Die selektive Entwurmung hat sich in den letzten Jahren als zeitgemäßes Vorgehen durchgesetzt: erst Kotprobe, dann entscheiden. Sie ist ein gutes Konzept – aber ein engeres, als häufig dargestellt wird. Dieser Artikel erklärt, für welche Pferde sie gedacht ist, wo ihre Grenzen liegen und warum auch bei Kotproben ohne Befund einmal im Jahr behandelt wird.
Das Wichtigste in Kürze
- Nur für erwachsene Pferde – Fohlen und Jungpferde bis einschließlich vier Jahre brauchen ein anderes Vorgehen
- Nur gegen kleine Strongyliden – dafür wurde das Konzept entwickelt
- Grenzwert 200 Eier pro Gramm Kot, darunter wird nicht behandelt
- Eine Behandlung im Jahr bleibt empfohlen, unabhängig vom Kotbefund – meist zum Jahresende
- Große Strongyliden sind nicht verschwunden und mit der einfachen Kotprobe nicht erfassbar
- Auf Betrieben mit Strongylus vulgaris wird selektiv nicht entwurmt
Die Idee hinter der selektiven Entwurmung
Bei erwachsenen Weidepferden sind Infektionen mit kleinen Strongyliden die Regel, nicht die Ausnahme. Die meisten Pferde entwickeln im Lauf des Lebens eine Immunität, die die Eiproduktion weitgehend unterdrückt – sie tragen Würmer, scheiden aber kaum Eier aus.
Wenige verursachen viel
Ein kleiner Teil der Pferde scheidet dauerhaft viele Eier aus und kontaminiert damit die Weide für alle. Genau diese Tiere zu behandeln, ist der Kern des Konzepts.
Refugien erhalten
Wer nicht alle Pferde behandelt, lässt einen Teil der Wurmpopulation unbehandelt. Diese Restbestände verdünnen die resistenten Linien – das ist die Begründung für den Grenzwert.
Weniger Mittel, weniger Belastung
Jede Wurmkur wirkt auf mehr als nur die Würmer. Die ausgeschiedenen Wirkstoffe belasten zudem Bodenlebewesen – ein Argument, das in der Diskussion oft untergeht.
Was offen ist
Ob die selektive Entwurmung bei erwachsenen Pferden die Resistenzentwicklung tatsächlich bremst, ist nicht erwiesen. Möglicherweise ist die Behandlungsfrequenz bei Fohlen und Jungpferden der wichtigere Hebel.
Für welche Pferde die selektive Entwurmung gilt
Drei Einschränkungen, die häufig fehlen
- Nur erwachsene Pferde. Fohlen und Jungpferde bis einschließlich vier Jahre haben noch keine belastbare Immunität; für sie gilt ein eigenes Vorgehen mit häufigeren Kontrollen.
- Nur kleine Strongyliden. Dafür wurde das Konzept entwickelt. Bandwürmer, Spulwürmer und Pfriemenschwänze brauchen eigene Nachweise.
- Nur als Konzept für den ganzen Bestand. Einzelne Pferde selektiv zu entwurmen, während die Weidegenossen ungeprüft bleiben, ergibt wenig Sinn.
Und eine vierte: Eingekapselte Larvenstadien der kleinen Strongyliden in der Darmwand produzieren keine Eier – sie sind in der Kotprobe unsichtbar.
Wo die Grenze zwischen Jungpferd und erwachsenem Pferd liegt
Die Leitlinie zieht sie bei vier Jahren. Fohlen, Jährlinge und Jungpferde bis einschließlich vier Jahre bleiben von der selektiven Entwurmung ausgenommen und werden weiter nach Plan behandelt.
Der Grund liegt in der Biologie: Junge Pferde scheiden Spulwürmer aus, die bei erwachsenen Pferden praktisch keine Rolle mehr spielen, und sie bauen die Abwehr gegen kleine Strongyliden erst auf. Ihre Wurmbürde ist eine andere, und sie wechselt schnell. Ein Dreijähriger ist für dieses Konzept kein erwachsenes Pferd – auch wenn er längst geritten wird.
Die großen Strongyliden sind nicht verschwunden
Lange galten sie als weitgehend zurückgedrängt. Eine dänische Untersuchung fand jedoch eine höhere Verbreitung von Strongylus vulgaris in Betrieben, die selektiv entwurmt hatten, als in Betrieben mit strategischer Entwurmung. Dieser Wurm wandert über Monate durch die Gefäße des Darms und kann schwere Koliken verursachen.
Nachweisen lässt er sich mit der üblichen Eizahlbestimmung nicht – die Eier sehen denen der kleinen Strongyliden gleich. Dafür braucht es eine Larvenanzucht oder einen PCR-Nachweis. Genau deshalb bleibt eine Behandlung im Jahr empfohlen, unabhängig vom Kotbefund, üblicherweise zum Jahresende.
Wo selektiv nicht entwurmt wird
Ist auf einem Betrieb Strongylus vulgaris nachgewiesen, wird dort nicht selektiv entwurmt. Dann gilt die planmäßige Behandlung aller Pferde, bis der Befund ausgeräumt ist.
Das folgt aus dem Wurm selbst: Sein Schaden entsteht durch die wandernden Larven, nicht durch die Zahl der Eier im Kot. Ein Pferd unter dem Grenzwert kann ihn tragen – der Wert, auf dem das ganze Verfahren beruht, sagt über diesen Wurm nichts. Wer einen Verdacht hat, klärt ihn über die Larvenanzucht oder den PCR-Nachweis, nicht über die Eizahl.
Der Ablauf der selektiven Entwurmung
Im ersten Jahr wird kategorisiert: vier Kotproben zwischen April und November, verteilt über die Weidesaison.
| Zeitpunkt | Was geschieht |
|---|---|
| April/Mai | Erste Probe zu Weidebeginn |
| Juni/Juli | Zweite Probe, einige Wochen später |
| August/September | Dritte Probe |
| Oktober/November | Vierte Probe zum Saisonende |
| Über 200 EpG | Behandlung, danach Wirksamkeitskontrolle |
| Jahresende | Behandlung unabhängig vom Befund, nach tierärztlicher Maßgabe |
Drei Gruppen ergeben sich daraus
- Niedrigausscheider: alle Proben unter 200 EpG
- Schwankende Ausscheider: Werte mal darunter, mal mäßig darüber – weiter engmaschig beobachten
- Hochausscheider: durchgehend deutlich erhöht – hier kann eine andere Strategie sinnvoll sein
In den Folgejahren genügen bei stabilem Bild drei Kotproben statt vier. Voraussetzung ist, dass das Pferd über das erste Jahr hinweg in derselben Gruppe geblieben ist. Wer ein Pferd neu in den Bestand nimmt, beginnt bei ihm wieder mit vier.
Die Kotprobe: was sie zeigt und was nicht
Worauf es ankommt
- Hinweis: Frisch entnehmen – je kürzer der Kot gelegen hat, desto besser
- Hinweis: Aus der Mitte des Haufens, ohne Einstreu
- Hinweis: Luftdicht verpacken und kühl lagern, nicht einfrieren
- Hinweis: Zeitnah versenden, möglichst nicht kurz vor dem Wochenende
- Hinweis: Beschriften mit Pferdename und Datum
Zum Verfahren: Die Eizahl wird meist nach dem McMaster-Verfahren bestimmt. Es zählt Eier pro Gramm Kot – also die Ausscheidung, nicht die Wurmlast im Pferd. Mit einem Mikrobiom-Test hat das nichts zu tun: Der eine zählt Wurmeier, der andere beschreibt die Bakterienbesiedlung – zwei verschiedene Untersuchungen am selben Material.
Warum einmal im Jahr trotzdem behandelt wird
Bandwürmer sind über die Kotprobe nicht zuverlässig nachweisbar. Ihre Eier werden in Paketen und unregelmäßig ausgeschieden; eine negative Probe schließt einen Befall deshalb nicht aus. Für Magendasseln gilt dasselbe – deren Larven sitzen im Magen und werden gar nicht ausgeschieden.
Damit sind es drei Dinge, die die Kotprobe nicht zeigt: Bandwürmer, Magendasseln und die eingekapselten Larvenstadien in der Darmwand. Das ist der Grund für die eine planmäßige Behandlung im Jahr. Sie ersetzt keine Diagnostik – sie deckt ab, was die Diagnostik nicht sieht, und bleibt deshalb auch dann, wenn jede Probe des Jahres unter dem Grenzwert lag. Welche zusätzlichen Untersuchungen im Einzelfall sinnvoll sind, entscheidet die tierärztliche Praxis mit dem Labor.
Wirksamkeitskontrolle: hat die Wurmkur gewirkt?
Der Teil, der bei der klassischen Entwurmung fast immer fehlt: nach der Behandlung noch einmal messen.
Warum das wichtiger ist als die Kur selbst
Etwa zwei Wochen nach der Behandlung wird eine zweite Probe untersucht und die Eizahl mit dem Ausgangswert verglichen. Bleibt die Reduktion deutlich hinter dem Erwarteten zurück, spricht das für eine Resistenz gegen den verwendeten Wirkstoff.
Ohne diese Kontrolle bleibt unbekannt, ob die Kur gewirkt hat – und das Pferd gilt als behandelt, obwohl die Würmer geblieben sind. Resistenzen sind bei einzelnen Wirkstoffgruppen verbreitet, weshalb die Kontrolle kein Extra ist, sondern Teil des Verfahrens.
Weidehygiene
Der Teil des Parasitenmanagements, der ohne Medikamente auskommt – und der am häufigsten liegen bleibt.
Was wirkt
- Empfehlung: Pferdeäpfel regelmäßig absammeln – die wirksamste Einzelmaßnahme gegen den Infektionsdruck
- Empfehlung: Besatzdichte begrenzen und Weiden wechseln
- Empfehlung: Geilstellen im Blick behalten – dort sammelt sich die Belastung
- Empfehlung: Neuzugänge vor dem Weidegang untersuchen lassen
Und was umstritten ist
Das Abschleppen der Weide wird oft empfohlen, weil Sonne und Trockenheit Larven abtöten. Bei feuchtem, mildem Wetter verteilt es sie aber gerade über die Fläche, statt sie zu vernichten. Wer schleppt, tut das bei längerer Hitze und Trockenheit – und lässt die Fläche danach ruhen.
Nach der Wurmkur
Viele Halter beobachten nach einer Wurmkur weicheren Kot oder Kotwasser. Belastbare Zahlen dazu gibt es beim Pferd nicht, die Beobachtung ist aber verbreitet genug, um sie ernst zu nehmen.
Was in dieser Phase sinnvoll ist
- Keine weiteren Umstellungen – nicht gleichzeitig Heucharge, Kraftfutter oder Weidezeit ändern (warum das zusammenhängt, steht unter Futterwechsel beim Pferd)
- Raufutter in gleichbleibender Qualität, über den Tag verteilt
- Kraftfutter eher zurücknehmen als aufstocken
- Zeit geben – Wochen, nicht Tage
Was in diesen Wochen zu füttern ist, wie lange es dauert und was Kotwasser dabei bedeutet, steht ausführlich in Nach der Wurmkur: Darmflora beim Pferd unterstützen. Dort findet sich auch der Grund, warum seltener zu entwurmen der beste Schutz für die Darmflora ist – und damit das Argument, das für die selektive Entwurmung spricht.
Kräuter mit Bitterstoffen, Gerbstoffen und Inulin werden in der Phytotherapie für solche Phasen verwendet; kontrollierte Untersuchungen am Pferd gibt es dazu nicht. Eine Mischung dieser Art ist DARMWOHL. Mehr zum Hintergrund in den Artikeln Die Darmflora beim Pferd und Kotwasser beim Pferd.
Häufige Fragen
Was ist selektive Entwurmung?
Erst die Kotprobe, dann die Entscheidung. Behandelt wird nur, wer über dem Grenzwert von 200 Eiern pro Gramm Kot liegt oder bei wem ein anderer Parasitenbefall nachgewiesen wurde.
Der Hintergrund: Erwachsene Weidepferde tragen fast immer kleine Strongyliden, die meisten entwickeln aber eine Immunität und scheiden kaum Eier aus. Die Weide wird vor allem von wenigen Hochausscheidern kontaminiert.
Ab welchem Alter gilt die selektive Entwurmung?
Ab fünf Jahren. Fohlen, Jährlinge und Jungpferde bis einschließlich vier Jahre sind ausgenommen und werden weiter nach Plan behandelt.
Der Grund: Junge Pferde scheiden Spulwürmer aus, die bei erwachsenen Pferden praktisch keine Rolle mehr spielen, und sie bauen die Abwehr gegen kleine Strongyliden erst auf. Ein Dreijähriger ist für dieses Konzept kein erwachsenes Pferd – auch wenn er längst geritten wird.
Ist das für jedes Pferd geeignet?
Nein. Das Konzept ist ausschließlich für erwachsene Pferde gedacht, und es funktioniert nur als Konzept für den gesamten Bestand: Ein selektiv entwurmtes Pferd auf einer Weide mit ungeprüften Pferden bringt wenig.
Dazu kommt eine Ausnahme, die ganze Betriebe betrifft: Ist dort Strongylus vulgaris nachgewiesen, wird nicht selektiv entwurmt, sondern planmäßig behandelt, bis der Befund ausgeräumt ist.
Warum trotzdem einmal im Jahr entwurmen?
Weil die Kotprobe drei Dinge nicht zeigt. Bandwürmer werden unregelmäßig und in Paketen ausgeschieden, eine negative Probe schließt sie nicht aus. Magendassellarven sitzen im Magen und erscheinen gar nicht im Kot. Und eingekapselte Larvenstadien der kleinen Strongyliden in der Darmwand produzieren keine Eier.
Deshalb wird unabhängig vom Befund eine Behandlung im Jahr empfohlen, üblicherweise zum Jahresende – mit einem Wirkstoff, der auch gegen diese Stadien wirkt. Welcher das ist, entscheidet die tierärztliche Praxis.
Sind die großen Strongyliden nicht ausgerottet?
Nein, sie sind selten geworden, aber vorhanden. Eine dänische Untersuchung fand Strongylus vulgaris sogar häufiger in Betrieben, die selektiv entwurmt hatten, als in solchen mit strategischer Entwurmung.
Dieser Wurm wandert über Monate durch die Darmgefäße und kann schwere Koliken auslösen. Nachweisen lässt er sich über eine Larvenanzucht oder einen PCR-Test, nicht über die einfache Eizahl – und ein Pferd unter dem Grenzwert kann ihn tragen.
Wie viele Kotproben braucht es pro Jahr?
Vier im ersten Jahr, danach drei. Die vier verteilen sich zwischen April und November über die Weidesaison; sie dienen dazu, das Pferd einer der drei Ausscheidergruppen zuzuordnen.
Bleibt das Bild über das erste Jahr stabil, genügen in den Folgejahren drei. Ein Pferd, das neu in den Bestand kommt, beginnt wieder mit vier.
Spart selektive Entwurmung Geld?
Nicht zwingend. Kotuntersuchungen kosten, Wurmkuren auch – je nach Zahl der Proben und Pferde kann es günstiger oder teurer sein.
Das Argument ist ein anderes: weniger Wirkstoffeinsatz, erhaltene Refugien und die Wirksamkeitskontrolle, die sonst fehlt. Ob sich dadurch bei erwachsenen Pferden die Resistenzentwicklung tatsächlich bremsen lässt, ist offen.
Mein Pferd hat nach der Wurmkur Kotwasser – normal?
Die Beobachtung ist verbreitet, belastbare Zahlen dazu gibt es beim Pferd nicht. Sinnvoll ist, in dieser Zeit nichts weiter zu ändern: gleichbleibendes Raufutter, keine neue Heucharge, kein zusätzliches Ergänzungsfutter in derselben Woche.
Hält es über Wochen an oder wird der Kot selbst dünn, gehört es abgeklärt.