Kurz gesagt: Das Lungenkraut ist eine der siliciumreichsten Arzneidrogen Mitteleuropas – und anders als beim bekannteren Schachtelhalm liegt das Silicium hier von vornherein in löslicher Form vor. Dazu eine reiche Schleimstofffraktion, über ein Prozent Allantoin und Rosmarinsäure. Eine Pflanze mit langer Überlieferung bei den Atemwegen, an der die Forschung erst in den letzten Jahren angesetzt hat.
Steckbrief
- Arzneidroge
- Pulmonariae herba – Lungenkraut, auch Fleckenkraut, Boxkraut oder Hänsel und Gretel
- Stammpflanze
- Pulmonaria officinalis
- Familie
- Raublattgewächse (Boraginaceae) – verwandt mit Beinwell und Borretsch
- Verwendeter Teil
- Das blühende Kraut, ausschließlich oberirdische Teile
- Kennzeichnend
- Über 2,5 % lösliche Kieselsäure, Schleimpolysaccharide, 1 bis 1,2 % Allantoin
- Weitere Inhaltsstoffe
- Bis 4 % Catechingerbstoffe, bis 2 % Gallotannine, Flavonoide, Rosmarin- und Chlorogensäure
Auf einen Blick
- Über 2,5 % lösliche Kieselsäure – ein Wert, den kaum eine andere heimische Droge erreicht
- Löslich statt polymerisiert – der Unterschied zum Schachtelhalm
- Schleimstoffe und Allantoin in einer Droge – eine ungewöhnliche Kombination
- Neun zuvor unbeschriebene Verbindungen wurden erst kürzlich gefunden
- Das Kraut, nicht die Wurzel – der Pflanzenteil ist hier das Qualitätsmerkmal
Lungenkraut: die Pflanze und ihre Droge
Das Lungenkraut blüht im zeitigen Frühjahr in schattigen Laubwäldern, oft bevor die Bäume austreiben. Es wird 15 bis 30 Zentimeter hoch, die Blätter sind rau behaart und weiß gefleckt.
Warum an einer Pflanze rosa und blaue Blüten stehen
Die Blüten öffnen sich rosa bis rot und schlagen später nach blau bis violett um. Ursache ist eine Änderung des Säuregrads im Zellsaft, die den Blütenfarbstoff umfärbt – dasselbe Prinzip, nach dem Rotkohl je nach Zubereitung rot oder blau wird.
Für die Pflanze hat das einen Zweck: Bestäubende Insekten lernen, dass nur die rosa Blüten Nektar bieten, und sparen sich die alten. Volkstümlich heißt die Pflanze deshalb mancherorts „Hänsel und Gretel“ – wegen der zwei Farben an einem Stängel.
Woher der Name kommt
Der Gattungsname geht auf das lateinische pulmo für Lunge zurück, und er stammt aus der Signaturenlehre – jenem Ordnungssystem der frühen Neuzeit, nach dem Pflanzen durch ihre Gestalt anzeigen, wofür sie taugen. Die weiß gefleckten Blätter erinnerten an Lungengewebe.
Wie diese Lehre einzuordnen ist
Die Signaturenlehre war der Versuch, eine unübersichtliche Pflanzenwelt zu ordnen, in einer Zeit ohne jede Analysemöglichkeit. Paracelsus formulierte sie als Grundsatz: Die Natur zeichne jedes Gewächs für das, wozu es gut sei. Als Zuordnungssystem funktionierte sie – sie machte Wissen merkbar und weitergebbar, lange bevor man Inhaltsstoffe bestimmen konnte.
Beim Lungenkraut ist das Ergebnis bemerkenswert: Was die Alten über die Blattzeichnung fanden, ist tatsächlich eine schleimstoffreiche, außerordentlich siliciumreiche Droge – und Silicium ist ein Bestandteil des Bindegewebes, aus dem auch die Lunge zu einem erheblichen Teil besteht. Ob das Zufall war oder ob die Signatur eine bereits bestehende Anwendung nachträglich begründete, lässt sich heute nicht mehr klären. Die Überlieferung selbst ist älter als ihre Begründung.
Was im Lungenkraut steckt
Der Gehalt
bis 15 %Mineralstoffanteil der Droge insgesamt – ein für Kräuter hoher Wert.
Davon löslich
über 2,5 %Lösliche Kieselsäure. Genau darauf kommt es an.
Warum „löslich“ das entscheidende Wort ist
Silicium kommt in Pflanzen in sehr unterschiedlicher Form vor. Beim Schachtelhalm, der als siliciumreichste Heilpflanze gilt, liegt es überwiegend polymerisiert vor – als festes Siliciumdioxid, das sich kaum löst. Deshalb hängt dort viel von der Zubereitung ab: Abkochen erhöht den löslichen Anteil, trockene Gabe liefert vor allem unlösliche Struktur.
Beim Lungenkraut ist ein erheblicher Teil von vornherein gelöst. Das ist ein realer Unterschied zwischen zwei Drogen, die in derselben Schublade geführt werden – und er spricht für das Lungenkraut, wo es um Silicium geht. Mehr zu dieser Unterscheidung im Artikel Kieselsäure und Vitamin C beim Pferd.
Was daraus nicht folgt
Dass Silicium ein Bestandteil von Bindegewebe ist, ist gesichert. Ob eine Zufütterung beim Pferd eine messbare Wirkung auf die Atemwege hat, ist es nicht – dazu gibt es keine Untersuchung. Wir nennen den Gehalt, weil er nachprüfbar ist, und lassen die Schlussfolgerung offen. Was Belege in der Phytotherapie bedeuten.
Schleimstoffe, Allantoin, Gerbstoffe
Die Kieselsäure ist nicht der einzige Grund, warum diese Droge interessant ist. Die Zusammensetzung ist ungewöhnlich vielseitig.
Schleimpolysaccharide
Vielfachzucker aus Polygalacturonanen, Arabinogalactanen und Rhamnogalacturonanen. Sie binden Wasser und bilden zähe Lösungen – die Stoffgruppe, die Eibisch und Spitzwegerich ihre Stellung in der Atemwegsphytotherapie verschafft hat.
Allantoin
Mit 1 bis 1,2 Prozent in beachtlicher Menge enthalten. Allantoin ist der Stoff, für den der verwandte Beinwell bekannt ist – dort steht er im Zusammenhang mit der Gewebeneubildung.
Gerbstoffe
Bis etwa 4 Prozent Catechingerbstoffe und bis zu 2 Prozent Gallotannine. Gerbstoffe wirken zusammenziehend auf Oberflächen – der Grund für den leicht herben Geschmack.
Phenolsäuren und Flavonoide
Rosmarinsäure und Chlorogensäure, dazu bis etwa 0,6 Prozent Flavonoide, überwiegend Glykoside des Kämpferols und Quercetins.
Die ungewöhnliche Kombination
Schleimstoffe und Gerbstoffe in einer Droge sind selten – die beiden Stoffgruppen verhalten sich an Oberflächen unterschiedlich: Schleimstoffe legen sich auf, Gerbstoffe ziehen zusammen. In der Phytotherapie gilt das Zusammenwirken solcher gegensätzlicher Eigenschaften seit jeher als kennzeichnend für Drogen mit breiter Anwendungstradition. Dass zusätzlich Allantoin und lösliches Silicium enthalten sind, macht das Lungenkraut zu einer der vielseitigsten heimischen Atemwegsdrogen.
Was die Forschung gerade findet
Neun zuvor unbeschriebene Verbindungen
Eine phytochemische Untersuchung der oberirdischen Teile fand 45 phenolische Verbindungen, davon neun bislang nicht beschrieben – darunter Ester der Kaffeesäure, Verbindungen der Dikaffeesäure mit Rosmarinsäure und bisher unbekannte Isomere weiterer Säuren. Die Strukturen wurden kernresonanzspektroskopisch aufgeklärt.
Die Arbeit untersuchte außerdem, wie sich die Gehalte zwischen Frühjahr und Herbst verändern – ein Hinweis darauf, dass der Erntezeitpunkt auch bei dieser Droge eine Rolle spielt.
Was das über die Datenlage sagt
Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass zur Zusammensetzung dieser Pflanze bislang nur sehr wenige Daten vorliegen. Das ist bezeichnend: Eine Droge mit jahrhundertelanger Anwendung, deren chemische Erschließung gerade erst beginnt. Für die Bewertungsgremien liegt deshalb keine Monographie vor – nicht weil etwas gegen die Pflanze spräche, sondern weil die Grundlagen dafür erst entstehen.
Die Anwendungstradition
In der europäischen Volksheilkunde wird das Lungenkraut seit dem Mittelalter bei Erkrankungen der Atemwege verwendet – überliefert sind Anwendungen bei Husten, bei Heiserkeit und bei langwierigen Beschwerden der Bronchien. Es ist in den Kräuterbüchern der frühen Neuzeit verzeichnet und hat sich in der Hausapotheke bis heute gehalten.
Warum sie sich gehalten hat
Drogen verschwinden aus dem Gebrauch, wenn sie nichts leisten – die Überlieferungsgeschichte ist auch eine Auswahlgeschichte. Dass das Lungenkraut über Jahrhunderte in Gebrauch blieb, obwohl bekanntere Atemwegsdrogen zur Verfügung standen, spricht dafür, dass Anwenderinnen etwas an ihm fanden. Ein Wirksamkeitsnachweis ist das nicht – aber es ist auch nicht nichts, und wir halten beides für erwähnenswert.
Wie es traditionell eingesetzt wird
Als Bestandteil von Mischungen, meist zusammen mit anderen schleimstoffreichen Drogen wie Eibisch, Spitzwegerich oder Königskerze. In dieser Zusammenstellung ergänzt es die Schleimstofffraktion und bringt Silicium und Allantoin mit, die den übrigen Atemwegsdrogen fehlen – das ist der eigentliche Grund, warum es in solchen Mischungen steht.
Lungenkraut in Arzneibuchqualität: woran sich gute Ware erkennen lässt
Das Kraut, nicht die Wurzel
Arzneilich verwendet werden ausschließlich die oberirdischen Teile. Das ist bei dieser Droge mehr als eine Konvention, und es hat einen nachvollziehbaren Grund.
Das Lungenkraut gehört zu den Raublattgewächsen – einer Familie, in der Pyrrolizidinalkaloide vorkommen. Eine Untersuchung in Planta Medica hat gemessen, wo diese in der Pflanze sitzen: in Wurzel und Rhizom in messbarer Menge, in Blättern und Blüten nur in Spuren – um etwa den Faktor hundert bis vierhundert niedriger. Die Autoren schließen daraus, dass die Spurenmengen bei ausschließlicher Verwendung des Krauts kein Problem darstellen dürften.
Was das praktisch bedeutet
Die Beschränkung auf das Kraut ist der Grund, warum diese Droge unbedenklich verwendbar ist – und genau deshalb gehört sie deklariert. „Enthält Lungenkraut“ ohne Angabe des Pflanzenteils lässt die Frage offen, auf die es ankommt. Bei Ware mit Arzneibuchspezifikation ist der Pflanzenteil festgelegt und geprüft; bei Futtermittelware ist er offen. Dasselbe Prinzip kennst Du von der Mariendistel, wo der Pflanzenteil über den Gehalt entscheidet.
Woran sich gute Ware erkennen lässt
- Merkmal: Pflanzenteil angegeben – blühendes Kraut, keine Wurzelanteile
- Merkmal: Stammpflanze benannt – die Gattung umfasst mehrere ähnliche Arten
- Merkmal: Blütenanteile sichtbar – rosa und blau, ein Zeichen für Ernte zur Blütezeit
- Merkmal: Gefleckte Blätter erkennbar, grüne Farbe, kein muffiger Geruch
- Merkmal: Prüfung auf Reinheit nach Arzneibuchmaßstab
Anwendungsgrenzen
Zurückhaltung bei
- Tragenden und laktierenden Stuten
- Fohlen und Jungtieren – es liegen keine Daten vor
- Bestehenden Lebererkrankungen
- Laufender Medikation – dann gehört jede zusätzliche Gabe mit der Praxis abgestimmt
Zur Anwendungsdauer
Üblich ist die kurweise Anwendung mit Pausen. Das entspricht dem allgemeinen Vorgehen bei Arzneidrogen und ist bei einer Pflanze, deren Zusammensetzung erst in Erschließung ist, die angemessene Zurückhaltung – nicht mehr und nicht weniger.
Und eine Kombination, von der wir abraten
Lungenkraut wird in älteren Quellen häufig zusammen mit Huflattich genannt. Davon raten wir ab: Huflattich enthält Pyrrolizidinalkaloide in einer Größenordnung, die eine Anwendung bei Tieren über längere Zeiträume ungeeignet macht. Es gibt genügend schleimstoffreiche Drogen ohne diese Eigenschaft – Eibisch, Spitzwegerich und Königskerze etwa.
Häufige Fragen
Was macht das Lungenkraut besonders?
Vor allem der Siliciumgehalt: Der Mineralstoffanteil reicht bis etwa 15 Prozent, und über 2,5 Prozent liegen als lösliche Kieselsäure vor – ein Wert, den kaum eine andere heimische Droge erreicht. Dazu kommt eine ungewöhnliche Kombination: Schleimpolysaccharide, 1 bis 1,2 Prozent Allantoin, Gerbstoffe, Rosmarinsäure und Flavonoide in einer einzigen Pflanze.
Was ist der Unterschied zum Schachtelhalm?
Die Form des Siliciums. Beim Schachtelhalm, der als siliciumreichste Heilpflanze gilt, liegt es überwiegend polymerisiert vor – als festes Siliciumdioxid, das sich kaum löst; deshalb hängt dort viel von der Zubereitung ab. Beim Lungenkraut ist ein erheblicher Teil von vornherein gelöst. Das ist ein realer Unterschied zwischen zwei Drogen, die meist in einem Atemzug genannt werden.
Warum heißt die Pflanze Lungenkraut?
Der Gattungsname geht auf das lateinische pulmo für Lunge zurück und stammt aus der Signaturenlehre – dem Ordnungssystem der frühen Neuzeit, nach dem Pflanzen durch ihre Gestalt anzeigen, wofür sie taugen. Die weiß gefleckten Blätter erinnerten an Lungengewebe.
Bemerkenswert ist, worauf dieses System hier führte: auf eine schleimstoffreiche, außerordentlich siliciumreiche Droge. Ob das Zufall war oder ob die Signatur eine bestehende Anwendung nachträglich begründete, lässt sich nicht mehr klären – die Überlieferung ist älter als ihre Begründung.
Warum stehen rosa und blaue Blüten an einer Pflanze?
Weil sich der Säuregrad im Zellsaft während der Blüte ändert und den Farbstoff umfärbt – dasselbe Prinzip, nach dem Rotkohl je nach Zubereitung rot oder blau wird. Für die Pflanze hat das einen Zweck: Bestäubende Insekten lernen, dass nur die rosa Blüten Nektar bieten. Volkstümlich heißt die Pflanze deshalb mancherorts „Hänsel und Gretel“.
Warum wird nur das Kraut verwendet und nicht die Wurzel?
Weil das Lungenkraut zu den Raublattgewächsen gehört, einer Familie, in der Pyrrolizidinalkaloide vorkommen. Eine Untersuchung hat gemessen, wo diese sitzen: in Wurzel und Rhizom in messbarer Menge, in Blättern und Blüten nur in Spuren – um etwa den Faktor hundert bis vierhundert niedriger. Die Autoren schließen, dass die Spurenmengen bei ausschließlicher Verwendung des Krauts kein Problem darstellen dürften.
Deshalb gehört der Pflanzenteil deklariert: Bei Ware mit Arzneibuchspezifikation ist er festgelegt und geprüft, bei Futtermittelware offen.
Gibt es eine Monographie zum Lungenkraut?
Nein – und der Grund ist bemerkenswert. Eine phytochemische Untersuchung der letzten Jahre hält ausdrücklich fest, dass zur Zusammensetzung dieser Pflanze bislang nur sehr wenige Daten vorliegen; dieselbe Arbeit fand neun zuvor unbeschriebene Verbindungen. Es fehlt also nicht an Eignung, sondern an Grundlagenforschung, die gerade erst entsteht.
Mit welchen Drogen wird es kombiniert?
Traditionell mit anderen schleimstoffreichen Drogen – Eibisch, Spitzwegerich, Königskerze. In solchen Mischungen ergänzt es die Schleimstofffraktion und bringt zusätzlich Silicium und Allantoin mit, die den übrigen Atemwegsdrogen fehlen.
Von einer Kombination raten wir ab: Lungenkraut mit Huflattich, wie sie in älteren Quellen häufig genannt wird. Huflattich enthält Pyrrolizidinalkaloide in einer Größenordnung, die ihn für längere Anwendung bei Tieren ungeeignet macht.
Wann sollte Lungenkraut nicht gegeben werden?
Zurückhaltung ist angezeigt bei tragenden und laktierenden Stuten, bei Fohlen und Jungtieren, für die keine Daten vorliegen, und bei bestehenden Lebererkrankungen. Erhält Dein Pferd Medikamente, gehört jede zusätzliche Kräutergabe mit der behandelnden Praxis abgestimmt. Üblich ist die kurweise Anwendung mit Pausen.
Weiterführende Artikel
Quellen
- Novel Phenolic Constituents of Pulmonaria officinalis L. – LC-MS/MS-Vergleich der Metabolitenprofile von Frühjahr und Herbst
- Haberer, W., Witte, L., Hartmann, T. & Dobler, S. (2002): Pyrrolizidine alkaloids in Pulmonaria obscura. Planta Medica 68 – Verteilung zwischen Wurzel, Rhizom, Blättern und Blüten
- Lüthy, J. et al. (1984): Pyrrolizidin-Alkaloide in Arzneipflanzen der Boraginaceen. Pharmaceutica Acta Helvetiae 59
- Wichtl, M.: Teedrogen und Phytopharmaka. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft
- Brendieck-Worm, C. & Melzig, M. F. (2021): Phytotherapie in der Tiermedizin. 2. Auflage. Stuttgart: Thieme