Zeitgemäßes Parasitenmanagement: Nur behandeln, was wirklich nötig ist – für weniger Resistenzen und ein gesünderes Darmmikrobiom
Was ist selektive Entwurmung und warum ist sie besser? Bei der selektiven (zeitgemäßen) Entwurmung wird vor jeder Behandlung eine Kotprobe untersucht. Nur Pferde mit einer Eiausscheidung über 200 EpG (Eier pro Gramm Kot) werden entwurmt. 70-80% der Pferde haben konstant niedrige Werte und brauchen keine Wurmkur! Das schont den Darm, reduziert Resistenzen und spart langfristig Kosten. 14 Tage nach der Entwurmung erfolgt eine Wirksamkeitskontrolle.
Das Wichtigste auf einen Blick
- Prinzip: Erst Kotprobe, dann entscheiden – nicht pauschal entwurmen
- Grenzwert: 200 EpG (Eier pro Gramm Kot) – darunter keine Behandlung nötig
- Monitoring: 4 Kotproben im ersten Jahr, danach 3 pro Jahr
- Kontrolle: 14 Tage nach Entwurmung Wirksamkeitsprobe
- Für wen: Erwachsene Pferde ab ca. 4 Jahren
- Vorteile: Weniger Resistenzen, gesünderer Darm, langfristig günstiger
1. Warum selektive statt strategische Entwurmung?
Stell dir vor, du nimmst regelmäßig Medikamente, ohne zu wissen, ob du sie überhaupt brauchst. Genau das passiert bei der klassischen, routinemäßigen Entwurmung: Alle Pferde bekommen 2-4x jährlich eine Wurmkur – unabhängig davon, ob sie tatsächlich Würmer haben.
⚠️ Das Problem der pauschalen Entwurmung
- Resistenzentwicklung: Durch übermäßigen Einsatz werden Würmer resistent gegen Wirkstoffe
- Darmflora Schädigung: Jede Wurmkur belastet das empfindliche Darmmikrobiom
- Unnötige Behandlung: 70-80% der Pferde haben konstant niedrige Wurmlasten und brauchen keine Kur
- Umweltbelastung: Wirkstoffe werden ausgeschieden und schädigen Bodenlebewesen
Die Geschichte der Entwurmung
Das strategische Entwurmungsschema stammt aus den 1960er Jahren und wurde damals gegen die gefährlichen "Großen Strongyliden" (Strongylus vulgaris) entwickelt. Dieses Vorgehen war revolutionär und sehr erfolgreich – aber die Zeiten haben sich geändert:
- Die Großen Strongyliden sind heute praktisch ausgerottet
- Die Kleinen Strongyliden dominieren – und sind weniger gefährlich
- Die Resistenzlage hat sich dramatisch verschlechtert
- Wir wissen heute mehr über die Bedeutung des Darmmikrobioms
Der moderne Ansatz: Selektive Entwurmung
Die selektive Entwurmung folgt dem Prinzip: "Nur behandeln, was wirklich nötig ist." Durch regelmäßige Kotproben wird individuell entschieden, welches Pferd tatsächlich eine Wurmkur benötigt – evidenzbasiert statt nach Kalender.
2. Strategisch vs. selektiv im Vergleich
Strategische Entwurmung
Vorgehen: Alle Pferde werden 2-4x jährlich nach Plan entwurmt
- Einfach umzusetzen
- Keine Kotproben nötig
- ❌ Fördert Resistenzen
- ❌ Belastet Darm unnötig
- ❌ Keine Erfolgskontrolle
- ❌ Teurer auf Dauer
Selektive Entwurmung
Vorgehen: Erst Kotprobe, dann individuelle Entscheidung
- ✓ Reduziert Resistenzen
- ✓ Schont das Darmmikrobiom
- ✓ Wirksamkeitskontrolle
- ✓ Langfristig günstiger
- ✓ Evidenzbasiert
- Erfordert Planung
Zahlen, die überzeugen
| Aspekt | Strategisch | Selektiv |
|---|---|---|
| Pferde, die behandelt werden | 100% | 20-30% |
| Wurmkuren pro Pferd/Jahr | 2-4 | 0-2 |
| Wirksamkeitskontrolle | Selten/nie | Immer |
| Resistenzrisiko | Hoch | Gering |
| Kosten/Jahr (Beispiel) | 80-120€ | 60-100€* |
*Bei Pferden mit konstant niedrigen Werten (Mehrheit)
3. So funktioniert die selektive Entwurmung
Der Ablauf im Überblick
Kotprobe sammeln
Frische Probe (max. 12h alt) an Labor senden
Laboranalyse
McMaster-Verfahren ermittelt EpG-Wert
Entscheidung
<200 EpG: keine Kur
>200 EpG: Entwurmung
Kontrolle
14 Tage nach Kur: Wirksamkeitsprobe
Zeitplan im ersten Jahr (Monitoring)
1. Kotprobe
Start des Programms zu Weidebeginn. Kombinierte Sedimentation Flotation zur Artbestimmung.
2. Kotprobe
6-8 Wochen nach der ersten Probe. McMaster Verfahren zur EpG-Bestimmung.
3. Kotprobe
Hochsommer Kontrolle. Die Eiausscheidung ist oft saisonal unterschiedlich.
4. Kotprobe
Herbst Kontrolle vor der Aufstallung. Ggf. zusätzlich Bandwurm-Diagnostik.
In den Folgejahren
Bei stabiler Situation kann die Frequenz auf 3 Kotproben pro Jahr reduziert werden (Frühjahr, Sommer, Herbst). Dein Tierarzt oder das Labor berät dich zur optimalen Frequenz für dein Pferd.
4. Die Kotprobe richtig nehmen
Die Qualität der Kotprobe ist entscheidend für ein aussagekräftiges Ergebnis. Hier die wichtigsten Punkte:
So nimmst du die Probe richtig
- Frische: Maximal 12 Stunden alt (je frischer, desto besser)
- Menge: Mindestens 20g für McMaster, 100g für 3-Tage-Sammelkot
- Entnahme: Aus der Mitte des Haufens (keine Einstreu!)
- Behälter: Gut verschlossener Plastikbeutel oder -gefäß
- Beschriftung: Name des Pferdes + Datum
- Kühlung: Vor Versand 6h auf 8-10°C kühlen
- Versand: Möglichst nicht übers Wochenende
Untersuchungsmethoden
| Methode | Probenart | Was wird ermittelt? |
|---|---|---|
| McMaster Verfahren | Einzelprobe (20g) | Quantitativ: Eier pro Gramm Kot (EpG) |
| Kombi-Verfahren | 3-Tage-Sammelkot (100g) | Qualitativ: Wurmarten + Bandwürmer |
| Erweitertes Screening | Kombination | Artbestimmung + EpG + Bandwurm |
Was kostet eine Kotuntersuchung?
Eine McMaster Untersuchung kostet ca. 15-25€, ein erweitertes Screening ca. 25-35€. Viele Labore bieten Pakete für den Jahresbedarf an. Anbieter findest du z.B. über deinen Tierarzt oder spezialisierte Kotlabore.
5. Der Grenzwert: 200 EpG erklärt
Der Grenzwert von 200 Eiern pro Gramm Kot (EpG) ist international anerkannt und wissenschaftlich fundiert. Aber was bedeutet er konkret?
Unter 200 EpG
Keine Entwurmung nötig!
Das Pferd hat eine geringe Wurmlast, die das Immunsystem gut kontrolliert. Eine Behandlung würde mehr schaden als nutzen.
Ca. 70-80% der Pferde fallen in diese Kategorie.
Über 200 EpG
Entwurmung empfohlen!
Das Pferd ist ein "Hochausscheider" und kontaminiert die Weide stark. Nach der Behandlung folgt die Wirksamkeitskontrolle.
Ca. 20-30% der Pferde sind Hochausscheider.
Warum genau 200 EpG?
Der Grenzwert basiert auf Studien, die zeigten:
- Pferde unter 200 EpG haben keine klinischen Symptome durch Würmer
- Ein gewisser Wurmbefall ist normal und trainiert das Immunsystem
- Die Weide wird hauptsächlich von Hochausscheidern kontaminiert
- Niedrigausscheider bleiben meist ihr Leben lang niedrig
⚠️ Wichtig zu wissen
Ein niedriger EpG-Wert bei einer Probe bedeutet nicht, dass das Pferd nie entwurmt werden muss. Die Eiausscheidung kann saisonal schwanken, und unter besonderen Umständen (Stress, Krankheit, Alter) können auch "Niedrigausscheider" höhere Werte entwickeln. Deshalb ist das regelmäßige Monitoring so wichtig.
6. Wirksamkeitskontrolle nach Entwurmung
Die Wirksamkeitskontrolle ist ein essenzieller Teil der selektiven Entwurmung – und wird bei der strategischen Entwurmung fast nie gemacht!
So funktioniert die Wirksamkeitskontrolle
14 Tage nach der Wurmkur wird erneut eine Kotprobe untersucht. Der EpG-Wert vor und nach der Behandlung wird verglichen.
- Erfolgreiche Behandlung: EpG-Reduktion um mindestens 90-95%
- Mögliche Resistenz: EpG-Reduktion unter 90%
- Konsequenz: Bei Resistenzverdacht Wirkstoff wechseln!
Warum ist die Kontrolle so wichtig?
Die Resistenz Problematik
Gegen einige Wirkstoffe (v.a. Benzimidazole wie Fenbendazol) bestehen bereits weitverbreitete Resistenzen. Das bedeutet: Die Würmer überleben die Behandlung und vermehren sich weiter. Ohne Wirksamkeitskontrolle merkst du das nicht – und wähnst dein Pferd in falscher Sicherheit!
Nur durch Kontrolle erkennst du, ob die Wurmkur überhaupt gewirkt hat.
7. Den Darm nach Entwurmung unterstützen
Auch wenn eine Entwurmung manchmal nötig ist – sie belastet das empfindliche Darmmikrobiom. Wurmkuren unterscheiden nicht zwischen "guten" und "schlechten" Organismen im Darm.
Was passiert im Darm bei einer Entwurmung?
- Die Darmflora wird vorübergehend gestört
- Nützliche Darmbakterien können mit betroffen sein
- Die Darmschleimhaut kann gereizt werden
- Die Verdauung kann für einige Tage beeinträchtigt sein
So unterstützt du den Darm nach der Entwurmung
- Viel Raufutter: Heu ist das beste Futter für eine gesunde Darmflora
- Wenig Kraftfutter: In den ersten Tagen nach der Kur reduzieren
- Darmunterstützende Kräuter: Wegwarte, Andorn, Schafgarbe
- Zeit geben: Der Darm braucht ca. 2-4 Wochen zur Regeneration
Kräuter zur Darmunterstützung
Nach einer Entwurmung profitiert der Darm besonders von unterstützenden Kräutern:
Wegwarte
Reich an Inulin – ein natürliches Präbiotikum, das die guten Darmbakterien füttert und das Mikrobiom wieder aufbaut.
Andorn
Reich an Bitterstoffen – regt die Verdauungssäfte an und fördert die natürliche Darmtätigkeit.
Schafgarbe
Enthält Gerbstoffe und ätherische Öle – beruhigt den Darm und unterstützt die Regeneration der Darmschleimhaut.
8. Weidehygiene als wichtige Ergänzung
Die beste Entwurmungsstrategie nützt wenig, wenn die Weide stark kontaminiert ist. Weidehygiene ist ein unterschätzter Faktor im Parasitenmanagement!
Effektive Weidehygiene Maßnahmen
- Kot absammeln: Mindestens 2x pro Woche – reduziert Wurmeier auf der Weide drastisch
- Weidewechsel: Regelmäßige Rotation gibt der Weide Zeit zur "Selbstreinigung"
- Besatzdichte: Nicht zu viele Pferde pro Hektar (2-3 Pferde/ha optimal)
- Mähen/Mulchen: UV-Strahlung tötet Wurmeier ab
- Geilstellen meiden: Pferde meiden instinktiv kontaminierte Stellen
Wusstest du?
Regelmäßiges Absammeln des Kots (2x wöchentlich) kann den Infektionsdruck auf der Weide um bis zu 90% reduzieren – ganz ohne Medikamente!
9. Häufig gestellte Fragen
Was ist selektive Entwurmung beim Pferd?
Bei der selektiven Entwurmung wird vor jeder Behandlung eine Kotprobe untersucht. Nur Pferde mit erhöhter Eiausscheidung (über 200 EpG) werden entwurmt. So werden unnötige Behandlungen vermieden, Resistenzen reduziert und das Darmmikrobiom geschont.
Ab welchem Wert muss mein Pferd entwurmt werden?
Der internationale Grenzwert liegt bei 200 Eiern pro Gramm Kot (EpG). Pferde unter diesem Wert benötigen keine Wurmkur. Pferde über 200 EpG sollten behandelt werden, mit anschließender Wirksamkeitskontrolle nach 14 Tagen.
Wie oft muss ich eine Kotprobe machen lassen?
Im ersten Jahr werden 4 Kotproben empfohlen: zwei im Frühjahr (Abstand 6-8 Wochen), eine im Hochsommer, eine im Herbst. Bei stabiler Situation kann die Frequenz in Folgejahren auf 3 Proben reduziert werden.
Was kostet eine Kotuntersuchung beim Pferd?
Eine McMaster Untersuchung kostet ca. 15-25€ pro Probe, ein erweitertes Screening ca. 25-35€. Im Vergleich zu regelmäßigen Wurmkuren (4x jährlich ca. 80-120€) kann selektive Entwurmung langfristig sogar günstiger sein.
Ist selektive Entwurmung für alle Pferde geeignet?
Selektive Entwurmung wird für erwachsene Pferde ab ca. 4 Jahren empfohlen. Fohlen und Jungpferde benötigen ein angepasstes Programm mit häufigeren Kontrollen und strategischen Entwurmungen, da ihr Immunsystem noch nicht ausgereift ist.
Was ist das McMaster Verfahren?
Das McMaster-Verfahren ist eine standardisierte Labormethode zur quantitativen Bestimmung von Wurmeiern im Kot. Es ermittelt die Eier pro Gramm Kot (EpG) und bildet die Grundlage für die Behandlungsentscheidung.
Warum ist die Wirksamkeitskontrolle wichtig?
14 Tage nach der Entwurmung wird erneut eine Kotprobe untersucht. So wird überprüft, ob das Wurmmittel gewirkt hat. Wegen zunehmender Resistenzen gegen manche Wirkstoffe ist diese Kontrolle essenziell – nur so erkennst du, ob die Behandlung erfolgreich war.
Wie unterstütze ich den Darm nach einer Entwurmung?
Wurmkuren belasten das Darmmikrobiom. Nach der Entwurmung empfiehlt sich: viel Raufutter, wenig Kraftfutter, und eine 2-4-wöchige Kur mit darmunterstützenden Kräutern wie Wegwarte, Andorn und Schafgarbe, um die Darmflora wieder aufzubauen.