ein Mangel an einem lässt sich durch den anderen nicht ersetzen, aber die Versorgungslage des einen beeinflusst, wie viel vom anderen gebraucht wird.
Warum hierzulande wenig ankommt
Es fängt im Boden an
Mitteleuropa gehört zu den selenarmen Regionen. Was im Boden nicht vorhanden ist, kann die Pflanze nicht aufnehmen – und was in der Pflanze fehlt, fehlt im Heu. Anders als in einigen Regionen der Welt, in denen Pferde über das Grundfutter zu viel Selen aufnehmen, ist die Ausgangslage hier umgekehrt.
Deshalb ist Selen in Mineralfuttermitteln enthalten – und das ist sinnvoll. Zum Problem wird es erst, wenn mehrere Quellen zusammenkommen.
Zeichen eines Mangels
Beim Fohlen
Die ernsteste Form: eine Muskelerkrankung neugeborener und junger Fohlen, bei der Skelett- und Herzmuskulatur geschädigt werden. Betroffene Tiere sind schwach, bewegungsunlustig, haben Schwierigkeiten beim Saugen – das ist ein Notfall.
Beim erwachsenen Pferd
Unspezifisch: nachlassende Leistung, Muskelverspannungen, längere Erholung nach Arbeit, bei deutlicher Unterversorgung auch Muskelschäden.
Und beim Immunsystem
Eine Unterversorgung wird mit erhöhter Infektanfälligkeit in Verbindung gebracht – auch das ist unspezifisch und taugt nicht als Beweis.
Das Problem daran
Nichts davon ist typisch genug, um daraus auf Selen zu schließen. Genau deshalb wird gemessen und nicht vermutet.
Und die andere Seite
Selenüberversorgung sieht anders aus, als man denkt
Eine chronische Überversorgung zeigt sich an Haaren und Hufen – weil Selen in das Keratin eingebaut wird und dessen Struktur stört:
- Haarverlust an Mähnenkamm und Schweifrübe, oft das erste Zeichen
- Querrisse und Ringe an der Hufwand, Veränderungen am Kronrand
- Lahmheit bei fortgeschrittener Hufschädigung
- Mattigkeit und Abmagerung
Das Tückische: Haarverlust und schlechtes Horn werden fast immer als Mangel gedeutet – und dann wird nachgelegt. Damit verstärkt sich genau das, was man beheben wollte.
Messen statt schätzen
Der Blutwert klärt es
Der Selengehalt lässt sich im Blut bestimmen – das ist weder aufwendig noch teuer und geschieht häufig im Rahmen eines ohnehin anstehenden Blutbilds. Ein zweiter Weg führt über die Aktivität des selenabhängigen Enzyms, das die längerfristige Versorgung abbildet. Welcher Weg sinnvoll ist, entscheidet die Praxis.
Und ein zweiter Schritt gehört dazu: Ergänzt wird nicht blind, sondern so viel, wie nach Rationsberechnung fehlt – und danach wird noch einmal gemessen. Eine Ergänzung ohne Kontrolle ist bei Selen der Fehler, der am häufigsten gemacht wird.
Die Rechenfalle
Wie eine Überversorgung tatsächlich entsteht
Fast nie durch ein einzelnes Präparat, sondern durch die Summe. Ein typischer Fall:
- Ein Mineralfutter – enthält Selen, soll es auch
- Ein Müsli oder Kraftfutter – ist in aller Regel ebenfalls mineralisiert
- Ein Ergänzungsmittel für Muskulatur, Fell oder Leistung – häufig mit Selen und Vitamin E
- Dazu bei Bedarf eine Kur, die dasselbe noch einmal mitbringt
Jedes Produkt für sich ist korrekt dosiert. Addiert ergibt es ein Vielfaches – und niemand rechnet nach, weil jeder nur sein eigenes Etikett ansieht.
Was dagegen hilft
- Empfehlung: Alle Etiketten nebeneinanderlegen und die Selengehalte zusammenzählen – das kostet zehn Minuten
- Empfehlung: Auf die angegebene Menge achten, nicht nur auf den Gehalt je Kilogramm: Entscheidend ist, wie viel das Pferd tatsächlich bekommt
- Empfehlung: Vor jeder neuen Ergänzung prüfen, ob Selen schon enthalten ist
- Empfehlung: Bei mehreren Quellen die Ration durchrechnen lassen (Bioverfügbarkeit von Mineralstoffen)
- Empfehlung: Nichts auf Verdacht zufüttern – bei Selen gilt das besonders
Häufige Fragen
Braucht mein Pferd Selen?
Ja, es ist lebensnotwendig – aber ob es zufüttert werden muss, hängt von der Ration ab. Mitteleuropa gilt als selenarme Region, deshalb ist Selen in Mineralfuttermitteln enthalten, und das ist sinnvoll.
Zum Problem wird es, wenn mehrere Quellen zusammenkommen. Die Frage ist deshalb nicht „brauche ich Selen“, sondern „wie viel bekommt mein Pferd schon“.
Woran erkenne ich einen Mangel?
Beim erwachsenen Pferd an nichts Eindeutigem: nachlassende Leistung, Muskelverspannungen, längere Erholung – das passt zu vielem.
Eindeutig ist nur die Form beim Fohlen, bei der Skelett- und Herzmuskulatur geschädigt werden; das ist ein Notfall. Beim erwachsenen Pferd gilt: messen statt vermuten.
Wie zeigt sich zu viel Selen?
An Haaren und Hufen – Haarverlust an Mähnenkamm und Schweifrübe, Querrisse und Ringe an der Hufwand, Veränderungen am Kronrand, bei fortgeschrittener Schädigung Lahmheit.
Das Tückische: Genau diese Zeichen werden meist als Mangel gedeutet – und dann wird nachgelegt. Damit verstärkt sich, was man beheben wollte.
Wie wird gemessen?
Über das Blut – weder aufwendig noch teuer, häufig im Rahmen eines ohnehin anstehenden Blutbilds. Daneben gibt es einen Weg über die Aktivität des selenabhängigen Enzyms.
Und dazu gehört der zweite Schritt: nach einer Ergänzung noch einmal kontrollieren.
Wie kommt es zu einer Überversorgung?
Durch die Summe, fast nie durch ein einzelnes Produkt. Mineralfutter plus Müsli plus ein Ergänzungsmittel für Muskulatur oder Fell – alle drei enthalten Selen, jedes für sich korrekt dosiert.
Niemand rechnet nach, weil jeder nur sein eigenes Etikett ansieht. Alle Etiketten nebeneinanderlegen und zusammenzählen kostet zehn Minuten.
Was hat Vitamin E damit zu tun?
Beide arbeiten im selben System am Zellschutz, besonders in der Muskulatur. Deshalb werden sie zusammen betrachtet – und deshalb enthalten viele Präparate beides.
Ersetzen kann eines das andere nicht. Wer ein Kombipräparat gibt, bringt aber beides mit und sollte das in die Rechnung einbeziehen.
Liefern Kräuter Selen?
Nicht in nennenswerter Menge. Ein nachgewiesener Mangel wird über ein Mineralfutter oder ein gezieltes Präparat ausgeglichen, nicht über eine Kräutermischung.
Wir sagen das, obwohl wir Kräuter verkaufen – wer darauf setzt, wo ein Spurenelement fehlt, verliert Zeit.
Kann ich vorsichtshalber etwas zufüttern?
Bei Selen ausdrücklich nicht. Der Abstand zwischen Bedarf und Zuviel ist klein wie bei kaum einem anderen Nährstoff, und eine Überversorgung schädigt Haare und Hufe.
Ergänzt wird, was nach Messung und Rationsberechnung fehlt – und danach wird kontrolliert.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden
- National Research Council: Nutrient Requirements of Horses
- Coenen, M. & Vervuert, I.: Pferdefütterung. Stuttgart: Thieme
- Arbeiten zur Selenversorgung und zur Selenintoxikation beim Pferd, unter anderem zu Veränderungen an Haar und Hufhorn
- Arbeiten zur ernährungsbedingten Muskeldegeneration bei Fohlen