Gelassenheit lässt sich nicht füttern und nicht herbeitrainieren – sie entsteht, wenn mehrere Dinge gleichzeitig stimmen. Dieser Artikel ist der Umsetzungsplan: was in welcher Reihenfolge angegangen wird und woran sich erkennen lässt, ob es wirkt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Reihenfolge entscheidet: erst Schmerz, dann Haltung, dann Training
- Eine Veränderung auf einmal – sonst bleibt unklar, was gewirkt hat
- Dokumentieren statt erinnern: Video am Anfang, Video nach acht Wochen
- Rechne in Monaten, nicht in Wochen
- Vor Turnierstarts gehört jede Mischung auf ihre Zusammensetzung geprüft
Die Reihenfolge
Warum sie wichtiger ist als die einzelne Maßnahme
Ein Pferd mit Schmerzen wird durch Training nicht gelassener, sondern mürber. Und ein Pferd, das dreiundzwanzig Stunden steht, wird durch die beste Bodenarbeit nicht ausgeglichen. Wer in der falschen Reihenfolge arbeitet, verliert Monate.
Die Reihenfolge lautet: Schmerz ausschließen → Grundbedürfnisse decken → Abläufe verlässlich machen → trainieren. Was weiter unten steht, wirkt erst, wenn das darüber steht.
Haltung
Bewegung
Freie Bewegung über den größten Teil des Tages. Eine Stunde Arbeit ersetzt nicht dreiundzwanzig Stunden Stehen – auch dann nicht, wenn sie anstrengend war.
Gesellschaft
Kontakt zu anderen Pferden, möglichst mit Berührung und in stabiler Zusammensetzung. Häufig wechselnde Gruppen belasten mehr als eine ungewohnte Rangordnung.
Fresszeit
Kurze Pausen zwischen den Mahlzeiten. Der Pferdemagen produziert durchgehend Säure – eine lange Pause bedeutet ungeschützte Schleimhaut, und das macht kein Pferd gelassener.
Liegen
Der am häufigsten übersehene Punkt: Echter Schlaf setzt Liegen voraus. Wo Platz, Untergrund oder Ruhe fehlen, fehlt Erholung – mit allen Folgen.
Wenn sich der Stall nicht wechseln lässt
Dann wird das Erreichbare ausgereizt: mehr Auslaufzeit aushandeln, einen Paddocknachbarn organisieren, Fresszeiten strecken, täglich bewegen. Das ist nicht dasselbe, aber es ist deutlich mehr als nichts – und häufig der realistische Weg.
Abläufe
Vorhersehbarkeit kostet nichts und wirkt sofort
Ein Pferd, das weiß, was als Nächstes kommt, muss nicht aufpassen. Das betrifft den Tagesablauf ebenso wie den Umgang: Putzen in derselben Reihenfolge, Satteln in denselben Schritten, Aufsteigen auf dieselbe Weise.
Und es betrifft die Menschen: Je weniger verschiedene Personen mit unterschiedlichen Vorstellungen am Pferd arbeiten, desto klarer wird es für das Pferd. Wo das nicht zu vermeiden ist, hilft eine Absprache, was wie gemacht wird.
Training
Was ein unsicheres Pferd braucht
- Empfehlung: Aufgaben, die gelingen – Erfolg beruhigt, Überforderung nicht
- Empfehlung: Gleichbleibende Signale; wechselnde Anforderungen verunsichern mehr als hohe
- Empfehlung: Vom Boden beginnen – Führen, Stehen, Weichen, Rückwärts
- Empfehlung: Kurz und häufig statt lang und selten
- Empfehlung: Mit einem Erfolg aufhören, nicht mit dem schwierigsten Schritt
Was Pferde unsicherer macht
Strafe bei Angst – ein ängstliches Pferd kann sein Verhalten nicht steuern; die Strafe verbindet es mit der Situation. Das Aushalten-Lassen bis zur Aufgabe, bei dem ein Pferd so lange in einer Situation gehalten wird, bis es aufhört zu reagieren – was dabei entsteht, ist keine Gelassenheit, sondern Resignation. Und unklare Signale, weil das Pferd dann raten muss.
Der Acht-Wochen-Plan
Acht Wochen sind keine Heilungsdauer – sie sind der Zeitraum, nach dem sich beurteilen lässt, ob die Richtung stimmt.
| Zeitraum | Was passiert |
|---|---|
| Woche 1–2 | Abklären und festhalten: tierärztliche Untersuchung, Zahn- und Sattelkontrolle. Ausgangszustand dokumentieren – kurzes Video beim Putzen, beim Führen, in der Box. Noch nichts ändern |
| Woche 3–4 | Grundlagen: Fresspausen verkürzen, Auslaufzeit erhöhen, Abläufe vereinheitlichen. Kein neues Training – erst soll sich die Basis setzen |
| Woche 5–6 | Bodenarbeit in kurzen Einheiten, mehrmals die Woche. Schwierigkeit niedrig halten |
| Woche 7–8 | Festigen und ausweiten: dasselbe an anderen Orten, mit leicht höherer Anforderung. Am Ende: dasselbe Video wie in Woche 1 |
Die Regel, die den Plan trägt
Eine Veränderung auf einmal. Wer gleichzeitig umstallt, die Ration umstellt, ein Präparat beginnt und neu trainiert, wird am Ende nicht wissen, was gewirkt hat – und es im nächsten Jahr nicht wiederholen können.
Woran sich Fortschritt zeigt
Nicht daran, dass nichts mehr passiert
Ein gelassenes Pferd erschrickt weiterhin. Was sich ändert, ist die Zeit danach – und die lässt sich beobachten:
- Wie schnell frisst es nach einer Aufregung weiter? Das ist der brauchbarste Einzelindikator
- Wie oft muss es sich vergewissern, wo die anderen Pferde sind?
- Wie lange braucht es beim Putzen, bis es wirklich steht?
- Liegt es? Ein Pferd, das sich hinlegt, fühlt sich sicher
Warum das Video so viel wert ist
Veränderungen über Wochen nimmt niemand wahr, der täglich dabei ist. Zwei kurze Aufnahmen im Abstand von acht Wochen zeigen mehr als jede Erinnerung – in beide Richtungen.
Wo Kräuter dazugehören
Als Begleitung einer Umstellung
Die Phytotherapie kennt Drogen, die traditionell in Phasen von Unruhe eingesetzt werden. Sie stehen in diesem Plan ganz unten – nicht weil sie nichts taugen, sondern weil alles darüber zuerst wirken muss.
Vor Turnierstarts gehört jede Mischung geprüft. Einzelne Pflanzen sind in der ADMR als verbotene Substanzen geführt, darunter Baldrian. Und nicht nur Beruhigendes ist betroffen: Salicylathaltige Pflanzen wie Mädesüß oder Weidenrinde sind ebenfalls relevant – sie tauchen in Mischungen auf, ohne dass es jemand erwartet (ADMR-Regeln).
Zum Magnesium
Magnesium ist kein Beruhigungsmittel. Es ist an Muskel- und Nervenfunktion beteiligt, und bei einem tatsächlichen Mangel äußert sich das unter anderem in Übererregbarkeit – ohne Mangel wird der Überschuss ausgeschieden. Ein Mangel ist bei pferdegerechter Ration selten und am Verhalten nicht abzulesen. Wer den Verdacht hat, lässt die Ration durchrechnen.
Aus unserem Sortiment
NERVENSTARK
Nervendrogen in Arzneibuchqualität für die Umstellungsphase – also für die Wochen, in denen sich an Haltung und Abläufen etwas ändert. Vor Turnierstarts die Zusammensetzung prüfen.
MAGENWOHL
Für die Magenseite, solange die Fresspausen noch lang sind – also genau in der Phase, in der daran gearbeitet wird.
DARMWOHL
Wenn die Ration umgestellt wird: mehr Raufutter, weniger Getreide.
Häufige Fragen
Womit fange ich an?
Mit dem Ausschluss von Schmerz, dann mit den Grundbedürfnissen, dann mit den Abläufen – und erst danach mit Training.
Die Reihenfolge ist wichtiger als die einzelne Maßnahme: Ein Pferd mit Schmerzen wird durch Training nicht gelassener, sondern mürber.
Wie lange dauert es?
Rechne in Monaten. Acht Wochen sind der Zeitraum, nach dem sich beurteilen lässt, ob die Richtung stimmt – nicht, bis alles erledigt ist.
Und: eine Veränderung auf einmal. Wer gleichzeitig umstallt, umfüttert und neu trainiert, weiß am Ende nicht, was gewirkt hat.
Woran erkenne ich, dass es wirkt?
Nicht daran, dass nichts mehr passiert – ein gelassenes Pferd erschrickt weiterhin. Was sich ändert, ist die Zeit danach.
Der brauchbarste Einzelindikator: Wie schnell frisst es nach einer Aufregung weiter? Und: Legt es sich hin? Ein Pferd, das liegt, fühlt sich sicher.
Was, wenn ich den Stall nicht wechseln kann?
Dann wird das Erreichbare ausgereizt: mehr Auslaufzeit aushandeln, einen Paddocknachbarn organisieren, Fresszeiten strecken, täglich bewegen.
Das ist nicht dasselbe wie ein Offenstall, aber deutlich mehr als nichts – und häufig der realistische Weg.
Hilft Magnesium?
Nur bei einem tatsächlichen Mangel – und der ist bei pferdegerechter Ration selten und am Verhalten nicht abzulesen.
Magnesium ist kein Beruhigungsmittel: Ohne Mangel wird der Überschuss ausgeschieden. Sinnvoller ist, die Ration durchrechnen zu lassen.
Was ist beim Turnierstart zu beachten?
Jede Mischung gehört vorher auf ihre Zusammensetzung angesehen. Einzelne Pflanzen sind in der ADMR als verbotene Substanzen geführt, darunter Baldrian.
Und nicht nur Beruhigendes ist betroffen: Salicylathaltige Pflanzen wie Mädesüß oder Weidenrinde tauchen in Mischungen auf, ohne dass man es erwartet.
Ist viel Training gut für ein nervöses Pferd?
Mehr freie Bewegung ja – mehr Anforderung nicht unbedingt. Ein Pferd, das überfordert wird, wird nicht ruhiger, sondern erschöpft und unsicher.
Kurze, häufige Einheiten mit Aufgaben, die gelingen, bringen mehr als lange und seltene.