Vitamin E ist das Beispiel dafür, dass ein Nährstoff im Futter stecken kann und trotzdem nicht ankommt. Im frischen Gras ist reichlich davon – im Heu desselben Bestandes nach einigen Monaten fast nichts mehr. Das macht die Monate ohne Weide zum eigentlichen Thema.
Auf einen Blick
- Gras ist die Quelle, Heu praktisch nicht – der Gehalt fällt bei der Lagerung stark ab
- Betroffen sind Pferde ohne Weide, besonders über den Winter
- Die Spanne nach oben ist weit – anders als bei Selen
- Natürliches Vitamin E wird besser verwertet als synthetisches
- Bei neurologischen Auffälligkeiten gehört der Wert gemessen
Wofür es gebraucht wird
Schutz der Zellmembranen
Vitamin E sitzt in den Membranen der Zellen und fängt dort reaktive Verbindungen ab, bevor sie Schaden anrichten. Gefordert ist das überall, wo viel Sauerstoff umgesetzt wird – vor allem in Muskel- und Nervengewebe.
Selen arbeitet im selben System, aber an anderer Stelle: Es ist Bestandteil von Enzymen, die bereits entstandene Verbindungen unschädlich machen. Die beiden ergänzen sich und ersetzen einander nicht (Selen beim Pferd).
Warum Heu kaum etwas liefert
Der Verlust beginnt beim Schnitt
Frisches Gras enthält reichlich Vitamin E. Beim Trocknen auf dem Feld geht ein erheblicher Teil verloren – durch Sonnenlicht und Sauerstoff – und während der Lagerung sinkt der Gehalt weiter. Nach einigen Monaten im Lager ist kaum noch etwas vorhanden.
Daraus folgt der entscheidende Punkt: Ein Pferd, das von Herbst bis Frühjahr ausschließlich Heu bekommt, hat über Monate praktisch keine Zufuhr aus dem Grundfutter – und das Heu wird mit jedem Monat ärmer, nicht reicher. Gegen Ende des Winters ist die Lage am ungünstigsten, also genau dann, wenn Fellwechsel und erste Arbeit anstehen.
Und Heulage?
Auch dort geht Vitamin E verloren, wenn auch auf anderem Weg. Verlass ist auf keines der konservierten Grundfutter – die einzige verlässliche natürliche Quelle ist frisches Grün.
Welche Pferde betroffen sind
Ohne Weidegang
Die größte Gruppe. Pferde in reiner Stallhaltung, auf abgefressenen Ausläufen oder mit stark begrenztem Weidezugang.
Über den Winter
Betrifft fast alle – die Frage ist nur, wie lang die Zeit ohne Gras ist und wie alt das Heu am Ende der Saison.
Bei hoher Belastung
Wer mehr Sauerstoff umsetzt, verbraucht mehr Schutz. Sport- und Zuchttiere haben einen höheren Bedarf, ebenso wachsende Pferde.
Und bei Erkrankung
Bei neurologischen und muskulären Erkrankungen spielt die Versorgung eine Rolle – dort gehört sie gemessen und nicht geschätzt.
Was ein Mangel anrichtet
Erst unspezifisch
Nachlassende Leistung, längere Erholung nach Arbeit, Muskelverspannungen, mattes Fell – nichts davon weist auf Vitamin E, und genau das macht es schwierig. Ein Mangel entwickelt sich zudem langsam, über Monate.
Und in ausgeprägten Fällen ernst
Bei langem, deutlichem Mangel sind beim Pferd Erkrankungen des Nervensystems und der Muskulatur beschrieben – darunter eine Erkrankung der motorischen Nervenzellen mit Muskelschwund, Zittern und veränderter Haltung, sowie eine Form, die junge Pferde mit entsprechender Veranlagung betrifft und sich in Bewegungsstörungen äußert.
Das sind keine häufigen Erkrankungen – aber sie sind der Grund, warum bei neurologischen Auffälligkeiten der Vitamin-E-Wert zur Abklärung gehört. Und sie sind teilweise nicht rückgängig zu machen, was die Vorsorge wichtiger macht als die Behandlung.
Natürlich oder synthetisch
Ein Unterschied, der auf dem Etikett steht
Natürliches Vitamin E wird vom Pferd deutlich besser verwertet als synthetisches. Chemisch liegt das daran, dass die synthetische Variante ein Gemisch verschiedener Formen ist, von denen der Körper nur einen Teil gut nutzen kann; die natürliche besteht ganz aus der gut verwertbaren Form.
Erkennbar ist das an der Bezeichnung: Die natürliche Form wird mit einem vorangestellten RRR gekennzeichnet, die synthetische mit all-rac oder dem Zusatz dl. Wer vergleicht, sollte das mitlesen – dieselbe Zahl auf dem Etikett bedeutet nicht dasselbe im Pferd.
Und die Darreichung
Vitamin E ist fettlöslich und wird besser aufgenommen, wenn Fett dabei ist. Präparate in wasserlöslich aufbereiteter Form werden besser verwertet als pulverförmige – das spielt vor allem dann eine Rolle, wenn ein nachgewiesener Mangel ausgeglichen werden soll. Was im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet die tierärztliche Praxis.
Messen
Über das Blut – mit einer Besonderheit
Der Vitamin-E-Gehalt lässt sich im Blut bestimmen. Dabei ist die Probenbehandlung wichtiger als bei anderen Werten: Vitamin E ist lichtempfindlich, die Probe muss zügig verarbeitet und vor Licht geschützt werden. Wo das nicht geschieht, fällt der Wert zu niedrig aus – und man ergänzt gegen einen Mangel, der keiner ist.
Sinnvoll ist die Messung bei neurologischen Auffälligkeiten, bei unklaren Muskelproblemen und bei Pferden, die seit langem keinen Weidegang hatten.
Der Unterschied zu Selen
| Vitamin E | Selen | |
|---|---|---|
| Quelle | Frisches Gras; Heu kaum | Boden über die Pflanze – hierzulande wenig |
| Warum es fehlt | Verlust bei Konservierung und Lagerung | Von Anfang an wenig vorhanden |
| Spanne nach oben | Weit – eine Überversorgung ist schwer zu erreichen | Eng – zu viel schädigt Haare und Hufe |
| Vor dem Ergänzen | Messen sinnvoll, vor allem bei Beschwerden | Messen zwingend |
Warum das praktisch zählt
Die beiden stecken häufig im selben Präparat, weil sie zusammengehören. Das bedeutet aber auch: Wer Vitamin E ergänzt, ergänzt oft Selen mit – und gerät bei mehreren Quellen genau in die Rechenfalle, die bei Selen gefährlich ist. Wer gezielt Vitamin E geben will, sollte deshalb prüfen, ob ein Präparat ohne Selen die bessere Wahl ist.
Häufige Fragen
Enthält Heu kein Vitamin E?
Kaum. Frisches Gras enthält reichlich davon, beim Trocknen geht ein erheblicher Teil verloren, und während der Lagerung sinkt der Gehalt weiter.
Nach einigen Monaten im Lager ist fast nichts mehr vorhanden. Das Heu wird mit jedem Monat ärmer, nicht reicher – gegen Ende des Winters ist die Lage am ungünstigsten.
Welche Pferde sind gefährdet?
Vor allem solche ohne Weidegang – in reiner Stallhaltung, auf abgefressenen Ausläufen oder mit stark begrenztem Zugang.
Dazu kommen hohe Belastung, Wachstum und Trächtigkeit sowie Pferde mit neurologischen oder muskulären Erkrankungen.
Woran erkenne ich einen Mangel?
Zunächst an nichts Eindeutigem: nachlassende Leistung, längere Erholung, Muskelverspannungen, mattes Fell. Das passt zu vielem, und ein Mangel entwickelt sich langsam.
In ausgeprägten Fällen sind Erkrankungen von Nervensystem und Muskulatur beschrieben. Deshalb gehört der Wert bei neurologischen Auffälligkeiten zur Abklärung.
Natürliches oder synthetisches Vitamin E?
Natürliches wird deutlich besser verwertet. Erkennbar ist es an der Bezeichnung: ein vorangestelltes RRR steht für die natürliche Form, all-rac oder dl für die synthetische.
Dieselbe Zahl auf dem Etikett bedeutet nicht dasselbe im Pferd – wer vergleicht, sollte das mitlesen.
Kann man zu viel geben?
Die Spanne nach oben ist weit – anders als bei Selen ist eine Überversorgung schwer zu erreichen.
Aber: Vitamin E und Selen stecken häufig im selben Präparat. Wer Vitamin E ergänzt, ergänzt dann Selen mit – und dort ist die Spanne eng. Ein Präparat ohne Selen kann die bessere Wahl sein.
Wie wird gemessen?
Über das Blut – mit einer Besonderheit: Vitamin E ist lichtempfindlich, die Probe muss zügig verarbeitet und vor Licht geschützt werden.
Geschieht das nicht, fällt der Wert zu niedrig aus – und man ergänzt gegen einen Mangel, der keiner ist.
Reicht Weidegang im Sommer für das ganze Jahr?
Nein. Vitamin E wird nur begrenzt gespeichert, und die Vorräte tragen nicht über einen ganzen Winter.
Deshalb ist die Zeit ohne Gras das eigentliche Thema – und das Ende des Winters der ungünstigste Zeitpunkt.
Liefern Kräuter Vitamin E?
Nicht in Mengen, die einen Mangel ausgleichen. Tocopherole stecken vor allem in Ölen und Saaten – aber die Mängel, um die es geht, lassen sich darüber nicht decken.
Wer einen nachgewiesenen Mangel hat, braucht ein gezieltes Präparat in abgestimmter Form. Wir sagen das, obwohl wir Kräuter verkaufen.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Gesellschaft für Ernährungsphysiologie (2014): Empfehlungen zur Energie- und Nährstoffversorgung von Pferden
- National Research Council: Nutrient Requirements of Horses
- Coenen, M. & Vervuert, I.: Pferdefütterung. Stuttgart: Thieme
- Finno, C. J. & Valberg, S. J.: Übersichtsarbeiten zur Vitamin-E-Versorgung beim Pferd und zu vitamin-E-assoziierten neurologischen Erkrankungen
- Arbeiten zum Vitamin-E-Gehalt von Grünfutter, Heu und Silage in Abhängigkeit von Konservierung und Lagerdauer